Nürnberg (epd). Um als Gesellschaft mit den Herausforderungen der Migration gut umgehen zu können, brauche es zuerst eine strukturelle Resilienz. Das forderte die Juristin und Bundestagsabgeordnete Ann-Veruschka Jurisch (FDP) bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der "Nürnberger Tage für Migration 2023" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) am Dienstag. Strukturelle Resilienz bedeutet für Jurisch, dass es geeignete rechtliche Instrumente gibt. Dazu gehörten Migrationsabkommen mit anderen Ländern oder Gesetze zu Asylverfahren. Nach dem Migrationsgeschehen 2015 habe der Staat versäumt, sich gut genug auf Zeiten starker Einwanderung vorzubereiten, kritisierte sie: "Da mussten wir uns seit letztem Jahr viele Dinge ganz neu erarbeiten, die eigentlich vorausschauend schon hätten gemacht werden können."

Flucht und Vertreibung seien kein neues Phänomen, sagte Jochen Oltmer, Professor für Migrationsgeschichte an der Universität Osnabrück. Die Gesellschaft müsse sich darauf vorbereiten. Debatten über Migration dürften nicht auf eine Art geführt werden, die den Eindruck erwecke, es handle sich um Ausnahmen. Veränderung sei ein dauerhafter Prozess und es gebe keine schnellen oder einfachen Lösungen. Oltmer forderte eine Nachdenklichkeit in Debatten über Migration. "Politik hat eine Moderationsfunktion. Wenn diese nicht wahrgenommen wird und Polarisierung in den Vordergrund rückt, bekommen wir gesellschaftliche Probleme", sagte er bei der Podiumsdiskussion.

Um als Gesellschaft produktiv mit Krisen umgehen zu können, brauche es Selbstorganisation, Verantwortungsgefühl und Bildung, forderte Oltmer. An den Schulen müsse anders mit dem Thema Migration und Diversität umgegangen werden. Er kritisierte, dass das Thema in Schulbüchern noch immer als Ausnahme und im Kontext von Krieg und Katastrophen behandelt werde.

Die Resilienzforscherin Donya Gilan unterstützte Oltmers Forderung, Vielfalt und Migration besser in die Bildungsarbeit zu implementieren. Damit eine Gesellschaft resilient sein und Krisen bewältigen könne, brauche es eine stärkere Teilhabe der Bevölkerung, sagte sie. Gruppen aus unterschiedlichen Milieus müssten mehr miteinander in den Austausch kommen, um ein Gefühl der Zugehörigkeit zu schaffen.

Auf den "Nürnberger Tagen für Migration 2023" des BAMF diskutieren Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis am 24. und 25. Oktober unter dem Motto "Migration im gesellschaftlichen Wandel". Dabei sollen unterschiedliche Aspekte der Migration sowie ihre Auswirkungen auf das gemeinsame Zusammenleben beleuchtet werden.