3.04.2018
Entwicklungshilfe

Mikrokredite aus Unterfranken helfen Frauen in Thailand

Eine sozial-diakonische Asienreise zur See stand am Anfang. Dabei entdeckte Tobias Schüßler aus dem unterfränkischen Hösbach die Not in Fernost – und überlegte, wie man helfen kann. Nun kommt die Hilfe in Thailand an und ermöglicht ausgestiegenen Prostituierten ein neues Leben.
Thailändische Frauen bei der Arbeit, unterstützt von der Hilfsorganisation Global Micro Initiative
Grüße in den Westen: Mit 50 Euro können sich junge berufslose Frauen eine Existenz aufbauen.

Der junge Mann aus dem Dekanatsbezirk Aschaffenburg ging zwei Jahre lang auf große Fahrt mit dem Schiff der Missionsgesellschaft Operation Mobilisation, die auf der Grundlage der Evangelischen Allianz arbeitet. Die Mittel für seine Mobilisierung brachten Mitglieder seiner Kirchengemeinde auf. Mutter Silvia Schüßler motivierte das Basisteam der Gemeinde zu Aktionen, die Geld eintrugen. Der Gemeindebrief druckte Reiseerlebnisse von dem Schiff Logos Hope. Silvia Schüßler sagt noch heute, dreieinhalb Jahre nach Gründung eines eigenen, neuen Hilfswerks für Hinterindien: "Es ist schön für die Gemeinde zu sehen, wie sich etwas entwickelt, was die Gemeinde selbst initiiert hat."

Aus dem Erlebten in Asien hat Tobias Schüßler in Hösbach die kleine gemeinnützige Hilfsorganisation Global Micro Initiative (GMI) mit derzeit 76 Vereinsmitgliedern gegründet. Die arbeitet in Indonesien, Thailand und auf den Philippinen mit örtlichen gemeinnützigen Organisationen zusammen. Dort finanziert sie Schulausbildungen und gibt Mikrokredite für Kleinstunternehmer mit einem Tageseinkommen unter 2,50 Euro.

Doppelte Kleinunternehmerin macht 200 Euro

Jetzt kümmert sich GMI auch um Ausbildungen für Thailänderinnen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. Tobias Schüßler, heute GMI-Vorstandsvorsitzender: "Wir haben sehr lange nach einer Organisation gesucht, die Opfern von Menschenhandel hilft, ihre Traumata aufzuarbeiten, und ihnen durch Ausbildungen und Arbeitsvermittlungen neue Perspektiven anbietet. Mit dem Tamar Center haben wir nun den richtigen Partner gefunden."

Die meisten der Frauen, denen Tamar hilft, wurden bereits sehr jung von ihren Familien nach Pattya geschickt, um in Bars zu arbeiten. Neben Unterkunft und psychologischer Betreuung bietet Tamar diesen Frauen dreimonatige Kurse an, in denen sie lernen, den eigenen Alltag zu gestalten. Dazu Steffi Vaupel vom Tamar Center: "Die meisten beherrschen nicht einmal die Grundlagen des Alltagslebens, weil sich ihre Zuhälter um alles gekümmert haben." Außerdem lernen die Frauen Berufe kennen wie Köchin, Friseurin oder Näherin, und sie stellen Grußkarten her. Das Material dazu, das Starterset, kostet 50 Euro. GMI fördert das. Möchte eine Teilnehmerin anschließend eine Berufsausbildung machen, übernimmt GMI auch hierfür die Kosten.

Existenz aufbauen

"Die Finanzierung der Anschlussausbildungen war für uns bis jetzt immer ein Problem, denn unser Budget ist sehr begrenzt", erklärt Vaupel. Dank GMI bekommen Frauen die Möglichkeit, langfristig unabhängig zu leben – sie und ihre Familien.

Ein besonders gut geglücktes Beispiel: Vor gut einem Jahr zog die Alleinerziehende Jenifer nach Baretto auf den Philippinen, um Arbeit zu finden. Aber Geld verdienen konnte sie nur in einer Bar, wo sie schließlich als Prostituierte arbeitete. Als GMI-Partner der 25-Jährigen eine dreimonatige Ausbildung zur industriellen Näherin anboten, war das für sie ein großes Geschenk. Und schnell wurde ihren Ausbildern klar, dass Jenifer viel mehr konnte, als nur nach Muster zu nähen. "Sie war voller Ideen, hat eigene Muster entworfen und ausgezeichnet umgesetzt", erinnert sich Leslie Nabong, Leiterin von Project Life Subic, einer Organisation die mit GMI zusammenarbeitet. Mit einem GMI-Mikrokredit konnte sie sich eine eigene Nähmaschine kaufen.

Mittlerweile betreibt Jenifer ihre Schneiderei von zu Hause aus. Die Nachfrage nach ihren selbst entworfenen Modellen steigt stetig, nur mittags ist der Laden geschlossen, denn dann verkauft Jenifer auf dem Markt Mahlzeiten. Dieses zweite Kleinunternehmen hat sie aufgebaut, damit sie auch in den ruhigeren Mittagsstunden Geld verdienen kann. Mittlerweile verdient Jenifer pro Monat über 200 Euro – für die dortigen Verhältnisse nicht wenig. Auch wird ihr Sohn nicht mehr wegen des Berufs seiner Mutter gemobbt. Und das alles dank 90 Euro für die Ausbildung und 100 Euro Mikrokredit!

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