Die Großmutter verliert ihr Gedächtnis. Ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Erinnerungen verschwinden, beginnt das erzählende Ich nach ihnen zu suchen. Kim nennt die Großmutter "Großmeer". Von ihrer Demenz aus führt der Roman "Blutbuch" zurück in die eigene Kindheit und in eine Schweizer Familiengeschichte, in der vieles verschwiegen wurde. Die erzählende Person lebt inzwischen in Zürich, versteht sich weder als Mann noch als Frau und versucht herauszufinden, was von den Frauen früherer Generationen im eigenen Körper weiterlebt.

Ein großartiger Stoff – für mich zu wenig Geschichte

Das ist eigentlich ein großartiger Stoff, bedauernswerterweise fand ich den Roman darüber erstaunlich langweilig. Denn "Blutbuch" hat keine klassische Handlung. Erinnerungen an "Großmeer" und die eigene Mutter wechseln mit Sex, Körpererfahrungen, Familienrecherchen und Überlegungen zu Geschlecht und Sprache. Die titelgebende Blutbuche wird zum Bild für Herkunft, Vererbung und einen Stammbaum, der sich nicht so ordentlich zeichnen lässt, wie Familiengeschichten das gerne suggerieren.

Am stärksten fand ich Großmeer. Während ihr Gedächtnis verschwindet, versucht Kim, genau jene Vergangenheit zu rekonstruieren, die mit ihr verloren geht. Auch die Frauen der Familie und das Schweigen über Gewalt und Verletzungen hätten genug Stoff für einen starken Roman geboten. Doch immer wieder drängt sich die Form vor die Geschichte.

Wenn die Form vor die Geschichte tritt

Kim de l’Horizon wurde 1992 in der Schweiz geboren, studierte Germanistik, Film- und Theaterwissenschaften sowie Literarisches Schreiben und versteht sich als nonbinär. Schon der Künstlername gehört zu dieser sorgfältig gestalteten Persona. Aber zurück zum Buch: Denn de l’Horizon wechselt zwischen poetischer Sprache, Schweizerdeutsch und Englisch, Familienroman, Essay und drastischen Sexszenen. Pronomen werden verändert, aus "man" wird "mensch", aus "jemand" "jemensch". Die Sprache soll sich ebenso wenig festlegen lassen wie der Körper der erzählenden Person.

Manches daran ist originell, vieles empfand ich als prätentiös und effekthascherisch. Genau hier liegt für mich das Problem. Dass ein Roman Erfahrungen sichtbar macht, die in der Literatur lange wenig Raum hatten, ist wichtig. Aber gesellschaftliche Relevanz ersetzt keine literarische Qualität. Ein Roman über eine nonbinäre Person muss sich denselben Fragen stellen lassen wie jeder andere: Interessieren mich seine Figuren? Trägt die Geschichte? Eröffnet die Sprache tatsächlich neue Gedanken? Oder will sie vor allem auffallen? Bei "Blutbuch" beantworte ich zu viele dieser Fragen mit Nein.

Der Preis ist kein Gütesiegel

Vielleicht erklärt das auch meine Irritation über die fast euphorische Rezeption. Preise sind keine objektiven Gütesiegel. Wer unbedingt anders schreiben will als alle anderen, schreibt deshalb noch lange nicht besser.

Kim de l’Horizon (2022): Blutbuch. DuMont Buchverlag: Köln, 336 Seiten, 24 Euro.

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