19.04.2015
Bundesverband der Tafel

Kein Platz mehr auf dem Tafel-Markt?

Menschen in Armut, die auf preiswerte Lebensmittel der Tafel angewiesen sind, gibt es in Nürnberg viele. Eine "Konkurrentin" der Tafel ist deren Vorstand aber ein Dorn im Auge.
Elvira Vuskow in ihrem Laden "Hilfswerk und Tafel" in Nürnberg
Elvira Vuskow in ihrem Laden "Hilfswerk und Tafel" in Nürnberg

Die über 900 Tafeln in Deutschland haben es sich zur Aufgabe gemacht, bedürftigen Menschen Lebensmittel zu geben, die sonst vernichtet würden. Das gleiche Ziel verfolgt auch Elvira Vuskow. Die Nürnbergerin hat im Süden der Stadt im Januar 2015 einen Laden eröffnet und darüber "Hilfswerk & Tafel" geschrieben. Sie verkauft äußerst kostengünstig Lebensmittel, die sie von Supermärkten bekommen hat. An diesem Mittwoch gab es beispielsweise ein Pfund Champignons für 53 Cent, ein Schälchen mit 400 Gramm Fleischsalat für 50 Cent. Viel Obst und Gemüse liegt im 75 Quadratmeter großen Geschäft in der Wodanstraße auf den Verkaufstischen, palettenweise Joghurt und Frühstücksflocken sind derzeit da.

Der Vorsitzende der Nürnberger Tafel, Albert Ziegler, ist über diese Konkurrenz entrüstet: Seiner Ansicht nach darf der Begriff "Tafel" nicht Bestandteil von Vuskows Vereinsnamen sein. Er habe mit Vuskow telefoniert und ihr gesagt, dass sie ein eingetragenes Markenzeichen benutze, das geschützt sei, sagt Ziegler. "Sie war völlig uneinsichtig", erklärt der Tafel-Vorsitzende, "wir haben einen Anwalt eingeschaltet". Er betrachte den Laden als Konkurrenz, fügt er hinzu.

Die umtriebige Russlanddeutsche Vuskow will dagegen gerne dem Bundesverband der Tafeln beitreten. Sie hat einen Antrag gestellt und daraufhin von der Ländervertretung Bayern-Nord eine Absage erhalten. Es gebe bereits eine Nürnberger Tafel, "daher kann eine zweite in Nürnberg nicht genehmigt werden", heißt es in dem Schreiben, das dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt.

Der Bundesvorsitzende der Tafeln, Jochen Brühl, sagt dazu: "Wenn Engagierte vor Ort eine Tafel gründen möchten, vergibt der Bundesverband nach positiver Prüfung den Namen ›Tafel‹". Die Tafelgrundsätze, Qualitäts- und Hygienestandards müssten freilich eingehalten werden. Außerdem müssten die Nachbar-Tafeln einer Neugründung zustimmen, fügt Pressesprecherin Stefanie Bresgott an: "Unser Ziel ist es nicht, immer mehr Tafeln zu gründen, sonst würde man uns zu Recht vorwerfen, wir würden Armut verfestigen."

Etwa 9.000 Nürnberger Familien beziehen Arbeitslosengeld II

Im neuen Familienbericht der Stadt Nürnberg steht, dass etwa 9.000 Familien in der Frankenmetropole von Arbeitslosengeld II abhängig sind. Insgesamt leben in Nürnberg 25.000 Kinder in Armut, sagt die Stadtmission, "etwa 100.000 Menschen in ärmlichen Verhältnissen". Immer mehr Asylbewerber und immer mehr Rentnerinnen müssen sehen, wie sie mit nur wenig Geld über die Runden kommen.

Elvira Vuskow, die nach eigenen Angaben einmal im Lebensmittel-Großhandel gearbeitet hat, setzt derzeit Freunde und Familienmitglieder in ihrem Laden "Hilfswerk und Tafel" ein, der Montag bis Freitag am Nachmittag geöffnet hat. Langfristig möchte sie mit "Ein-Euro-Jobbern" arbeiten. Sie hat ausgerechnet, dass die bestehende Nürnberger Tafel etwa 6.000 Kunden hat. Da blieben noch ein paar Arme übrig, meint sie.

Ihre Kunden müssten niemals vor der Ladentür Schlange stehen, hat sie sich geschworen, eine Milchglasscheibe in der Schaufensterfront erlaubt nicht einmal, in den Laden zu gucken. Neben den verpackten Lebensmitteln und Obst und Gemüse können die Tafel-Besucher von Vuskow und ihrer Familie selbst eingekochte Marmelade, Gemüseeintopf Letscho oder "koreanischen Nudelsalat" bekommen. 60 Cent für einen Liter Letscho, das sie aus Resten zubereitet, damit sie nur wenig Lebensmittel wegwerfen muss. Demnächst möchte Vuskow Frühstück, Mittag- und Abendessen anbieten.

Könnte sie nicht auf den Namen "Tafel" verzichten? Menschen, die Hilfe nötig hätten, könnten mit dem Begriff etwas anfangen, daher möchte sie ihn behalten, sagt die abgelehnte Tafelfrau. Zudem würde sie sich gerne auf die Logistik der Tafel stützen können, die große Lagerhallen unterhält, um Großspenden einzulagern, oder die beispielsweise gute Konditionen für Kühlwagen bekommt.

Über die Ablehnung kann sie sich nur wundern, "das ist doch kein Business, wir wollen nur helfen".

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