Ein gewalttätiger Partner, Mietrückstände, psychischer Druck - die Gründe von Wohnungslosigkeit bei Frauen sind vielfältig. Seit 60 Jahren unterstützt der Evangelische Beratungsdienst für Frauen der Diakonie München und Oberbayern die Betroffenen.

Zu seinen prominenten Ablegern zählen das Frauenobdach Karla 51 und die beiden Einrichtungen der "Lebensplätze", die älteren wohnungslosen Frauen ein Zuhause bieten. Am 24. Juni veranstalten die Einrichtungen einen Fachtag zum Thema "Wohnungslose Frauen". Ein Gespräch mit Monika Schmidt, Leiterin der Stationären Wohnungshilfe des Beratungsdiensts.

Frau Schmidt, warum werden Frauen obdachlos?

Monika Schmidt: Ältere Frauen flüchten oft aus einer gewalttätigen Beziehung. Sie schlafen dann mal bei einer Bekannten auf der Couch oder in der Bahnhofsmission oder verbringen die Nacht in der S-Bahn. Manchmal gehen sie für ein Dach über dem Kopf auch eine Zweckgemeinschaft mit einem Mann ein, in der sie als Haushaltshilfe oder für sexuelle Dienste ausgebeutet werden. Bei jüngeren Frauen kommen oft viele Faktoren zusammen: Keine Förderung durch das oft belastete Elternhaus, Gewalterfahrungen, wechselnde Aufenthalte in der Jugendhilfe, Schulprobleme, abgebrochene Lehre, Schulden, eine Partnerschaft, die nicht förderlich ist. Gemeinsam ist ihnen, dass Frauen ihre Wohnungslosigkeit nach Möglichkeit geheim halten. Auf der Straße leben die wenigsten. Trotzdem geht man davon aus, dass etwa 35 Prozent der Wohnungslosen weiblich sind - das ist ganz schön viel.

Begonnen hat der Evangelische Beratungsdienst vor 60 Jahren mit stationären Angeboten und der Straffälligenhilfe. Heute gibt es Wohngemeinschaften und Hilfen für Frauen, die noch eine eigene Wohnung haben, sowie spezielle Beratung für Familien. Wofür ist die Vielfalt wichtig?

Viele unserer Frauen durchlaufen bei uns mehrere Stationen, bevor sie wieder alleine zurechtkommen. Früher mussten wir jemanden aus der stationären Hilfe direkt in die Eigenständigkeit schicken. Natürlich haben wir vorher versucht, familiäre Probleme und schwierige Muster zu klären sowie Ressourcen zu stärken. Aber wir wussten nicht, ob die Frau es alleine mit Job, Behördensachen, Tagesstruktur wirklich schafft. Durch unsere Integrationshilfen haben wir ein abgestuftes System, in dem wir Frauen besser in die Selbstständigkeit begleiten können oder durch ambulante Beratung von vornherein in ihrer Wohnung halten können. Ohne solche begleiteten Übergänge ist die Gefahr des Wohnungsverlusts größer - und am Ende gefährdet es teils den Erfolg der Hilfen.

Der Sozialstaat steht zurzeit im Fokus der politischen Spar-Debatte. Welche Folgen hätte es, wenn Sie Ihr Angebot reduzieren müssten?

Mehr Leid und höhere Kosten. Ob ich eine eigene Wohnung als Rückzugsort habe, ist für die persönliche Stabilität ein zentraler Punkt. Dafür sollten alle Beteiligten - Behörden, Jobcenter, Polizei, soziale Einrichtungen - zusammenarbeiten, denn Wohnungslosigkeit ist für die Gesamtgesellschaft langfristig teurer als differenzierte Hilfsangebote.