Memmingen (epd). Die Geschichte des Kriegsgefangenen-Stammlagers in Memmingen soll 76 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Ein Verein "Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in Schwaben" will hierzu ein wissenschaftliches Institut ins Leben rufen, teilte Vereinsvorsitzender Helmut Wolfseher am Mittwoch mit. Das Institut werde eng mit dem Lehrstuhl Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg zusammenarbeiten, sagte Wolfseher dem Evangelischen Pressedienst (epd). Eine habilitierte Historikerin werde dort beschäftigt sein. Man rechne mit 150.000 Euro Aufwand pro Jahr. Der Verein suche noch nach Geldgebern. Der Verein soll am 11. November offiziell gegründet werden. Eine Online-Tagung zum Stand der Forschung zur Kriegsgefangenschaft in der NS-Diktatur findet am Freitag, 22. Oktober, statt.

Das Kriegsgefangenen-Stammlager (Stalag VII B) habe den Einsatz von 50.000 Kriegsgefangenen in ganz Schwaben gesteuert, heißt es in der Mitteilung. Es war im August 1940 in Memmingen eingerichtet worden und hatte bis in die letzten Kriegstage Bestand. Die Gesamtzahl aller dort Internierten dürfte unter Berücksichtigung der Fluktuation von 1940 bis 1945 bei mehr als 50.000 Menschen gelegen haben, so der Verein. Am Tag der Befreiung, dem 26. April 1945, lag die Belegungszahl bei 25.557 Gefangenen. Das Hauptaugenmerk der Lagerleitung habe auf der Planung und Organisation des Einsatzes der Gefangenen in sogenannten Arbeitskommandos außerhalb des Lagers gelegen. Hunderte dieser Kommandos seien über ganz Schwaben verteilt gewesen.

Der in Gründung befindliche Verein will mit dem wissenschaftlichen Institut eine Lücke in der historischen Forschung schließen, teilte Wolfseher mit. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter hätten während der gesamten Kriegsjahre zum Alltag in den Betrieben und auch im Straßenbild der deutschen Städte gehört. Vorliegende Untersuchungen, die sich bundesweit mit dem Thema der Kriegsgefangenen beschäftigen, untersuchten wenig den Arbeitsalltag und die Arbeitsorganisation der Kriegsgefangenen in den außenliegenden Arbeitskommandos. Hinzu komme, dass der Fokus auf den Millionen sowjetischer Kriegsgefangener lag. Andere Nationalitäten blieben in der Forschung bisher häufig unbearbeitet.

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