Am 1. September beginnen in Bayern die meisten Ausbildungen, am 1. Oktober das neue Semester an den Universitäten. Doch viele junge Menschen sind noch immer unentschlossen, welchen Weg sie für sich wählen sollen. Matthias Deubelli ist Berufsberater an der Agentur für Arbeit Landshut-Pfarrkirchen. Ob Jugendlichen eine Entscheidung heute schwerer fällt als früher und welche konkreten Tipps er für die Berufswahl hat, erzählt der 39-Jährige im Gespräch.

Haben junge Menschen heute mehr Schwierigkeiten, sich für einen Beruf zu entscheiden?

Matthias Deubelli: Was man heute definitiv feststellen muss, ist die Vielzahl von Angeboten. Es gibt über 300 Ausbildungsberufe, ungefähr 11.000 Bachelor-Studiengänge und nochmal so viele Master-Studiengänge. Wenn ich an die Generation meiner Eltern denke - da gab es einfach nicht so viele Möglichkeiten. Außerdem haben Sie heute eine bessere Verkehrsanbindung und sind mobiler.

Was man aber auch im Verhalten der jungen Leute merkt, ist die Angst, etwas zu verpassen: vielleicht doch noch einen anderen Beruf oder Arbeitgeber zu finden, der besser passt. Das nennt sich FOBO - fear of better options. Diese Idee: Ich habe zwar jetzt etwas gefunden, aber ist es wirklich das Beste, was es gibt? Da tun sich manche schon schwer, sich festzulegen.

"Zum Teil können die Jugendlichen das gar nicht konkret benennen"

Worauf bezieht sich dieses "etwas Besseres" - auf mehr Gehalt, bessere Arbeitszeiten? Was ist jungen Menschen wichtig?

Das kann auf unterschiedlichen Ebenen sein - zum Teil können die Jugendlichen das gar nicht konkret benennen. Das macht es natürlich schwierig in der Beratung. Da spielen verschiedene individuelle Faktoren eine Rolle.

Wie reagieren die Arbeitgeber darauf, dass junge Menschen sich schwerer festlegen können?

In Bayern hat sich der Ausbildungsmarkt gedreht. Man spricht hier von einem Bewerbermarkt: Wir haben Nachwuchsmangel, also mehr Lehrstellen als Bewerber. Die Bewerber haben die Wahl. Und wenn sie vier Zusagen haben, sagen sie dreien wieder ab. Für den Bewerber ist es natürlich besser, eine aktive Entscheidung treffen zu können, als das nehmen zu müssen, was übrig bleibt. Die Arbeitgeber kämpfen deshalb um ihre Azubis, etwa mit finanziellen Anreizen. Oder sie sagen: Wenn du zu uns kommst, bekommst du ein aktuelles iPhone.

Was kommt bei den jungen Leuten gut an?

Den Jugendlichen ist eine schnelle Rückmeldung wichtig. Wenn sie bei einem Vorstellungsgespräch waren und der Arbeitgeber direkt sagt: Das passt, hast du Lust, bei uns anzufangen? Das begeistert sie ungemein. Und das machen die Arbeitgeber auch, weil sie merken: Je länger sie warten, umso eher hat der Bewerber noch einen anderen Pfeil im Köcher.

"Wir helfen und leisten auch mal seelischen Beistand"

Wie unterstützen Sie bei der Agentur für Arbeit junge Leute bei der Berufswahl?

Zunächst gibt es berufsorientierende Veranstaltungen an den Schulen. Ab der Vor-Vor-Entlassklasse, also in der Mittelschule ab der siebten, in der Realschule ab der achten und im Gymnasium ab der neunten Klasse, versuchen wir, jedes Jahr mindestens einmal mit einer Doppelstunde in die Klassen zu gehen. Dort nähern wir uns der Arbeitswelt, zunächst noch spielerisch. Die Schüler können auch jederzeit Gespräche in der Schule mit uns vereinbaren oder in die Agentur kommen, auch mit den Eltern zusammen.

Offiziell sind wir bis zum Ende der Ausbildung zuständig. Die Jugendlichen kommen auch, wenn sie während der Bewerbungsphase unsicher sind oder wenn es während der Ausbildung Probleme gibt - wir helfen und leisten auch mal seelischen Beistand. Nur Rechtsberatung dürfen wir nicht machen, etwa wenn es Probleme im Arbeitsverhältnis gibt.

"Social Media blendet und verzerrt vieles"

Welche Rolle spielen soziale Medien heute bei der Vorstellung vom Arbeitsleben?

