9.02.2017
Die Briefmarkenverwertung in Herzogsägmühle

Große Welt mit kleinen Zacken

Für Philatelisten ist die Briefmarkenverwertung im Diakoniedorf Herzogsägmühle eine Fundgrube. Und selbst kaputte Marken haben noch einen Zweck.
Briefmarkenverwertung Herzogsägmühle
Mitarbeiter wie Herwig Greiner richten die Marken für den Versand an die Händler her.

Von Peru bis Garmisch reicht der Kreis der Spender für die Briefmarkenverwertung Herzogsägmühle. Pro Jahr kommen hier rund sechs Tonnen der kleinen, manchmal exotischen, manchmal alltäglich bebilderten Postwertzeichen an.

Die nach Millionen zu rechnenden Mengen sind, wie Manfred Baum von der Leitung des Betriebs sagt, für die Händler interessant: »Da ist für jeden etwas dabei.« 80 Prozent der im Diakoniedorf anlangenden Sendungen stammen von Kleinspendern, der Rest wird von Behörden und Firmen eingeschickt. Praktisch für Spender: die Herzogsägmühler Schachtel, ein zusammenfaltbarer Karton mit einem Einwurfschlitz. Sie wird vor allem von Ämtern und Unternehmen genutzt. Man kann das praktische Kleinstmöbel selbst abholen oder sich schicken lassen.

»28 Mitarbeiter sortieren die Marken nach 52 Kriterien«, berichtet Manfred Baum. Das richtet sich unter anderem danach, ob es sich um Wohlfahrtsmarken handelt, nach dem Stempel (Wellen oder rund, Sammler wollen den Vollstempel), nach Ausland oder Inland und anderen Gesichtspunkten mehr. Beschädigte Marken werden vernichtet, das daraus resultierende Altpapier wird verwertet – somit taugt die lädierte Briefmarke auch noch etwas, wenn sie keinen Sammlerwert hat.

Bildchen im Zehn-Kilo-Sack

Die Marken werden vom Team der Briefmarkenverwertung übrigens nicht abgelöst. Das bleibt den Händlern überlassen, die dafür verschiedene Techniken verwenden. Die sorgsam zugeschnittenen, unverletzten Briefmarken werden in Zehn-Kilo-Säcke verpackt. Mehrere Händler nehmen im Jahr 300 bis 400 Kilo Marken ab und bringen sie in den Handel. Das dürfte im Übrigen ein schrumpfendes Geschäft sein. Wie sagt doch Manfred Baum: »Briefmarkensammeln ist bei der Jugend nicht mehr angesagt, die hat Handys, Smartphones und Laptops. Das Interesse beginnt bei den Sechzigjährigen aufwärts.«


Wer sich mit Mitarbeitern unterhält, erfährt viel von Zufriedenheit. Herwig Greiner beispielsweise arbeitet seit drei Jahren hier. Er sagt: »Die Arbeit gefällt mir gut, sie ist interessant und spannend.« Er schneidet ohne Zeitdruck mit Liebe und Sorgfalt die Wertzeichen aus und sortiert sie. Privat hat der 58-jährige Hohenpeißenberger nichts mit Briefmarken zu tun. Er liest lieber und spielt Schach.
Ein Jahr jünger ist sein Kollege Franz-Xaver Wiedemann, der schon seit 28 Jahren in Herzogsägmühle lebt und seit 2001 in der Briefmarkenverwertung arbeitet.

Er trägt auch noch besondere Verantwortung, weil er die Marken-Träger in den Reißwolf befördern muss; das geschieht aus datensschutzrechtlichen Gründen. Wiedemann, der als lebendes Lexikon der Abteilung gilt, weil er so belesen ist, sagt: »Es ist schön hier, die Atmosphäre ist gut, es herrscht kein Lärm, und wir verstehen uns gut.« Als Schüler hat er einmal Briefmarken gesammelt, heute gilt sein Interesse der Literatur.

Angefangen hat die Briefmarkenverwertung des Diakoniedorfs vor etwa 20 Jahren. Damals betrug der Jahresumsatz etwa 30 000 Mark, heute liegt er bei rund 50 000 Euro. »Wir wollen nicht mehr größer werden als wir sind«, beschreibt Baum den Status. Für die Beschäftigten, Menschen mit besonderen seelischen Belastungen, ist Anerkennung für ihre Arbeit vorrangig. Da es sich um eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit handelt, wissen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch, dass sie niemandem auf der Tasche liegen.

Das Angebot für Sammler ist üppig. Das Sortiment reicht von BRD-Sondermarken, gültigen, postfrischen Briefmarken, BRD-Freimarken zu Auslandsmarken sowie von Einzelmarken der altdeutschen Staaten, Deutschland bis 1945, SBZ (Sowjetische Besatzungszone), Berlin, DDR, Deutschem Reich, Deutschland ab 1949 bis hin zu Motiven aus Europa und aller Welt.

Im Übrigen erreichen die Briefmarkenverwertung immer wieder beeindruckende Spenden – so lieferten sich unlängst Klassen aller Jahrgangsstufen in einer Schule in Dießen am Ammersee einen Wettstreit, welche Klasse innerhalb von vier Wochen die meisten gebrauchten Briefmarken sammelt. Es gewannen die Schülerinnen und Schüler der sechsten Stufe, die zur Belohnung das Diakoniedorf besuchen durften – und dabei 114 000 Briefmarken überreichten.

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Sonntagsblatt