Seit Wochen geht mir dieses Gerede auf die Nerven: Ehegattensplitting abschaffen, weil nicht mehr zeitgemäß, weil ungerecht, weil angeblich ein Relikt aus der Vergangenheit. Das klingt in Talkshows, Parteiprogrammen und Kommentarspalten immer so herrlich modern: Weg mit den alten Zöpfen, wir sind doch die megahippe Gesellschaft.

Nur seltsam: Am Ende läuft es immer wieder auf das eine hinaus: Familien sollen mehr zahlen und das bitteschön auch noch als Fortschritt wahrnehmen.

Ich sehe das anders. Ganz anders.

Wie Familie in echt aussieht

Vielleicht auch, weil ich nicht über Familie rede wie über ein politisches Modell, das man sich schön auf dem Desktop hin und her kopiert. Ich bin seit zwölf Jahren verheiratet. Wir haben vier Kinder. Ich weiß also ziemlich gut, wie Familie in echt aussieht. Nicht als hübscher Begriff, wenn die Politiker:innen ihn mal brauchen, sondern als Alltag. Als Organisation. Als Verantwortung. Als ständiges Jonglieren mit Zeit, Geld, Terminen, Bedürfnissen und dem Versuch, dass am Ende des Monats noch halbwegs was auf dem Konto bleibt, oder wenigstens der Dispo nicht ächzt.

Wer vier Kinder hat, entwickelt ohnehin ein anderes Verhältnis zu diesen Debatten. Da klingt "steuerliche Fehlanreize beseitigen" nicht clever, sondern weltfremd. Denn Familie besteht nicht aus Schaubildern. Familie besteht aus Schuhen, die schon wieder zu klein sind (und das in rasender Geschwindigkeit, Klassenfahrten, Skilager, Geburtstagsgeschenken, Zahnarztterminen, kaputten Geräten, Vereinsbeiträgen, vollen Einkaufswagen und der ständigen Frage, wie man alles hinbekommt, ohne dass einem unterwegs der Kopf platzt.

Und genau in diese Wirklichkeit hinein kommt dann wieder die Idee, das Ehegattensplitting müsse weg. Als wäre das die große Geste der Gerechtigkeit. Als hätte man endlich den Hebel gefunden, um Deutschland fairer zu machen. Den Stein der Weisen, oder auch die steuerliche Box der Pandora. Aber ganz ehrlich, ich finde: Es ist vor allem eine sehr elegante Umschreibung dafür, Familien und Ehepaare stärker zu belasten.

Abschaffung des Ehegattensplittings als moralischer Frühjahrsputz?

Natürlich gibt es die Gegenargumente. Die hört man ja oft genug. Das Ehegattensplitting, heißt es, fördere nicht Kinder, sondern die Ehe. Es bevorzuge Paare mit ungleichen Einkommen. Es halte alte Rollenbilder am Leben. Es mache es für den zweiten Partner unattraktiver, mehr zu arbeiten. Und ja, darüber kann man reden. Natürlich kann man das.

Man kann auch darüber reden, wie Familien mit Kindern gezielter unterstützt werden. Das klingt revolutionär, fast schon abstrakt. Ironie aus. Oder was wäre, wenn man Alleinerziehende besser entlastet. Wie Betreuung verlässlicher wird. Wie Wohnen bezahlbar bleibt. Alles berechtigte Themen.

Aber warum läuft die Debatte am Ende oft darauf hinaus, dass man erst einmal dort kürzt oder kassiert, wo Menschen sowieso schon jeden Monat rechnen? Das ist doch der eigentliche Punkt. Es wird so getan, als sei die Abschaffung des Ehegattensplittings eine Art moralischer Frühjahrsputz. Endlich moderner, endlich gerechter, endlich weg mit dem alten Zeug.

Nur ist dieses "alte Zeug" für viele nichts anderes als eine Entlastung in einem Alltag, der ohnehin teuer genug ist. Wenn Politiker:innen in diesen Tagen mal selber tanken und einlaufen würden, dann würden sie vielleicht verstehen was ich meine. 

Echtes Leben ist kein Wunschbild

Mich stört an der ganzen Diskussion wie über Familie geredet wird. Zwei Menschen heiraten, übernehmen Verantwortung füreinander, ziehen Kinder groß, organisieren ihren Alltag so, wie es für sie passt. Und dann kommt von außen die Botschaft: Eigentlich finden wir euer Modell steuerlich nicht mehr so gut. Ihr solltet lieber anders leben. Moderner. Gleichförmiger. Passender zur jeweiligen Idee davon, wie Familie heute auszusehen hat.

Nur lebt das echte Leben eben nicht nach dem Wunschbild irgendwelcher Reformfreunde. Mal arbeitet einer mehr, mal der andere. Mal geht es gar nicht anders. Mal ist einer zu Hause stärker gebunden, weil kleine Kinder da sind, weil jemand krank ist oder weil Familienleben eben nicht aus perfekten Doppelkarrieren mit reibungslosem Übergang besteht. Und ehrlich gesagt finde ich es ziemlich anmaßend, wenn der Staat daraus eine Art Erziehungsauftrag machen will.

Was mich zusätzlich ärgert: Überall wird betont, wie wichtig Familien für die Gesellschaft sind. Kinder seien unsere Zukunft, Eltern würden Enormes leisten, Zusammenhalt beginne zu Hause. Das hört man gern. Aber sobald es konkret wird, sobald es um steuerliche Entlastung geht, ändert sich der Ton. Dann ist plötzlich von Fehlanreizen die Rede, von veralteten Strukturen, von Reformbedarf. Da merkt man schnell, wie viel die schönen Sätze am Ende wert sind.

Sicherheit und Spielraum statt ständiges Rechnen

Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, über ein gerechteres Steuersystem zu reden. Aber dann bitte ehrlich. Wer das Ehegattensplitting abschaffen will, sollte auch offen sagen, was das für viele bedeutet: mehr Belastung. Mehr Druck. Weniger Spielraum. Und zwar nicht für irgendwelche abstrakten Modellhaushalte, sondern für ganz normale Menschen, die ohnehin schon genug um die Ohren haben.

Ich habe gern etwas. Ja, genau. Ich finde es nicht verwerflich, wenn Familien etwas übrig haben wollen. Nicht Luxus, nicht Größenwahn, sondern einfach ein bisschen Sicherheit. Ein bisschen Spielraum. Ein bisschen weniger ständiges Rechnen. Wer das schon für verdächtig hält, hat ein seltsames Bild vom Familienalltag.

Das Ehegattensplitting ist sicher nicht heilig. Man kann über Reformen reden, über Ergänzungen, über bessere Förderung von Kindern. Aber dieses ständige reflexhafte "abschaffen" wirkt auf mich vor allem wie der nächste Versuch, Verantwortung im Privaten zwar moralisch zu loben, finanziell aber möglichst wenig gelten zu lassen.

Ich halte das für falsch. Nicht weil ich an alten Modellen hänge. Sondern weil ich finde, dass Ehe und Familie in diesem Land ohnehin schon genug aushalten müssen. Wer seit zwölf Jahren verheiratet ist, vier Kinder mit großzieht und jeden Tag schaut, wie man alles zusammenbekommt, braucht keine neuen Belehrungen darüber, was angeblich zeitgemäß ist. Der braucht vor allem eins: nicht noch die nächste Rechnung.