27.02.2018
Kunstsinniger Protestantenfresser

Schillernder Bayern-König: Vor 150 Jahren starb Ludwig I.

Kunstmäzen, Beschützer der katholischen Kirche, Protestantenfeind, Frauenheld: Der bayerische König Ludwig I. war eine widersprüchliche Figur. Seine Mätresse Lola Montez löste eine innenpolitische Krise aus – und kostete ihn schließlich den Thron.
Ludwig I., König von Bayern, Gemälde im Krönungsornat von Joseph Karl Stieler, 1826 (mit der Collane des Hubertusordens). Rechts oben und schwer lesbar das Motto des Königs: »gerecht und beharrlich«.
Ludwig I., König von Bayern, Gemälde im Krönungsornat von Joseph Karl Stieler, 1826 (mit der Collane des Hubertusordens). Rechts oben und schwer lesbar das Motto des Königs: »gerecht und beharrlich«.

 

König Ludwig I. (1786-1868) gehört zu den verwirrendsten und schillerndsten Figuren der bayerischen Geschichte: ein liberaler Schöngeist, der kritische Denker aus ganz Deutschland nach München holt – und gleichzeitig politische Gegner auf Festungen verbannt. Ein tieffrommer Freund der katholischen Kirche und der Klöster, der zahllose Affären mit Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen hatte. Mit seinen protestantischen Untertanen fiel ihm der Umgang nicht immer ganz leicht. Am 29. Februar 1868, vor 150 Jahren, starb Ludwig I.

Als der elegante, kunstliebende Kronprinz Ludwig 1825 an die Macht kam, strömten Professoren und Künstler aus allen deutschen Gebieten nach München, magisch angezogen von seinem Ruf als aufgeschlossener Geist und toleranter Mäzen. Kaum hatte Ludwig den Wittelsbacher-Thron bestiegen, hob er die Pressezensur für Angelegenheiten der Innenpolitik auf. Neue Zeitungen schossen aus dem Boden, 25 waren es nach einigen Jahren allein in München.

Wie Bayern zum Ypsilon kam

Ludwig war Kunstsammler und Bauherr von Rang. Der Bewunderer des antiken Griechenlands wollte München mit seinen Architektur- und Straßenbauprojekten in eine mediterrane Metropole verwandeln. Mit der Glyptothek für die Sammlung antiker Skulpturen schuf er den ersten eigenständigen Museumsneubau in Europa. Mit seiner Thronbesteigung wurde aus Baiern Bayern. Der hellenophile Monarch bescherte seinem Land ein bis heute wirkendes Markenzeichen: das Ypsilon im Namen, das die Franzosen treffend »i grec«, also »griechisches i« nennen.

Doch der liberale Elan verflog schnell, als in Frankreich der König vertrieben wurde und die von der Zensur befreite Münchner Presse Beifall klatschte. Bald warf Ludwig kritische Journalisten aus dem Land, ließ Studenten verhaften, bestellte bei Richtern per Handschreiben die gewünschten Urteile und erinnerte seine Minister daran, dass sie ihre Gewalt nur »Kraft erhaltenen Auftrags von Mir« ausübten. Untertanen, die sich einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht hatten, mussten kniend vor des Königs Bild Abbitte leisten.

Kritische Journalisten wurden verjagt, Studenten verhaftet

Ähnlich schillernd wirkt Ludwigs Verhältnis zur Kirche: Auf der einen Seite hielt er mit voller Überzeugung an den Toleranzedikten seines Vorgängers Maximilian I. Joseph fest, die aus Bayern einen aufgeklärten Staat gemacht hatten. Einmischungsversuche der römischen Kurie lehnte er strikt ab. In der Münchner Universität erklärte er zwar: »Religion muss die Grundlage sein«, fügte jedoch sogleich hinzu: »Keine Bigotten mag ich, keine Kopfhänger, die Jugend soll sich des Lebens freuen.«

In engem Zusammenwirken mit seinem Lehrer Johann Michael Sailer, dem späteren Bischof von Regensburg, sorgte der Monarch durch entsprechende Lehrstuhlbesetzungen aber für ein stärkeres Gewicht der Kirche an den bayerischen Universitäten. Ludwig ließ neue Priesterseminare und Pfarrkirchen errichten. Papst Gregor XVI. nannte ihn »den größten Beschützer« der Kirche.

