Philosophie
"Hoffnung" ist in Zeiten von Corona nicht für jeden leicht aufzubringen. Der ehemalige Leiter des Pastoralkollegs der bayerischen evangelischen Landeskirche und frühere Nürnberger Regionalbischof, Karl-Heinz Röhlin, versucht in seinem neuen Buch "Flügel der Hoffnung" mit biblischen und philosophischen Impulsen einen eigenen Ansatz. Ein Interview.
Karl-Heinz Röhlin, früherer Nürnberger Regionalbischof
Der frühere Nürnberger Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin

Herr Röhlin, Ihr Buch ist ein philosophisch-literarischer Kurzführer, um den Hoffnungsbegriff einzukreisen. Wieso haben Sie diesen Weg gewählt?

Röhlin: Ich wollte zeigen, dass Hoffnung ja nicht nur in der Religion stattfindet, sondern in so vielen Bereichen, von der Poesie bis hin zur Pop-Kultur. Denken Sie an John Lennons "Imagine"; Beethoven hat Schillers "Ode an die Freude" in seiner 9. Sinfonie vertont; oder denken Sie an den Philosophen Ernst Bloch mit seinem "Prinzip Hoffnung" oder an Martin Walsers Buch "Das dreizehnte Kapitel".

Darin bezieht sich Walser sogar direkt auf den Korintherbrief. Wer genau hinsieht, merkt, dass Hoffnung in so vielen Gewändern daherkommt. Bereits in der Antike verstanden Platon oder Sokrates ihre Philosophien als Lebenshilfe. Wir wären töricht, wenn wir diese Einsichten nicht miteinbeziehen, wenn wir von Glaube, Hoffnung und Liebe sprechen. Da schöpfen wir aus vielen Brunnen der Weisheit.

Ein Theologe im Ruhestand schreibt ein Buch über Hoffnung in Corona-Zeiten. Warum?

Röhlin: Ich habe im März beim ersten Lockdown einfach mal mit dem Schreiben begonnen. Meine Intention war, Hoffnung zu verbreiten statt den Virus. Die Kirchengemeinden werden derzeit sehr kreativ dabei, ihre Gottesdienste zu halten, auch mit Musik, über Formate im Internet. Das muss man fördern. Der Kontext der Corona-Krise ist allerdings teils sehr bedrückend. Die Umstände liegen wie Mehltau über den Gemeinden und auch über den Pfarrern. Da ist es manchmal sehr schwer, sich zu motivieren. Umso wichtiger, sich immer wieder zu rappeln.

Sie sagen, was kommen wird, hängt nicht zuletzt von dem ab, was wir glauben und hoffen: Wie ist das zu verstehen?

Röhlin: Religiöser Glaube immunisiert gegen Ideologien. Daher war der Glaube ja beispielsweise schon bei den Nazis oder in der DDR-Diktatur nicht gerne gesehen. Er hilft aber auch gegen Resignation und befähigt, heute schon selber in kleinen Schritten das zu tun und darauf hinzuwirken, was erwartet wird. Glaube ermutigt demnach zum Handeln. Das gestaltet die Wirklichkeit und verändert letztlich die Welt. Der Philosoph Karl Popper hat es ja schön beschrieben: Die Zukunft ist offen, und es hängt von uns ab, was werden wird.

Sie führen an, die derzeitige Krise habe auch zu neuem Vertrauen in die staatlichen Institutionen geführt. Diesen Eindruck hat man aber nicht, wenn man sich beispielsweise die Querdenker-Bewegung anschaut. Wie kommen Sie darauf?

Röhlin: Die Coronakrise ist ein Stresstest für unsere Demokratie, keine Frage. Da ist es auch für uns Christen wichtig, bürgerliches Engagement zu zeigen und in der Zivilgesellschaft unsere Stimme zu erheben.

Verschwörungstheoretikern darf man dabei nicht kommentarlos das Feld überlassen.

Vor allem, wenn im nächsten Jahr die Insolvenzen zunehmen werden. Da braucht es ein heißes Herz, kühlen Verstand und eine breite Vernetzung der gesellschaftlichen Gruppen, gemeinsame Lösungen zu finden.

Es braucht nicht nur eine breite, sondern auch eine differenzierte Debatte, die auch gerne kontrovers sein darf. Wenn beispielsweise jemand das Infektionsschutzgesetz hinterfragt, darf man diesen nicht in die Querdenker-Ecke stellen. Auch das sollte öffentlich diskutiert werden. Ich halte nichts davon, Menschen Etiketten aufzukleben oder den Schwarzen Peter zuzuschieben, die nicht derselben Meinung sind. Solange die Spielregeln der Menschenwürde und der Demokratie gewahrt bleiben.

"Vertrauen wirkt wie ein sozialer Kitt" schreiben Sie. Vertrauen Sie den amtierenden Politikern und deren ausgewähltem Beraterstab an Virologen, Epidemiologen oder anderen Wissenschaftlern?

