Am 20. November 1941 wurden die ersten Münchner Juden Richtung Osteuropa deportiert. Wenige Tage später wurden die rund 1.000 Männer, Frauen und Kinder erschossen. Zum 80. Jahrestag warnten Vertreter von Stadt und Kirche vor dem Judenhass heute.

München (epd). Die Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx haben am Samstagabend an die erste Deportation von Münchner Juden vor 80 Jahren erinnert. Die vermeintlich "alten Geister" des Hasses und der Ausgrenzung seien immer noch und wieder präsent, sagte der Münchner Erzbischof Marx am Samstagabend bei der Gedenkveranstaltung im Stadtteil Milbertshofen-Am Hart laut Mitteilung.

Diese "alten Geister" kämen manchmal im neuen Gewand daher, seien "aber letztlich doch dieselben, wenn man an die antisemitischen Verschwörungstheorien denkt, die heute wieder verstärkt im Umlauf sind", betonte Marx. Diese müssten erkannt und verbannt werden, "wenn nötig auch mit dem Strafrecht, vor allem aber durch unser eigenes Verhalten, unsere Zivilcourage, indem wir Stellung beziehen".

Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagte seine Teilnahme kurzfristig wegen der Corona-Pandemie ab, ließ aber ein Statement schicken: Er sehe es als Pflicht und Verantwortung der Stadt München, die Erinnerungen an die damaligen Ereignisse in die Gesellschaft zu bringen. Man müsse daraus lernen für eine Zukunft, "in der mörderisches Gedankengut, Unmenschlichkeit, Ausgrenzung und Intoleranz" gegenüber anderen Menschen keinen Platz finden.

Der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm erinnerte auch an das Versagen seiner Kirche während der NS-Zeit: "Voller Scham stellen wir fest", wie wenig die Kirchenleitung damals zum Schutz der jüdischen Bürger getan habe. Einzelne mutige Christenmenschen und Netzwerke seien damals für antisemitisch Verfolgte eingetreten, doch die Kirchenleitungen seien nicht bereit gewesen, "den von der Deportation bedrohten Menschen beizustehen".

Bedford-Strohm erinnerte bei dem Gedenkakt auch an die Lehrerin und Schriftstellerin Elisabeth Braun, die auf der Deportationsliste der ersten Münchner Juden stand und wenige Tage später ermordet wurde. Braun stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie und war mit 33 Jahren in die evangelische Kirche eingetreten. In ihrem Haus in Bogenhausen hatte sie 1938 antisemitisch verfolgte Christen und Juden aufgenommen.

Als sie erfahren habe, dass sie von den Nationalsozialisten enteignet werden sollte, habe sie die bayerische evangelische Landeskirche als Alleinerbin eingesetzt. Ihr Erbe sollte zur Unterstützung von antisemitisch verfolgten Christen eingesetzt werden, sagte Bedford-Strohm. Nach dem Krieg habe die evangelische Kirche das Erbe angetreten und setze es bis heute für Projekte ein, "von denen wir hoffen, dass sie im Sinne von Elisabeth Braun sind".

Zu der Gedenkveranstaltung hatten die Stadt München, die Gemeinschaft Sant’Egidio und die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) eingeladen. In den frühen Morgenstunden des 20. Novembers 1941 fuhr vom Güterbahnhof Milbertshofen der erste Deportationszug nach Osteuropa ab mit 1.000 Juden, darunter 130 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Wenige Tage später wurden die Menschen, mehr als die Hälfte von ihnen Frauen, erschossen.

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