In der dreiteiligen ARD-Dokuserie "Die Paartherapie" – auch als Podcast erfolgreich – lassen sich pro Staffel vier Paare vor laufender Kamera auf etwas ein, das man sonst hinter verschlossenen Türen erledigt: Beziehungsarbeit. In mehreren Intensiv-Sessions versuchen sie, die Risse ihrer Beziehung zu benennen – und die größere Herausforderung: mit sich selbst kritisch zu sein, die Verhaltensweisen des anderen verständnisvoll aufzunehmen. Jedes Paar bringt dabei seine eigene Vorgeschichte mit, seine Verletzungen, seine Hoffnungen.
Eric Hegmann: Vom Journalismus zur Paartherapie
Eric Hegmann, Therapeut und Gastgeber der Doku, begleitet sie durch ihre Konflikte, spiegelt Dynamiken, provoziert Einsicht – und das vor einem Millionenpublikum als Resonanzraum. Was man dem Format anmerkt: Hegmann kommt ursprünglich aus dem Journalismus.
Er absolvierte eine journalistische Ausbildung, arbeitete lange in leitenden Funktionen bei Verlagen, ehe er sich intensiv in psychotherapeutischen Verfahren weiterbildete. Heute ist er vor allem als Paartherapeut und Single-Coach bekannt, hat mehrere Bücher über Liebe und Beziehungen geschrieben, und beriet für viele Jahre die Onlinepartnervermittlung Parship und leitet heute als Gründer die Modern Love School, die Paare und Singles mit Onlinekursen unterstützt.
Inszenierte Nähe: Wie echt sind die gezeigten Konflikte?
Und dieser Lebenslauf zeigt sich schon darin, wie perfekt die Paare und ihre Themen orchestriert sind. Die Kamera besucht die Familien zu Hause, die Schwerpunkte werden szenisch zugespitzt. Im Interview mit dem Medienmagazin "Quotenmeter" sagt Hegmann zwar:
"Für mich sind die Paare Klienten und kein Content" – um im nächsten Satz einzuräumen, dass die Produktion bei der Auswahl darauf achte, dass die Themen "öffentlichkeitstauglich" sind. Also: spannende, unterscheidbare Geschichten.
Doch das Format hat blinde Flecken. Paare, in deren Beziehung Gewalt eine Rolle spielt, werden vermutlich gar nicht erst ausgewählt – zu heikel, zu wenig kontrollierbar. Dabei ist Gewalt gegen Frauen ein hochrelevantes Beziehungsthema. Ebenso Misogynie, die sich subtiler äußert, dafür umso tiefer sitzt.
Die Kamera zeigt nur, was sich zeigen lässt – und das ist, bei aller inszenierten Offenheit, eine kuratierte Wirklichkeit.
Repräsentative Alltagsprobleme, bei Paaren, die sich unterscheiden und eine eigene Geschichte erzählen – aber die grundlegenden Bausteine sind dieselben.
Alltagsstress, Geld und Sex: Wiederkehrende Konflikte der Paare
Steffi und Frank wirken verliebt, aufeinander bezogen, bemüht – nur der Dauerkonfikt über Geld schürft tiefe Verletzungen. Anna und Armando, Ende Dreißig, kämpfen gegen eine schleichende Entfremdung an, gegen die Narben, die das Streiten über Jahre hinterlässt.
Sabrina und Andreas sind über fünfzig und haben seit Jahren kein Sexleben mehr – einer unter Druck, die andere tief verletzt und zurückgezogen. Miriam und Pauline verlieren sich nicht im Streit, sondern im Planungswahn eines Alltags, der keinen Raum mehr lässt für Intimität.
"Die Antwort findet man meistens nicht in dem Thema, über das die Paare laut streiten, sondern in dem, was leise darunter liegt", sagt Hannah Gensch, Paartherapeutin aus München.