Röhlin: Ich halte nichts von einem Wissenschafts-Bashing, wie es derzeit oft ertönt. Die Leute sind ja international ständig im Austausch mit anderen Kollegen. Wenn ich auf die Situation in Deutschland schaue, vertraue ich den handelnden Akteuren. Man merkt, wie wichtig die Wissenschaft ist, auch die Ethik. Wir dürfen der Wissenschaft aber nicht zu viel zumuten, sie verbreitet ja auch nicht die letzte Wahrheit. Es werden Hypothesen formuliert und gegebenenfalls korrigiert, wenn neue Erkenntnisse auftauchen. Daraus resultieren dann neue Entscheidungen. Die Politik hat ja auch keine Glaskugel, sondern entscheidet in mühsamen Prozessen, bei denen auch wirtschaftliche Interessensverbände gehört werden müssen. Diese Selbstkorrektur ist für mich dann kein Zeichen der Schwäche, sondern der Ehrlichkeit. Ob die soziale Komponente gerade im Hinblick auf die Jugend und alte Menschen ausreichend bedacht wird, darüber kann und muss man streiten. Wir brauchen einen kühlen Kopf und ein Grundvertrauen in die demokratischen Institutionen.

Der Glaube, sagen Sie, ist ein entscheidender Helfer, um Hoffnung zu verspüren. Wie meinen Sie das?

Röhlin: Da denke ich immer an den ersten Korintherbrief des Apostels Paulus, in dem von "Glaube, Hoffnung, Liebe" die Rede ist. Diese drei Dinge werden eng miteinander verknüpft. Hoffnung lebt von Bildern und Geschichten, auch vom Gebet und der Meditation. Viele biblische Geschichten sind Hoffnungsgeschichten, angefangen von der Befreiung Israels über Vertrauens-Psalmen bis hin zur Ostererzählung. Der Glaube stärkt unser Vertrauen in die Zukunft und ist gleichsam eine Quelle der Hoffnung und Zuversicht. Es gibt sogar wissenschaftliche Untersuchungen, die das Gebet und seine positive Wirkung auf den Beter nachweisen. Das Beten verändert unser Fühlen und Handeln. Auch ein philosophischer Glaube kann es sein, der eine enorme Kraft auf unser Denken bewirkt.

Und wenn dann Menschen kritisieren, dass die Kirche sich gerade in der Corona-Krise zu viel rausnimmt, weil sie ihre Gottesdienste feiern darf?

Röhlin: Das Grundgesetz schützt die Religionsfreiheit und deren Ausübung, worauf man selbstbewusst hinweisen darf. Wenn ich als Kirche aber nicht mal ein Angebot für Menschen mache, dann öffne ich auch keinen Raum mehr für Gestaltung. Man muss sich auch bewusst machen, dass medial einige Stimmen derzeit auf die Kirchen einhauen, die ihr auch ohne Corona nicht gut gesonnen wären. Mit Polemik ist immer zu rechnen. Aber natürlich müssen auch wir als Kirche uns immer der Kritik stellen. Das gilt vor allem für die ganzen Missbrauchs-Skandale in unseren Reihen. Die haben ebenso Vertrauen zerstört wie das Staatsversagen bei den NSU-Morden oder die Abgas-Schwindeleien in der Auto-Industrie.

"Was kommen wird, hängt nicht zuletzt von dem ab, was wir glauben und hoffen": Wie ist das zu verstehen?

Röhlin: Religiöser Glaube immunisiert gegen Ideologien. Daher war der Glaube ja beispielsweise schon bei den Nazis oder in der DDR-Diktatur nicht gerne gesehen. Er hilft aber auch gegen Resignation und befähigt, heute schon selber in kleinen Schritten das zu tun und darauf hinzuwirken, was erwartet wird. Glaube ermutigt demnach zum Handeln. Das gestaltet die Wirklichkeit und verändert letztlich die Welt. Der Philosoph Karl Popper hat es ja schön beschrieben: Die Zukunft ist offen, und es hängt von uns ab, was werden wird.

Sie kritisieren eine "Ideologie des positiven Denkens". Wo liegt darin die Gefahr?

Röhlin: In Jesus Sirach steht: "Unweise Leute betrügen sich selbst." Es gibt auch törichte Hoffnungen. Zweckoptimismus ist meist ein Ausdruck von Illusionen, hinter denen eigentlich Hoffnungslosigkeit steht. Wir müssen dann immer wieder aufpassen, dass wir vermeintlichen Hoffnungsbringern nicht auf den Leim gehen. Selber denken! Das erfordert auch Mut und es ist mühsam, sich zu vernetzen, Mehrheiten zu bilden und sich zu engagieren. Über den eigenen Kirchturm und die gesellschaftlichen Gruppen hinaus.

 

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