Social Media blendet und verzerrt vieles. Der Eindruck, der dort oft entsteht, ist: Ich muss nicht viel tun, verdiene trotzdem einen Haufen Geld, habe ständig tollen Urlaub, und die Arbeit macht immer Spaß. Ich sage den Jugendlichen: Selbst in meinem Beruf, den ich gerne mache, sind Sachen dabei, die mir nicht taugen. Arbeit ist kein dauerhaftes Vergnügen.

Wie kann ich herausfinden, ob eher ein Studium oder eine Ausbildung zu mir passt?

Da ist die Frage nach dem Lernaufwand: Will ich mich nach dem Abitur direkt wieder hinsetzen und lernen? Pro Semester hat man heute in der Regel einen Arbeitsaufwand von etwa 900 Stunden.

Eine andere Frage ist: Wie stellst du dir deinen Arbeitstag vor? Was ist dir da wichtig? Ich erkläre den Unterschied so: Das Studium bereitet einen darauf vor, täglich Probleme zu analysieren, Lösungen zu erarbeiten, umzusetzen und wieder zu reflektieren und das nicht nach Schema F. Wenn ich eine anspruchsvollere Haltung gegenüber meiner Berufstätigkeit habe, bin ich oft eher beim Studium - ohne dass ich damit die Ausbildung abwerten will.

Die Ausbildung bereitet mich darauf vor, einen Vorgang anhand einer Checkliste abzuarbeiten - zum Beispiel als Kfz-Mechaniker, der ein Problem im Auto identifiziert und dann repariert.

Was kann ich tun, wenn ich noch gar nicht weiß, in welche Richtung es gehen soll?

Die Grundlage sollte immer sein, dass ich mich mit meinen Interessen, Stärken, Ressourcen, Zielen und Träumen auseinandersetze und die rausarbeite. Danach schaue ich: Was gäbe es für Möglichkeiten? Dann gleiche ich meine Interessen mit der Realität ab. Ich muss zwischen Optionen abwägen und selbst entscheiden, welche Argumente wieviel wiegen sollen. Das ist etwas Individuelles. Ich rate immer dazu, das zum Beispiel aufzuschreiben - das hilft ungemein.

Wenn ich den ersten Schritt nicht mache, kann es passieren, dass ich in eine Spirale gerate und mir ein Angebot nach dem anderen anschaue, irgendwo einen Haken finde, das Angebot weglege und mir das nächste anschaue. Aber es wird immer etwas dabei sein, das nicht passt.

"Wenn ich gerne Ski fahre, gehe ich zu einem Unternehmen, das Skier herstellt"

Wie funktioniert das Abwägen der Optionen am besten?

Es gibt drei wichtige Faktoren: Das eine ist die konkrete Tätigkeit, also das, was ich jeden Tag tue. Das andere sind die Rahmenbedingungen: Wo ist der Arbeitgeber, wie sind meine Arbeitszeiten, das Gehalt, die Kollegen? Das dritte ist das Produkt. Bei einem Sportartikelhersteller ist es Sportkleidung, bei einem Automobilkonzern sind es Autos. Diese drei Faktoren müssen für einen passen.

So kann ich meine Interessen verbinden: Wenn ich gerne Ski fahre, gehe ich zu einem Unternehmen, das Skier herstellt, weil das ein Produkt ist, von dem ich überzeugt bin. Dann ist es für mich auch etwas Sinnstiftendes.

Dass man einen Sinn in seiner Arbeit sieht, ist für die dauerhafte Zufriedenheit und Gesundheit wichtig. Als Arbeitsvermittler habe ich auch schon viele Leute mit Burnout erlebt, die zwar viel Geld verdient haben, aber irgendwann gesagt haben: Der Beruf macht für mich keinen Sinn mehr, und das macht mich krank.

Was kann mir noch bei der Entscheidung helfen?

Das Wichtigste sind Praktika, als Erkundungs- und Orientierungsmöglichkeit. Ich rate den Schülern auch immer, bei dem Betrieb, bei dem sie anfangen wollen, mindestens für einen Tag reinzuschnuppern. Das geht auch nach dem Vorstellungsgespräch noch. Dann bekommt man ein Gefühl dafür, ob man da gerne hingehen möchte. Es ist besser, nicht erst in der ersten Ausbildungswoche festzustellen, dass es einem dort nicht gefällt.

Wer sich für ein Studium interessiert, sollte mal an die Hochschule fahren, etwa zu einem Infotag. Die Hochschulen machen viel, bieten zum Beispiel ein Schnupperstudium an, wo man sich tage- oder stundenweise in eine Vorlesung reinsetzen kann. Aber man muss diese Angebote erstmal kennen - und dann annehmen.