"Hinter dem vordergründigen Streit steckt ja fast immer dieselbe, bange Frage: 'Bin ich dir eigentlich noch wichtig, auch wenn es schwierig wird?'"
Verstehen lernen: Zuhören, Gefühle benennen und Schutzpanzer ablegen
In fast allen Fällen geht es um eines: angenommen und verstanden zu werden. Das braucht ein Zuhören, das mehr ist als Höflichkeit – eines, das durchdringt, das verstehen will, was hinter den Worten sitzt, was die andere Person wirklich trägt.
Ein erster Schritt ist es, den Schutzpanzer fallen zu lassen, der über Jahre aufgebaut wurde und sorgfältig gepflegt – eine Entscheidung, wieder aufeinander zuzugehen und in sich selbst hinein, statt auf Angriff und Verteidigung zu setzen, statt die Ohren zu verschließen und Munition für den eigenen Konter zusammeln.
Es geht darum, sprachfähig zu werden, Vokabeln zu finden für etwas, das man jahrelang nicht benannt hat: das eigene Wohlbefinden, die eigenen Gefühle, das, was einem wirklich fehlt – nicht das, was man als Problem in der Beziehung identifiziert hat, sondern das Tiefere, das darunter liegt.
Individualisierung vs. Struktur: Was das Format ausspart
Um die Individualthemen – Geld, Sex, Entfremdung, Alltagsstress, Kinder – geht es eigentlich nur am Rande. Das ist nachvollziehbar und richtig. Doch dann stellt sich die Frage: Warum drei Staffeln, unzählige Paare und Individualgeschichten, wenn es doch vor allem um die Grundbausteine einer gesunden Beziehung geht?
Und vorallem: Stabilisiert ein solches Format nicht am Ende den Eindruck, dass Beziehungsprobleme individualpsychologisch lösbar sind? Was ist mit den strukturellen Faktoren – Care-Arbeit, Ökonomie, Geschlechterordnung? Werden die nicht durch ein solches Format stillschweigend verharmlost?
Therapie als Lifestyle: Öffentliche Psychotherapie im Trend
Insgesamt ist "Die Paartherapie" symptomatisch für einen gesellschaftlichen Trend: Psychotherapie wird öffentlicher, zum Lifestyle, und damit gleichzeitig personalisierter und marktförmiger. Das macht das Hilfsangebot sichtbarer – birgt aber auch die Gefahr, Beziehungsprobleme zu entpolitisieren.
Ehegattensplitting, Patriarchat – die strukturellen Ursachen, die hinter vielen Beziehungskonflikten stecken, werden in einem solchen Format nicht verhandelt. Sie bleiben unsichtbar, während die individuelle Anstrengung ins Zentrum rückt.
Warum wir zuschauen: Die Spannung echter Gefühle im Streaming
"Gute Therapie-Formate sind im Grunde intime Kammerspiele", sagt Gensch.
"Da sind zwei Menschen in einem Raum, ein Konflikt, und plötzlich geht es um alles oder nichts. Genau diese existenzielle Spannung suchen viele heute auch beim Streaming – nur, dass sie hier eben real ist."
Und genau das zeigt das Format in seiner ganzen Kraft: Menschen, die lernen, ihre Gefühle zu lesen, die sich selbst zu verstehen versuchen, die die Arbeit an sich wagen – langsam, ungeschützt, vor einem Millionenpublikum. Das ist wertvoll. Aber es bleibt eine Individualisierung eines Problems, das oft viel größer ist als zwei Menschen in einem Raum.
Wer fragt, warum so viele Paare an den gleichen Stellen scheitern – an Geld, an Erschöpfung, an einem System, das Care-Arbeit nicht honoriert und Elternschaft nicht einebnet – der stößt auf Strukturen, nicht auf individuelle Fehler. "Die Paartherapie" zeigt die Arbeit an sich. Was sie nicht zeigt: die Strukturen, die diese Arbeit erst nötig machen.