18.12.2016
Funkstille

Plötzlich oder schleichend: Egal, wie der Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern erfolgt, für die Betroffenen ist er schwierig und vielfach unerklärlich. In Nürnberg gibt es jetzt eine Selbsthilfegruppe für »gegangene Kinder«.
Alte Familienfotos

Geschrei, verletzende Worte und der entscheidende Satz: Ich will euch nicht mehr sehen! Türen schlagen, Stille. Danach ist nichts mehr wie vorher. So oder ähnlich kann ein Kontaktabbruch zu den Eltern ablaufen. Manchmal liegt auch einfach ein Brief auf dem Tisch, eine E-Mail wartet im Postfach, oder Kontaktversuche der Eltern verlaufen im Nichts. Plötzlich heißt es: Kein Anruf unter dieser Nummer.

Kontaktabbrüche zwischen erwachsenen Kindern und Eltern sind keine Seltenheit. Bei Juliane Mayer, die in Wirklichkeit anders heißt und nicht erkannt werden möchte, ging das ohne Türenschlagen: »Ich habe es ganz offiziell gemacht und gesagt, dass ich keinem die Schuld gebe«, sagt sie. Dabei tut sie es eigentlich schon. »Aber es hat keinen Sinn mehr gehabt, Erklärungen abzugeben.«

Die Akademikerin arbeitet in der freien Wirtschaft und steht fest im Leben. Für Außenstehende ist schwer nachvollziehbar, warum sie nichts mehr mit ihren Eltern zu tun haben will. Es gab keine Gewalt und keinen Missbrauch, aber der Umgang innerhalb der Familie sei von Respektlosigkeit geprägt gewesen, berichtet Mayer. Sie habe eigene Bedürfnisse immer zurückstellen müssen. Ein großer Teil ihres Lebens ist aber weiterhin durch die Trennung von ihren Eltern bestimmt.

Kein Anruf unter dieser Nummer

Um sich mit anderen auszutauschen, hat sie in Nürnberg jetzt eine Selbsthilfegruppe gegründet: »Gegangene Kinder«. »Für Eltern gibt es unglaublich viele Gruppen, aber nicht für die Kinder«, sagt Mayer. Im September war das erste Treffen. Es sei schön gewesen, sich mit anderen austauschen zu können, die die Situation wirklich nachvollziehen könnten, sagt sie. »Meistens entscheiden sich Kinder im Alter zwischen 20 und 50 Jahren zu diesem Schritt«, sagt Juliane Mayer. Sie selbst ist um die 30, wie sie sagt.

Wenn der Sohn oder die Tochter das Bedürfnis hat, sich komplett zu lösen, verstehen Eltern meist die Welt nicht mehr: Sie haben doch alles für ihr Kind getan, glauben viele. Doch den Kindern geht es offenbar besser, wenn sie keinen Kontakt haben - auch wenn sie unter der Trennung leiden. Der Psychotherapeut Rainer Ewe aus Laufen an der Salzach betont, dass neben körperlicher Gewalt vor allem übertriebene Liebe und psychische Enge wichtige Gründe für einen Kontaktabbruch seien.

Mit dem Kontaktabbruch wolle das Kind sich dem elterlichen Einfluss entziehen, sich nicht mehr rechtfertigen und erklären müssen, erklärt Ewe. Manchmal sei Rache ein Motiv, aber eher selten. Der Therapeut weiß auch: Die Eltern leiden meist sehr unter dem Verlust und der Unerklärlichkeit des Verhaltens.

»Im Prinzip ist das eine späte Pubertät«, sagt Juliane Mayer. Es gehe darum, sich abzunabeln. Kinder entscheiden sich nicht leichtfertig dazu, ihre Eltern nicht mehr zu sehen, davon ist sie überzeugt: »Es ist ja wichtig, eine Familie zu haben.«

Vor allem Ereignisse wie der Tod der Eltern, das Verhältnis zu den Geschwistern, Enkelkinder, Hochzeiten und die dazugehörigen Fragen wie Erben und Unterhaltspflicht belasteten schwer, berichtet sie. »Für mich ist die Vorstellung schlimm, dass meine Eltern sterben könnten, während wir keinen Kontakt hatten und ich mich nicht verabschieden konnte«, sagt sie. »An Weihnachten oder an Geburtstagen ist man auch eher allein.« Aber viele Freunde hätten ihr speziell an Weihnachten die Hand gereicht und sie eingeladen.

Auch die Essener Therapeutin Claudia Haarmann weiß durch ihre Arbeit, wie sehr Kinder leiden, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben: »Die Kinder lieben ihre Eltern.« Eine junge Frau habe zu ihr gesagt, dass es ihr »bis in die Zellen« wehtue.

Die Gründe, warum sie trotzdem keinen Kontakt mehr wollen, sieht sie vor allem in fehlender Kommunikation: »In den Familien, in denen es kein Gefühl von Sicherheit und Halt gibt, kommt es am häufigsten zu Kontaktabbrüchen, weil die Bindungen so zerbrechlich sind«, sagt Haarmann. Sie beschreibt die Situation als ein Thema, das mehrere Generationen umfasst: Die Eltern geben die erlernten Bindungsmuster an ihre Kinder weiter, auch wenn ihnen selbst schon was gefehlt hat.

Haarmann hat ein Buch über den Kontaktabbruch geschrieben und sieht in der großen Resonanz darauf ein Zeichen für die Wichtigkeit dieses Themas. Ihrer Erfahrung nach nehmen Kinder, außer bei schweren Missbrauchsfällen, vorsichtig den Kontakt wieder auf, wenn sie sich wieder stabilisiert hätten. »Es ist dann Sache der Eltern, zuzuhören, damit es zu einer Annäherung kommen kann.«

KONTAKT UND HILFE

Wer sich für die Selbsthilfegruppe »Gegangene Kinder« interessiert, kann sich an die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen Mittelfranken (KISS) wenden: Tel. (09 11) 2 34 94 49.

INTERNET: kiss-mfr.de oder über die Selbsthilfekoordination Bayern

BUCHTIPP

Claudia Haarmann: Kontaktabbruch - Kinder und Eltern, die verstummen. Orlanda Frauenverlag, 2015, 299 Seiten, ISBN 978-3-944666-14-3, 19,50 Euro.

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