Am Freitag droht der amtierenden Regierung das Scheitern – jener inzwischen fast ritualisierte Herbstrhythmus deutscher Nicht-Regierung, diesmal nur leicht verschoben nach dem Ampel-Aus vor einem Jahr. Im Bundestag soll das Rentenpaket 2025 beschlossen werden, das das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent stabilisieren soll. Doch die Stabilität ist brüchig. Bei einer Testabstimmung in der Unionsfraktion gab es am Dienstag eine hohe Zahl von "Nein"-Stimmen.

Der Widerstand kommt aus der Jungen Gruppe der Fraktion, jener "Rentenrebellen", wie die "Bild" in geübter Überdramatisierung titelte. Seit Monaten stemmen sie sich gegen das Reformvorhaben – zu teuer, zu langfristig, zu wenig generationengerecht.

Opposition im Wartestand

Soweit, so gewohnt. Und wie es sich in einer Demokratie gehört, müssten nun die lautesten Stimmen aus der Opposition kommen. Sie ist schließlich die natürliche Gewinnerin von Regierungspannen dieser Größenordnung. Also von wem reden wir? Na klar: von "den Grüüünen" – um es mit jenem berühmten genervten Seehofer-Tremolo zu sagen.

Die Partei musste sich erst vom Ballast der Ampelzeit befreien und den Verlust ihres prominenten Führungsduos Robert Habeck und Annalena Baerbock verdauen. Der Parteitag in Hannover am vergangenen Wochenende hätte die Bühne bieten können, um die neuen Gesichter – Franziska Brantner und Felix Banaszak – ins Scheinwerferlicht zu stellen und den Reset-Knopf zu drücken. Und vor allem: um die klassische Oppositionsdividende einzusammeln.

Grüne Strategie: So wollen sie ihr Image verändern

Doch was kam in Hannover heraus? Die Grünen wollen sich vom Bild der spaßbefreiten Vorschriftspartei lösen, jener moralischen Oberlehrerin, die den hart arbeitenden Menschen sogar den hart ersparten Mallorca-Urlaub vermiest. Man wolle offener werden, weniger elitär, sozialer in der Klimapolitik – Belastungen künftig stärker für jene, die sie tragen können.

Das klingt entschlossen und durchaus energetisch. Doch sobald es an außenpolitische Zerreißproben ging oder an innenpolitische Reizthemen wie das Pflicht-Gesellschaftsjahr, wurde es auffällig still. Die Sollbruchstellen lagen offen: Genozid-Vorwurf gegen Israel, Anerkennung Palästinas, Wehrpflicht-Fragen. Alles Themen, die man lieber in die Nachtstunden oder gleich auf die Zeit nach den Landtagswahlen 2026 verschob.

Klare Positionen – aber kein politisches Kapital daraus

Regieren müssen sie nicht, aber die Chance, sich zu profilieren und laut zu sein, ließe sich im Augenblick nicht leichter nutzen. Beim Rentenstreit positionieren sie sich zwar klar: Parteichef Felix Banaszak und Fraktionschefin Britta Haßelmann nennen das Rentenpaket "falsch" und ungeeignet, um generationengerecht zu wirken.

Sie wollen keine "Hilfstruppe" für das Konzept der Regierung sein. Doch trotz der offensichtlichen Regierungskrise fehlt der strategische Zugriff: keine Kampagne, keine alternative Rentenkommission, keine Annäherung an die unzufriedene Junge Union. Die perfekten Minuten für Oppositionstheater – ungespielt.

Die Angst vor der eigenen Lautstärke

Die Grünen setzen vor den wichtigen Landtagswahlen 2026 – Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt – auf das Bild der "Zukunftsmacher:innen": gelassen, pragmatisch, innerlich sortiert.

Doch die Realität widerspricht dieser Selbstbeschreibung. Bei Zustimmungswerten von 11 bis 12 Prozent (Forsa/INSA vom 2. Dezember) wirkt das Schweigen weniger souverän als zaghaft. Fairplay wird mit Zurückhaltung verwechselt. Und wer sich klein macht, verliert die Chance, politisch zu wirken.

Einheit ohne Wirkung – und der Verlust an Farbe

Statt die Regierungskrise zu nutzen, Orientierung zu bieten oder eigene Vorschläge zu formulieren, setzen Realos wie Linke auf Harmonie im Inneren statt auf Präsenz nach außen. Das ist an sich nicht falsch. Geschlossenheit wäre sogar das perfekte Fundament für ein lautes, sichtbares Oppositionsprofil.

Doch genau diese Chance verpufft. Die Grünen, während Corona noch der Motor gesellschaftlicher Debatten, riskieren, zur farblosen Figur der Politik zu werden: (noch) da, aber stumm.