»Wahrung des positiven christlichen Glaubens«

Und bis heute gilt Ludwig I. als Restaurator des katholisch-kirchlichen Lebens in Bayern. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte es in Bayern noch rund 250 Klöster gegeben, nach der Säkularisation war lediglich eine in ihrer Verfassung unveränderte Ordensniederlassung übrig geblieben: das Schottenkloster St. Jakob in Regensburg. Aufklärer, Publizisten, Staatsbeamte hatten jahrzehntelang Kritik an der »Möncherei« geübt und auch die Fronleichnamsprozession und die Christmette verboten. Jetzt regierte plötzlich wieder ein König, dem die »Aufklärung mit Wahrung der Religiosität, des positiven christlichen Glaubens« ein Herzensanliegen war.

Den verjagten Ordensleuten traute er am ehesten eine Erneuerung des religiösen Lebens im Lande zu. Besondere Hoffnungen setzte Ludwig I. auf den Benediktinerorden, der seiner Sehnsucht nach einer Harmonie von Religion, Wissenschaft und Kunst entgegen kam. Sein Steckenpferd wurde die Wiedergründung des niederbayerischen Klosters Metten.

Das »Münchner Kindl« wurde wieder Stadtwappen

Allein in München gehen fünf (katholische) Gotteshäuser auf Ludwig zurück, darunter die durch kulturelle und soziale Aktivitäten bekannte Benediktinerkirche St. Bonifaz, wo er begraben liegt. Durch königliches Dekret nahm der Mönch, oft fälschlich als »Münchner Kindl« gedeutet, seinen angestammten Platz im Stadtwappen wieder ein.

Bei der Einweihung von Münchens erster evangelischer Kirche ließ sich der katholische König, der auch »summus episcopus« der Protestanten war, dagegen nicht blicken. Dabei hatte man die Einweihung der St. Matthäuskirche extra auf den 25. August 1833 gelegt – zu Ehren des Königs, der an diesem Tag Geburts- und Namenstag feierte. Die Einzige, die kam, war die (evangelische) Königinmutter Karoline.

Wenige Jahre später folgte mit dem sogenannten Kniebeugeerlass eine weitere Demütigung der bayerischen Protestanten. Ab August 1838 hatten auch evangelische Soldaten das Knie zu beugen, wenn bei katholischen Fronleichnamsprozessionen die Monstranz vorbeigetragen wurde. Es rumorte unter Bayerns Protestanten. Nach langem Streit wurde das königliche Dekret erst 1845 aufgehoben.

Die Königinmutter Karoline - würdelos verscharrt

Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass es selbst dem Protestantenfresser Ludwig zu würdelos war, wie seine evangelische Stiefmutter Karoline nach ihrem Tod im November 1841 in der Münchener Theatinerkirche verscharrt wurde. Auf Anordnung des Erzbischofs erschien der gesamte katholische Klerus in weltlicher Kleidung. Die evangelischen Pfarrer durften den Sarg nur bis zur Kirchentür geleiten, wo die Beerdigungspredigt gehalten wurde. Danach wurde der Sarg ohne Gebet in die Gruft gebracht.

Zum Verhängnis wurde dem zunehmend autokratisch regierenden König am Ende dann eine irische Tänzerin von zweifelhaftem Ruf: Lola Montez, 35 Jahre jünger, Ex-Geliebte von Franz Liszt und Alexandre Dumas. Ludwig verfiel ihr bedingungslos, machte sie zur Gräfin, schenkte ihr ein Palais; die Femme fatale zog mit einer studentischen Leibgarde und einer gewaltigen Dogge durch München, Zigarre rauchend und Widersacher mit der Reitpeitsche traktierend.

Als sich Ludwigs Mätresse auch in die Politik einmischte, trat das gesamte Kabinett zurück, Tausende demonstrierten auf dem Odeonsplatz. Am Ende musste Montez nach Amerika fliehen, der gebrochene Monarch gab den Kampf gegen die allgemein geforderte demokratische Verfassung auf und dankte am 19. März 1848 zugunsten seines Sohnes Maximilian ab. Er starb 20 Jahre später mit 81 Jahren in Nizza.

 

Sonntagsblatt