24.06.2018
Wohnungsnot als soziales Problem

Wohnungsnot in Regensburg trifft besonders Ärmere

In den letzten Jahren wurde es immer schwieriger, in Wachstumsregionen bezahlbaren Wohnraum zu finden. Vor allem trifft es ärmere Menschen. Wohnen ist die neue soziale Frage, auch in Regensburg. Immer lauter werden die Forderungen nach einem sinnvollen Handeln der Politik.

Konzentriert liest Petra Simon die Wohnungsanzeigen in der Zeitung. Ihre dreijährige Tochter hüpft aufgeregt auf dem Bett auf und ab. Ist etwas für die Alleinerziehende und ihre Tochter dabei? Enttäuscht schüttelt sie den Kopf. Die meisten Angebote sind zu teuer für die Küchenhilfe, die aktuell arbeitslos ist. Aber nicht nur das: "Mir ist es schon oft passiert, dass ich bei einem Vermieter angerufen habe und gleich nach Kindern und Haustieren gefragt wird", erzählt die 40-Jährige. "Wenn ich sage, dass ich mit meiner Dreijährigen und einem Mops einziehen will, wimmeln mich viele gleich ab." Ihre Hoffnungen auf eine Wohnung ruhen vor allem auf der Regensburger Stadtbau-GmbH. Dort ist sie nach Angaben des Geschäftsführers Joachim Becker eine von 1800 Haushalten auf der Warteliste. "Wir rechnen damit, dass sich die Situation in den nächsten zwei Jahren verbessert", sagt er und verweist auf Bauprojekte in Regensburg, die vor der Fertigstellung stehen.

Soziale Initiativen: "Stadt muss mehr investieren"

Reinhard Kellner von den Sozialen Initiativen, einem Dachverband, der mehrere regional engagierte Gruppen in der Domstadt vertritt, gehen die Maßnahmen nicht weit genug: "Wir fordern, dass die Stadt mehr investieren muss", sagt er. Es würde viel mehr günstiger Wohnraum benötigt. Kellner beziffert die Zahl derer, die aktuell schnell eine bezahlbare Wohnung suchen, auf 2000 Menschen. "Doch das ist noch nicht alles", sagt er. Nach seiner Schätzung wollen derzeit bis zu 10 000 weitere Menschen günstigen Wohnraum beziehen. "Diese Menschen leben jetzt in zu teuren Wohnungen. Andere leben noch zu Hause oder in Wohngemeinschaften, obwohl sie sich etwas Eigenes aufbauen wollen." Dies wirke sich auf die Wohnungsnot vieler Klienten der Sozialen Initiativen verschärfend aus. "Wir haben bemerkt, dass in den vergangenen Jahren der Markt für unsere Leute noch enger geworden ist", erklärt Kellner.


In den einzelnen Einrichtungen des Dachverbands werden zum Beispiel Straffällige, Alleinerziehende, Obdachlose, psychisch kranke Menschen, Süchtige und Frauen aus dem Frauenhaus unterstützt. "Es sind oft Menschen, die bei Vermietern nicht gerade beliebt sind", sagt der Diplom-Pädagoge. "Sie haben kaum eine Chance auf dem freien Wohnungsmarkt. Die Vermieter haben die freie Auswahl. Als Soziale Initiativen müssen wir handeln", betont er.

Der Kampf ums Wohnen

Bereits im Herbst vergangenen Jahres wurde zusammen mit weiteren Regensburger Einrichtungen die Arbeitsgemeinschaft Wohnen gegründet, die nun in regelmäßigen Abständen mit verschiedenen Aktionen auf die Belange sozial Benachteiligter aufmerksam macht.
Zentrale Forderungen des Kreises sind die Erhöhung der Quote im Sozialen Wohnungsbau in Regensburg von derzeit 20 auf 40 Prozent. Das bedeutet, dass Bauträger in öffentlichen Vergabeverfahren diesen günstigen Wohnraum einkalkulieren und beim Bau umsetzen müssen. Zudem steht der Arbeitskreis für eine Bevorzugung von Genossenschaften bei Bauvorhaben. "Bei denen gibt es noch am ehesten geringe Mieten", sagt Kellner. Zudem solle die Stadtbau-GmbH mehr Geld für den Wohnungsbau erhalten.

Regensburg: Bürgerbegehren geplant

Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, sind mehrere Bürgerbegehren geplant. Aktuell haben sich die Sozialen Initiativen bereits den Gegnern des Regensburger Kultur- und Kongresszentrums angeschlossen, die Unterschriften gegen das städtische Bauvorhaben sammeln. Geht es ihnen vorwiegend um Aspekte der Stadt- und Verkehrsplanung sowie dem Umweltschutz, bringen nun die Sozialen Initiativen den Bereich "Wohnen" mit ins Spiel. "Statt 100 Millionen Euro in dieses Bauvorhaben zu stecken, wollen wir, dass die Stadt erst einmal 20 Millionen Euro für günstigen Wohnraum investiert", sagt Kellner. In den Köpfen der Politiker müsse ankommen, dass der soziale Wohnungsbau stärker bezuschusst werden müsse.
Aktuell sammle das Bündnis Unterschriften für einen Bürger­entscheid. "Bis zum Ende des Sommers haben wir genug beisammen", schätzt Kellner. Im Anschluss will die Arbeitsgemeinschaft für ein eigenes Bürgerbegehren Unterstützer finden. "Die Städte müssen selber etwas tun", erklärt Kellner. "Der Markt regelt es nicht."


Es würden tolle Eigentums- und Mietwohnungen sowie Lofts gebaut. Was fehle, seien günstige Wohnungen, die für kinderreiche Familien oder Alleinerziehende geschnitten sind, damit sich die Situation auf dem Mietmarkt allgemein wieder entspanne.


"Unsere Klienten hatten es schon immer schwer", räumt Kellner ein. "Aber jetzt, wo sie mit so vielen Menschen um günstigen Wohnraum konkurrieren müssen, haben sie es besonders schwer."

 

 

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