5.01.2017
Kirche im Wandel

In Baden-Württemberg haben evangelische Vesperkirchen eine lange Tradition. Im »Ländle« gibt es mehr als 30 solcher Angebote, meistens in größeren Städten, der regionale Schwerpunkt liegt traditionell eher in Württemberg. In Bayern sind Vesperkirchen ein vergleichsweise neues Angebot der evangelischen Kirche.
Vesper in der St. Johanniskirche Schweinfurt
Ein ungewohnter Ort zum Speisen: Vesper in der St. Johanniskirche in Schweinfurt

Im Januar und Februar 2015 hat in Schweinfurt die erste offizielle Vesperkirche im Freistaat stattgefunden - als ein von der Landeskirche und bayerischer Diakonie ausgelobtes Pilotprojekt, um das sich die Gemeinden bewerben konnten. Den Zuschlag erhielt damals St. Johannis in Schweinfurt.

In Schweinfurt geht es seit drei Jahren - wie auch in Württemberg, wo es Vesperkirchen seit mehr als 20 Jahren gibt - um gemeinsames Essen und Begegnung. Dazu werden in der Schweinfurter St. Johanniskirche Tische und Stühle aufgestellt. Während der Vesperkirchen im Januar und Februar ist zwischen 11.30 Uhr und 14.30 Uhr jeder eingeladen, in die Kirche zu kommen: zum Essen, zum Reden, auch mit Seelsorgern. Um 13 Uhr findet jeden Tag eine fünfminütige geistliche Besinnung statt. Damit es sich jeder leisten kann, gibt es Vorspeise, Hauptgericht sowie Kaffee und Kuchen für einen symbolischen Preis von 1,50 Euro. 

In Nürnberg hat es in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche 2016 zum ersten Mal eine Vesperkirche gegeben. Gustav-Adolf hatte sich zuvor ebenfalls bei der Landeskirche für die Anschubfinanzierung beworben, die dann Schweinfurt bekam. Das Projekt in der Nürnberger Südstadt brachte 300 Ehrenamtliche auf die Beine, 500 Gäste kamen täglich in den mit Tischen vollgestellten Kirchenraum. Gut 30.000 Essenportionen wurden in sechs Wochen ausgegeben und 10.000 Liter Gratis-Kaffee. Friseurin, Sozialberatung, kostenlose Zeitung, kostenlose hochkarätige Konzerte und Theateraufführungen gehörten zum Rahmenprogramm.

Diakonie Schweinfurt Vesperkirche St. Johannis
Hierher lädt die Schweinfurter Diakonie zum gemeinsamen Essen ein: St. Johannis

Im Schatten der großen Nürnberg Vesperkirche steht die Vesperkirche »MahlZeit« in Langwasser. Sie dauert acht Tage, täglich kommen etwa 100 Menschen vor allem aus dem Stadtteil. Wenn die 2014 abgebrannte evangelisch-reformierte Marthakirche beim Nürnberger Hauptbahnhof wieder aufgebaut ist, soll auch hier eine Vesperkirche stattfinden, plant das Presbyterium. Auch in Würzburg gibt es seit November 2015 eine »Vesperkirche light«, die vier Mal mittwochs in die Kirche St. Stephan zum Mittagessen eingeladen hatte; eine zweite Auflage hatte bereits im Juli dieses Jahres stattgefunden. Das Essen kostet dort 2,50 Euro.

Weitere offizielle Vesperkirchen gibt es in Bayern derzeit nicht, wohl aber vielerorts Überlegungen, auch eine einzurichten, oder auch ganz ähnliche Projekte wie kostenlose oder vergünstigte Mittagessen. Diese Angebote unterscheiden sich in der Regel vor allem dadurch von einer Vesperkirche, weil das gemeinsame Essen nicht im Kirchenraum, sondern meist in einem Gemeindezentrum stattfindet. Vesperkirchen bieten oft auch kulturelles Rahmenprogramm, ein soziales Beratungsangebot und geistliche Impulse. Katholische Kirchen bieten keine Vesperkirchen an.

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