19.12.2017
Car-Sharing für Ältere

Beim Projekt »gemeinsam mobil« in Augsburg-St.-Thomas bringen Ehrenamtliche ältere oder behinderte Menschen mit Leihautos zum Ziel. Das hilft den Betroffenen – und ermöglicht ihnen regelmäßige Begegnungen mit den Helfern.
Das Projekt "gemeinsam mobil" der Kirchengemeinde St. Thomas in Augsburg
»Wir sind Zuhörer, Seelentröster und Motivator«, sagt Sabine Kauth (li.): Dank ihrer Begleitung kann Helga Weiglein mit dem Fahrzeug von »gemeinsam mobil« wieder Freunde besuchen.

Schon kleine Erledigungen oder Besuche können für sie zum Problem werden: Ältere Menschen, die in ihrer Beweglichkeit zunehmend eingeschränkt sind und nicht mehr selbst Auto fahren, fühlen sich abgehängt. Auch Kulturveranstaltungen scheinen oft unerreichbar. Das beobachtete Matthias Reinsch an seinen Eltern und an Nachbarn. Der Kirchenvorsteher der evangelischen Kirchengemeinde St. Thomas in Augsburg gründete daraufhin ein Projekt, das die Lösung schon im Namen trägt: »gemeinsam mobil«. Ein Ehrenamtlicher begleitet dabei jemanden, der selbst bestimmt, wohin es geht. Das Auto dazu kommt von einem Car-Sharing-Verein.

Reinsch sah eine Möglichkeit, den Bedarf an Hilfe und die Helfer zusammenzubringen. Der Kirchenvorsteher ist auch Vorsitzender des Augsburger Car-Sharing-Vereins »BeiAnrufAuto«, der seit 2001 in Augsburg Autos bereitstellt und sich auch sozial engagiert. 2013 verknüpfte Reinsch schließlich seine beiden ehrenamtlichen Engagements zu »gemeinsam mobil« mit Unterstützung der Kirchengemeinde und des Vereins zum Autoteilen.

»gemeinsam mobil« versteht sich als Nachbarschaftshilfe

Das Projekt möchte keine Taxi-Dienste anbieten. Es versteht sich eher als Nachbarschaftshilfe. Da ist die 97-jährige Maria Klein, die weiterhin zu ihrer wöchentlichen Skatrunde gehen will. Hanna Wrensch sucht eine günstige Möglichkeit, zum 60. Geburtstag ihres Sohns nach Nürnberg zu fahren. Andere Senioren schaffen es nicht mehr, allein zum Arzt gehen. Und immer ihre Angehörigen um Hilfe bitten, möchten oder können sie auch nicht. Bedarf an Begleitung gibt es viel, nicht nur bei Senioren, sondern auch bei Menschen mit Behinderung. »Gemeinsam mobil« möchte ihren Bewegungsradius erweitern, was vor allem auch bedeutet: »auto-mobil« sein.

Aber was genau treibt die ehrenamtlichen Begleiter an? »Mir gefällt der soziale Kontakt zu älteren Menschen«, erzählt Sabine Kauth, die ihre knappe Freizeit dem Projekt zur Verfügung stellt. »Das ist sehr persönlich, weil ich immer dieselben Leute fahre.« Wenn sie Frau Klein zum Kartenspielen mit Freunden gebracht hat, erledigt sie noch deren Einkäufe oder Postgänge. Beim Abholen sitzen die beiden dann bei einer Tasse Kaffee zusammen und reden. »Bei manchen wirst du sehr in ihr Leben hineingezogen«, so die Begleiterin. »Aber sie haben auch viel zu erzählen.«

Projekt wurde als barrierefrei ausgezeichnet

Fahrerin Edda Sevenich konnte auch in fremde Lebensbereiche blicken, als sie eine Dame einmal im Monat zu ihrem Sohn im Gefängnis gefahren hat. »Auf diesen längeren Fahrten bekommt man doch einiges von ihrem Leben mit«, resümiert sie: »Auch wenn das oft eher traurige Geschichten sind.« Beiden Begleiterinnen gemeinsam ist das Gefühl, »etwas Gutes getan zu haben«. Denn, wie Kauth meint: »Wir sind Zuhörer, Seelentröster und oft Motivator, wenn sich die Menschen nichts mehr zutrauen.« Seit einigen Monaten kann man die Fahrt auch mit Rollstuhl machen. Auf dem Gelände der St.-Thomas-Gemeinde ist ein »Inklusions-Fahrzeug« abgestellt, das von mehreren Initiativen genutzt wird. In diesen Kastenwagen kann man dank Rampe selbst Elektro-Rollstühle bequem einladen. Seither ist das Projekt auch mit dem Signet »Bayern barrierefrei« ausgezeichnet.

Nicht nur Mitglieder der Kirchengemeinde haben sich bisher über die Initiative angemeldet. Und die ehrenamtlichen Begleiter verstehen sich auch nicht als Taxifahrer. »Wir möchten vor allem soziale Begegnungen ermöglichen und Menschen selbstständig halten«, erklärt Matthias Reinsch. Möglich ist das, weil die Fahrer als beitragsfreie Mitglieder bei »BeiAnrufAuto« versichert sind.

Monatsbeitrag liegt bei acht Euro

Wer Fahrer und Auto in Anspruch nehmen möchte, muss jedoch zahlen. Zum Monatsbeitrag von acht Euro werden 21 Cent pro Kilometer und 1,20 Euro pro Stunde berechnet. »Da lohnt es sich, das eigene Fahrzeug zu verkaufen, das viele nicht aufgeben wollen, um mobil zu bleiben«, meint Reinsch. Der Bedarf werde in Zukunft eher noch steigen, glaubt er. Deshalb ist Reinsch weiter auf der Suche nach Ehrenamtlichen. Sie müssen auch nicht aus der Gemeinde kommen.

Kontakt für Ehrenamtliche

Wer Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit bei dem Projekt hat, kann sich bei der Kirchengemeinde St. Thomas melden unter: (08 21) 79 61 72 61

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