Die neuen PISA-Ergebnisse sind ein erneuter Warnruf für das deutsche Bildungssystem. Jugendliche in Deutschland haben in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften so schlecht abgeschnitten wie noch nie seit Beginn der PISA-Studien. Deutschland liegt damit nur noch auf dem Durchschnittsniveau der OECD-Staaten. Rund ein Fünftel der 15-Jährigen verfügt in keinem der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen.
Dabei sind viele der Probleme seit Jahren bekannt. Die aktuellen Ergebnisse zeigen vor allem, dass sich bestehende Defizite weiter verfestigen. Besonders deutlich wird erneut der Zusammenhang zwischen den Kompetenzen der Jugendlichen und dem sozioökonomischen Hintergrund ihrer Familien.
Der deutsche PISA-Studienleiter Samuel Greiff, Bildungsforscher an der Technischen Universität München (TUM), betont zugleich, dass die Kompetenzverluste nicht auf einzelne Leistungsbereiche oder bestimmte Gruppen von Schüler:innen beschränkt sind. Sie ziehen sich durch das gesamte Leistungsspektrum.
Grundlegende Reformen seien deshalb nicht unbedingt der entscheidende Ansatz. Vielmehr müsse kontinuierlich an den Schulen gearbeitet werden. Dafür gebe es bereits zahlreiche gute und erprobte Ideen.
Was muss sich in Deutschland ändern?
Einige Vorschläge liegen seit Jahren auf dem Tisch. Entscheidend wäre, sie konsequenter umzusetzen.
1. Kinder früher fördern
Bildungsprobleme entstehen häufig nicht erst in der Schule. Deshalb müsse früh erkannt werden, welche Unterstützung Kinder benötigen.
"Vor allem die Kenntnis der Unterrichtssprache ist der Schlüssel zu allen anderen Fächern", betont Greiff. Erfolgreiche Bildungssysteme setzten deshalb auf frühe Diagnostik und verbindliche Förderung.
2. Gezielt Bedarf prüfen
Damit Lehrkräfte gezielt auf Schwierigkeiten reagieren können, braucht es regelmäßige Informationen über die Lernentwicklung. Kurze und standardisierte Tests könnten dabei helfen, Unterstützungsbedarf frühzeitig zu erkennen.
"Lehrkräfte sehen den Lernfortschritt quasi in Echtzeit und können darauf gezielt pädagogisch reagieren", erklärt Greiff.
3. Schulen individuell fördern
Nicht jede Schule steht vor denselben Herausforderungen. Schulen, an denen besonders viele Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien lernen, benötigen deshalb zusätzliche Unterstützung.
Zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen könnten dort besonders viel bewirken, wo der Förderbedarf am größten ist. "Dort können zusätzliche Ressourcen die größte Wirkung entfalten", sagt Greiff.
4. Lehrkräften mehr Verantwortung übertragen
Auch die Rolle der Lehrkräfte muss sich weiterentwickeln. In erfolgreichen Bildungssystemen wie dem Estlands haben Lehrer:innen teilweise mehr Möglichkeiten, sich einzelnen Schüler:innen zu widmen.
Zugleich braucht es mehr und bessere Fortbildungen. Gerade beim Einsatz digitaler Werkzeuge besteht in Deutschland noch Nachholbedarf.
Bildungssysteme können sich verändern
Trotz der schlechten Ergebnisse sieht Greiff keinen Grund für Resignation. Deutschland könne sein Bildungssystem verbessern – schließlich habe das Land nach dem PISA-Schock vor 25 Jahren selbst gezeigt, dass Veränderungen möglich sind.
Er sagt:
"Die Ergebnisse geben Anlass zur Sorge, aber sie sind kein Schicksal. Bildungssysteme können sich verändern. Das zeigen viele andere Staaten – und das hat Deutschland nach dem PISA-Schock vor 25 Jahren selbst eindrucksvoll bewiesen."
Entscheidend sei deshalb, Reformen nicht nur anzukündigen, sondern sie langfristig und kontinuierlich umzusetzen.
Bildung muss Priorität bekommen
Die PISA-Ergebnisse machen deutlich, dass Deutschland bei der Bildung nicht nachlassen darf. Lehrkräftemangel, fehlende digitale Ausstattung und unzureichende Förderung von Kindern mit besonderen Lernbedürfnissen sind Herausforderungen, die seit Jahren bekannt sind.
Eine einzelne Bildungsreform wird diese Probleme nicht lösen. Notwendig ist vielmehr ein langfristiger Kurs, der Schulen gezielt unterstützt und Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft bessere Bildungschancen eröffnet. Entscheidend ist, dass aus den bekannten Erkenntnissen endlich dauerhaft Konsequenzen gezogen werden. Denn schlaue Köpfe entstehen nicht von selbst.
Das sind die Zahlen der PISA-Studie
Die PISA-Studie untersucht regelmäßig im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften, wie gut 15-Jährige gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit alltagsnahe Problemstellungen verstehen und lösen können. Sie zeigt damit, inwieweit Jugendliche auf die Anforderungen einer Wissensgesellschaft vorbereitet sind und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Die aktuelle Studie, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert und in Deutschland vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München (TUM) geleitet wird, wurde 2025 durchgeführt.
Jede PISA-Studie nimmt einen Bereich intensiver unter die Lupe, diesmal Naturwissenschaften. Die Jugendlichen erreichen in Naturwissenschaften (486 Punkte), im Lesen (465 Punkte) und in Mathematik (464 Punkte) niedrigere Ergebnisse als in der vorhergehenden PISA-Studie 2022.
Die Resultate fallen damit in allen Bereichen schlechter aus als in der ersten PISA-Studie vor 25 Jahren. Nach dem damaligen "PISA-Schock" hatte sich Deutschland zunächst verbessern und auf gutem Niveau halten können. Seit rund zehn Jahren lassen die Leistungen aber kontinuierlich nach.