5.03.2021
Nürnberger Menschenrechtspreis

Chinesische Aktivistin deckt Verbrechen an religiöser Minderheit auf

Den Fokus auf Menschenrechtsverletzungen Chinas gegen Muslime setzt der Nürnberger Menschenrechtspreis 2021. Ihn erhält Sayragul Sauytbay, die inzwischen im Asyl in Schweden lebt.
Zwei Menschen stehen vor einer Grenze (Symbolbild)

Der Internationale Menschenrechtspreis der Stadt Nürnberg geht an die chinesische Aktivistin und Whistleblowerin Sayragul Sauytbay. 

Kampf für ethnisch-religiöse Minderheiten

Sie werde für ihren Kampf für die ethnisch-religiösen Minderheiten geehrt, sagte der Vorsitzende der Preisjury, der Nürnberger Oberbürgermeister Marcus König (CSU),  bei der Bekanntgabe der Preisträgerin.

Über eine Million Muslime inhaftiert

Sauytbay ist in der autonomen Präfektur Ili Kazakh geboren, die Heimat vieler Turkvölker wie der Uiguren oder Kasachen ist. Sie erlebte selbst Folter und bekam während ihrer Inhaftierung Einblick in das Lagersystem.

König erklärte, die Aktivistin stehe für das Schicksal von mehr als einer Million Muslimen in der Region Xinjang im Nordwesten Chinas, die gewaltsam in Lagern festgehalten würden und Gehirnwäsche, Folter und Vergewaltigung erlitten.

Viele würden Drogen und Medikamente verabreicht.

Kritik nötig

Die Menschen in der Region Ostturkestan erlebten seit der Jahrtausendwende eine "kulturelle Assimilierung", die China als Umerziehung bezeichne, sagte König. Nürnberg sei mit dem chinesischen Volk über die Partnerstadt Shenzen freundschaftlich verbunden, sagte der Oberbürgermeister, man sehe sich daher auch zu ehrlicher Kritik verpflichtet.

Verbrechen an Uiguren und Kasachen

Die 44-jährige Ärztin, kasachische Staatsbeamtin und frühere Leiterin mehrerer Vorschulen decke die Verbrechen an Uiguren und Kasachen auf und setze sich "mit bewundernswertem Mut für die muslimischen Minderheiten in China ein", heißt es in der Begründung der Jury.

Zwangsrekrutierung für Lager

Sauytbay arbeitete zunächst als Ärztin in einem Krankenhaus und leitete dann mehrere Vorschulen. Als die chinesische Regierung hart gegen uigurische und kasachische Minderheiten vorging, wurde sie 2017 als Ausbilderin in einem "Umerziehungslager" zwangsrekrutiert und dort festgehalten, so die Stadt Nürnberg. Sie erlebte Folter und bekam während ihrer Inhaftierung Einblick in das Lagersystem. Sauytbay wurde 2018 unerwartet freigelassen, sollte aber als Gefangene ins Lager zurückkehren. Nach der Flucht nach Kasachstan drohte ihr die Auslieferung nach China. Eine Medienkampagne ihres Mannes habe die Abschiebung verhindern können, hieß es.

Asyl in Schweden

Seit Juni 2019 lebt die neue Preisträgerin mit ihren beiden Kindern im Asyl in Schweden. Mit der Autorin Alexandra Cavelius hat sie 2020 das Buch "Die Kronzeugin" veröffentlicht. "Die Welt muss wissen, was in den Lagern vor sich geht und was die Partei wirklich plant", so Sauytbay. Während ihrer Inhaftierung habe sie geheime Informationen erlangt, die Pekings langfristige Pläne zur Unterwanderung und Unterwerfung der westlichen Demokratien enthüllten.

"Sie haben keine Skrupel diejenigen zu vernichten, die ihnen im Weg stehen", zitierte aus dem Buch Anne Brasseur, Mitglied der Jury.

Rechte religiöser Minderheiten im Blick

Man habe mit dem Preis die Rechte von religiösen Minderheiten widerspiegeln wollen, erklärte Hilal Elver, die ebenfalls in der Jury sitzt. Es gebe viele Minderheiten weltweit, deren Rechte verletzt würden. Man habe die Auszeichnung aber auch an eine Frau verleihen wollen, um auf den Beitrag hinzuweisen, "den Frauen zur weltweiten Gerechtigkeit leisten".

Der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis wird seit 1995 alle zwei Jahre verliehen. Die 14. Preisverleihung findet am 15. Mai 2022 im Nürnberger Opernhaus statt.

Nürnberger Menschenrechtspreis

Der Internationale Nürnberger Menschenrechtspreis wird seit 1995 alle zwei Jahre verliehen. Erstmals verliehen wurde er 60 Jahre nach der Verabschiedung der nationalsozialistischen Rassengesetze, der „Nürnberger Gesetze“, und 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

„Der Preis ist eine Antwort der Stadt Nürnberg auf die staatlich verordneten Menschenrechtsverbrechen jener Jahre und soll aller Welt ein Symbol dafür sein, dass von Nürnberg niemals mehr andere Signale ausgehen dürfen als solche des Friedens, der Versöhnung, der Verständigung und der Achtung der Menschenrechte“, heißt es in der Satzung.

Die Ehrung soll gefährdete Verteidiger der Menschenrechte schützen und andere ermutigen, sich für die Menschenrechte zu engagieren.

Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung wird an Einzelpersonen oder Gruppen verliehen. Eine international besetzte Jury unter dem Vorsitz des Nürnberger Oberbürgermeisters Marcus König hat über die Vergabe im Jahr 2021 entschieden. Die 14. Verleihung des Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreises wird wegen der Corona-Pandemie erst in einem Jahr, am 15. Mai 2022, im Nürnberger Opernhaus stattfinden. Die oder der Preisträger erhalten auch eine kleine Abbildung des Tors zur Straße der Menschenrechte in Nürnberg, die der Architekt Dani Karavan entworfen hat.

Erster Preisträger war 1995 der Russe Sergej Kowaljow, der für sein Engagement gegen den Tschetschenienkrieg geehrt wurde. Den Preis erhielt unter anderem die Ruanderin Eugénie Musaydire für ihre Versöhnungsarbeit zwischen den Volksstämmen der Hutu und Tutsi in ihrem Land. Inhaftiert ist in seinem Land Abdolfattah Soltani (Preisträger 2009), der als Rechtsanwalt im Iran für Menschenrechte eintritt.

Ungewöhnlich war die Vergabe des Preises im Jahr 2017 an die Gruppe „Caesar“, die Fotos veröffentlichte, um systematische Folter und Massenmorde in Syrien an die Öffentlichkeit zu bringen. Der Preisträger blieb anonym. Der Preisträger 2015 war der Gewerkschafter Amirul Haque Amin (Bangladesch), ausgezeichnet für seinen Kampf für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie. Kasha Jacqueline Nabagesera erhielt die Auszeichnung 2013 für ihren Einsatz gegen Homophobie und für sexuelle Selbstbestimmung in ihrer Heimat Uganda.

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