9.08.2017
Nürnberger Johannisfriedhof

Nürnberg-Touristen wissen: Auf dem Johannisfriedhof liegt Albrecht Dürer. Doch die Beschäftigten des Friedhofs wünschen sich, dass sich Besucher mehr Zeit für die einzigartigen Epitaphien und die besondere Atmosphäre ließen.
Friedhofspfleger Marc Beschner auf dem Nürnberger Johannis-Friedhof
Marc Beschner hat auf dem Johannisfriedhof in Nürnberg seinen Traumjob gefunden.

 

Hätte Marc Beschner nicht diesen Hörsturz gehabt, wäre er nicht auf dem Friedhof gelandet. Der gelernte Offset-Drucker wollte vor 14 Jahren etwas »Ruhigeres« machen, erzählt er an einem sonnigen Tag zwischen Rosenstöcken und liegenden Grabsteinen. Ein Freund seines Vater hatte Beziehungen und wusste, dass der Nürnberger Johannisfriedhof gerade einen Mitarbeiter suchte.

Auf einem der berühmtesten Gräberfelder der Republik fühlt sich der 42-Jährige seither Zuhause. Er räumt bei eisiger Kälte um sieben Uhr morgens den Schnee vor den Eingangstoren, er leert im Sommer die Grünabfallbehälter, putzt und recht die Wege. Seine Lieblingsbeschäftigung aber ist, rittlings auf einem der liegenden Sandsteinblöcke zu sitzen und die betagten metallenen Epitaphien zu pflegen.

Die Kunstwerke muss er zunächst etwas anwärmen, bevor er sorgfältig in alle Falten und Bögen ein spezielles, ebenfalls warmes Wachs aufträgt. Dann lässt er das Mittel wirken. Am nächsten Tag nimmt Beschner eine starke Roßhaarbürste und poliert das Metall, das dann glänzt und zugleich besser geschützt ist.

»Hier ruht ein treuer Mensch«

Die Epitaphien auf den Friedhöfen St. Johannis und St. Rochus sind denkmalgeschützt, erklärt Stadtheimatpflegerin Claudia Maué. Sie will mit ihrem Verein Epitaphienkunst dafür kämpfen, dass diese Art der Metallreliefe auf die Weltkulturerbe-Liste kommen, »weil sie so fantastisch sind«. Schon bevor der Johannisfriedhof und der kleinere Rochusfriedhof 1518 eröffnet wurden, sei es wohl bei den Nürnberger Familien üblich  gewesen, die Familiengräber mit solchen aus Bronze gegossenen Reliefs zu verzieren.

Die Nürnberger »Rotgießer«-Zunft schuf solche Skulpturen und Metallplatten nicht nur für die Bürger der Stadt, sondern  lieferte in ganz Mitteleuropa. Rotgießer, wie die Familie Vischer, machten sich eine Namen, »wer für die komplexen Bildhauerarbeiten die Entwürfe schuf, weiß man oft nicht«, erklärt Maué.

»Hier ruht ein treuer Mensch - Im Unglück groß - im Glück bescheiden« hat einer der unbekannten Modelleure für einen Verstorbenen auf eines der über 6500 Grabmäler geschrieben. Darunter tummeln sich ein Wassermann mit Rauschebart, engelartige Figuren mit Armbrust und Erdkugel, ein Wappen mit Hirschgeweih unter einer Ritterrüstung: Die Bilder erzählen Lebensgeschichten. Auch das Grab des Kaufmanns Jörg Dörr, der im Jahr 1605 starb, gibt vieles preis: Dörr wurde fünfmal Witwer. Welche seiner Frauen die Mütter der 13 Kinder sind, wird mit kniffligen Symbolen am Fuße von 19 Figürchen verraten, sortiert nach Männlein und Weiblein.

Marc Beschner findet es schade, dass die Besucher des Johannisfriedhofs an solchen Details der Epitaphienkunst meist achtlos vorbeigehen. »Hier gibt es jeden Tag etwas Neues zu entdecken«, stellt er fest, »aber dazu braucht man eben Zeit«. Viele Touristen aber suchen hier in aller Schnelle Albrecht Dürers letzte Ruhestätte mit der Registriernummer L 6-649, gucken vielleicht noch bei Veit Stoß vorbei, und das war's.

Japaner besuchen Feuerbach

Ein Grabbesitzer, dessen Familie in Dürers Nähe liegt, hat einmal die Friedhofsverwalterin Elfi Heider gefragt, ob er sein Grab tauschen könne. »Weil ihm zu viele Touristen da waren und er nicht in Ruhe an seinem Grab stehen konnte«. Aber sie freue sich, dass hierher viele Menschen kommen, »die den Friedhof in aller Welt bekannt machen«, sagt Heider. Die Japaner kämen übrigens nicht wegen Dürer, sondern wollen sehen, wo der in ihrem Land hochverehrte Philosoph Ludwig Feuerbach beerdigt ist.

Anders als viele meinen, ist der Liegeplatz auf dem Nürnberger Johannisfriedhof kein Privileg der alteingesessenen Nürnberger Familien. Es gab zwar  Jahrzehnte, da durften sich nur Bewohner des Stadtteils St. Johannis hier beerdigen lassen, aber die sind längst vorbei. Inzwischen sind St. Johannis mit 6500 und St. Rochus mit etwa 3500 Grabstätten Gräberfelder für alle. Wer sich hier einen Ruheplatz kauft, bekommt den liegenden Steinblock mit Epitaph gleich mit. Eine schöne Blumenschale daraufgestellt, um aufwändige Grabpflege muss man sich dann nicht kümmern.

Seit einiger Zeit hat Marc Beschner auch die Aufgabe übernommen, Grabstätten zu verkaufen. Auch wenn der Friedhof für ihn Routine ist - bei den Gesprächen mit Hinterbliebenen stellt er fest, «die Schicksale der Leute nehmen einen mit». Seiner Chefin Elfi Heider geht es ebenso. Sie halte oft inne, sagt sie, wenn sich fast täglich die Totenglocke für einen Verstorbenen gegen den Lärm der vielbefahrenen Johannisstraße Gehör verschafft.

Für Ilse Köbler ist der Johannisfriedhof ein Idyll. Jeden Tag schiebt dich hochbetagte Dame ihren Rollator zu den Gräbern ihrer verstorbenen Angehörigen und Freunde. Sie bleibt unter einem schattigen Baum stehen: »Das ist Heimat für mich«, sagt sie.

 

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