Beim Betreten der Kirche werde ich mit dem Duft eines leckeren Rinderbratens empfangen, höre angeregte Unterhaltungen und sehe lachende Kinder herumspringen", beschreibt Manuela Walcher ihren ersten Eindruck von der Vesperkirche in Ravensburg. Mit Begeisterung und Freude übernimmt Walcher die Organisation der ersten Vesperkirche in Memmingen.

"So ein Projekt, das schon in mehr als 50 überwiegend evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland existiert, soll es auch bei uns geben. Wir wollen Nächstenliebe leben und alle in der Kirche willkommen heißen, unabhängig von Religion, Alter, Herkunft oder Geldbeutel", dachten sich Dekan Christoph Schieder vom evangelischen-lutherischen Dekanat Memmingen und Stefan Gutermann, Vorstand Diakonie Memmingen. In Pfarrer Holger Scheu fanden sie einen Verbündeten, der sich sofort bereit erklärte, seine Christuskirche zur Verfügung zu stellen.

Kultur des Willkommenseins

Die Initiatoren sind sehr stolz darauf, dass die Vesperkirche auch die erste ihrer Art in Südbayern sein wird. Es soll hier eine Kultur des Willkommenseins entstehen, um auch die Ökumene breit zu fördern. Begegnungen zwischen total unterschiedlichen Menschen werden stattfinden, um soziale Kontakte zu knüpfen und das Selbstbewusstsein zu stärken.

Vom 2. bis 16. Februar 2020 verwandelt sich die Christuskirche mit 140 Plätzen in eine Wohlfühloase mit dezent geschmückten Tischen und Sitzgelegenheiten. Unter dem Motto "Jeder is(s)t hier richtig!" erlebt die Gemeinde eine besondere Atmosphäre mit gemeinsamem Mittagessen, Getränken, Kaffee und Kuchen (2 Euro pro Person). Zusätzlich zur Kinderbetreuung wird ein kulturelles Rahmenprogramm (auch abends) angeboten.

Ferner beinhaltet der kostenlose Service unter anderem eine Nähstube, einen Friseur, eine Fotobox, individuelle Sozialberatung, Seelsorge sowie die Möglichkeit eines Arztbesuchs. Zu den täglichen Andachten und Sonntagsgottesdiensten sind Besucherinnen und Besucher "sehr gern" eingeladen.

Christuskirche Memmingen.
Christuskirche Memmingen.

Die Vesperkirche wird ausschließlich über Spendenmittel finanziert – Bedarf circa 70 000 Euro. Für die erste Vesperkirche gibt es einen Zuschuss seitens der Evangelischen Landeskirche Bayern und des Diakonischen Werks Bayern in Höhe von 15 000 Euro. Über Sach- oder Geldspenden freuen sich die Veranstalter.

Und über Helfer: "Ohne freiwillige helfende Hände ist das Konzept nicht zu stemmen", weiß Diakonin Sabrina Schade, die für das Ehrenamt zuständig zeichnet. Es werden an die 200 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gebraucht, die in zwei Schichtbetrieben die Crew unterstützen. "Für jeden wird der passende Bereich zur Arbeit gefunden", versichert Schade. Sowohl Besucher wie auch Ehrenamtliche sollten sich wohlfühlen.

Unbezahlbare Erfahrungen

Stefan Gutermann wünscht sich interessante Begegnungen zwischen den unterschiedlichsten Menschen: "Ich will mit Leuten an einem Tisch sitzen, mit denen ich sonst nie in Berührung käme. Es sind Erfahrungen, die man nicht mit Geld bezahlen kann".

Dekan Schieder und Pfarrer Scheu sind sich einig: "Die Vesperkirche ist eine Herausforderung. Wir wollen die Menschen erreichen und aus ihren Nischen und aus der Scham rausholen. Es ist keine Armenspeisung, sondern eine gelebte Inklusion zwischen arm, reich, krank, gesund, wohnhaft und wohnungslos." Es gehe um Nächstenliebe, aber auch um emotionale Bindung vereinsamter Menschen. Ziel sei es, die Vesperkirche nachhaltig fortzuführen – wenn möglich auch in anderen Kirchen – und "Wiederholungstäter anzulocken".

Mit dem Memminger Oberbürgermeister Manfred Schilder und dem Kabarettisten Maxi Schafroth hat die erste Vesperkirche zwei namhafte Schirmherren gewonnen.

INFO

Infoveranstaltungen zum Thema Ehrenamt in der ersten Vesperkirche Memmingen finden am Dienstag, 5. November, um 10 Uhr, 14.30 Uhr und 19.30 Uhr in der Christuskirche (Schweitzer Straße 21) statt.