"Es ist ein Kampf, aber ich hoffe, keiner, der umsonst ist", sagt Lutz Schmidt. Er sitzt auf einer Bierbank vor dem Rainer-Endisch-Saal im Diakonie-Dorf Herzogsägmühle, dem Zentrum des 10. Wohnungslosentreffens der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V..
Lutz Schmidt ist einer der Hauptorganisatoren und Vorstandsmitglied der Selbstvertretung. Viele grüßen ihn im Vorbeigehen, es herrscht reges Treiben, im Saal wird bereits für das Mittagessen aufgebaut. Für Lutz und sein Team gibt es viel zu tun – "aber es macht Spaß, und man weiß, wofür es ist. Es bringt uns ein Stück voran in der Netzwerkarbeit."
Wohnungslosentreffen: Austausch auf Augenhöhe
Darum geht es beim Wohnungslosentreffen: um Austausch unter Betroffenen, Kommunikation auf Augenhöhe – und nicht zuletzt um ein großes Ziel: die Abschaffung der Wohnungslosigkeit. Ein weiter Weg, doch seit ihrer Gründung hat die Selbstvertretung schon viel erreicht.
Sie erarbeitet Positionspapiere, "ist im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung in allen Gremien vertreten und bringt die Sichtweise wohnungsloser Menschen ein – was enorm wichtig ist: mit ihnen zu sprechen statt über sie", betont Frank Kruse, Geschäftsführer der Selbstvertretung.
"Sprecht mit uns. Nicht über uns!" – diese zentrale Forderung nehmen auch Landesbischof Christian Kopp, die Präsidentin der Diakonie Bayern, Sabine Weingärtner, und Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch ernst. Alle drei sind auf eigene Initiative nach Herzogsägmühle gekommen. "Die Beteiligung von Menschen mit eigener Erfahrung ist für uns zentral wichtig, um gemeinsam Strategien gegen Wohnungsverlust und Wohnungslosigkeit entwickeln zu können", sagt Weingärtner in ihrem Grußwort an die rund 50 versammelten Teilnehmenden.
Auch Rüdiger Schuch berichtet von seiner Sommerreise zum Thema "Armut sichtbar machen – im reichsten Bundesland Deutschlands":
"Wir haben erlebt, dass auch Familien mit mittleren oder niedrigen Einkommen zunehmend Schwierigkeiten haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden – oder ihn zu halten."
Herzogsägmühle ist für ihn bereits die dritte Station dieser Woche, zuvor besuchte er eine Wärmestube in Nürnberg und ein Sozialkaufhaus in Aschaffenburg.
Landesbischof Kopp: Wohnen ist größte soziale Frage des 21. Jahrhunderts
Landesbischof Christian Kopp will das Thema Wohnen ganz oben auf die Agenda setzen:
"Das Thema Wohnen ist die größte soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Und wir müssen ihr uns als Gesellschaft dringend stellen – sie hat ein enormes Spaltungs- und Erregungspotenzial."
Er ist gekommen, um zuzuhören. Im anschließenden Workshop sitzt er mit 15 wohnungslosen oder ehemals wohnungslosen Menschen an einem Tisch und spricht über das Thema Gesundheit.
Neben Fragen der medizinischen Versorgung stehen auch Frauen und Familien in Wohnungslosigkeit im Fokus des Treffens. "Viele Frauen haben Gewalterfahrungen gemacht und geraten leichter in Abhängigkeiten", erzählt Vorstandsmitglied Corinna. Etwa ein Drittel der wohnungslosen Menschen sind Frauen – das spiegelt sich auch unter den über 100 Teilnehmenden wider. Die meisten zelten rund um den Rainer-Endisch-Saal, gesundheitlich stark belastete Personen sind im Hotel untergebracht. Auch einige Kinder sind dabei.
"Das Wohnungslosentreffen und die Selbstvertretung werden unter anderem durch die Diakonie, Aktion Mensch, die Stiftung Bethel und das Land Niedersachsen gefördert", erklärt Geschäftsführer Kruse. Die Selbstvertretung ist auch in Forschung und Lehre aktiv, sucht den Dialog mit Politik, Sozialarbeit und Polizei, will Peer-Arbeit stärken – und hat ein klares nächstes Ziel: "Die Abschaffung der Gemeinschaftsunterkünfte bei Notunterkünften. Sie traumatisieren Menschen – das ist menschenunwürdig", so Kruse.
Miteinander reden, nicht übereinander
Er ist überzeugt: Der Besuch von Schuch, Weingärtner und Kopp heute sei wirksam und sende ein wichtiges Signal. Bereits beim Kirchentag habe es konstruktive Gespräche mit Diakonie-Präsident Schuch gegeben, berichtet Lutz Schmidt. "Er konnte unsere Probleme nachvollziehen."
Beim Mittagessen mit Gulaschsuppe, Gemüselasagne und guten Gesprächen zeigt sich, wie wertvoll der Austausch ist – unter den Teilnehmenden ebenso wie mit Vertreter*innen aus Politik, Gesellschaft und Kirche.
Landesbischof Kopp findet es bewundernswert, "dass gerade im Bereich Wohnungslosigkeit Menschen eine Selbsthilfeorganisation gründen, auf Bundesebene ins Gespräch kommen und wirklich etwas bewegen". Die Kirche sieht er als Akteur, der deutlich machen muss:
"Wir schaffen das nur gemeinsam – und dafür brauchen wir den Staat. Der muss handeln, keine Frage."
"Redet mit uns. Nicht über uns!" – wie wichtig diese Forderung ist, hat das 10. Wohnungslosentreffen eindrücklich gezeigt.
Kommentare
Immer wieder liest man die…
Immer wieder liest man die Kirche hat leer stehende Pfarrhaeuser und auch andere Immobilien.Wieso werden diese nicht unentgeltlich oder eben mit der Kirchensteuer finanziert zur Verfuegung gestellt.