49 Jahre alt, von Herzen links eingestellt. Mein Körper tätowiert, mein Herz auf der Zunge – denke ich. Normalerweise. Ich bin nicht der Typ, der schweigt. Nicht der Typ, der weghört, wenn Menschen ihre Ressentiments und ihren Hass in den Raum rotzen. Ich bin einer, der sonst den Mund aufmacht. Einer, der sagt: "Moment mal, so nicht."
Und doch stehe ich da, jeden Morgen im Fitnessstudio, und höre zu.
Es sind dieselben Ruheständler wie immer, Ende 60 und noch ziemlich fit. Wir kennen uns nicht wirklich – aber wir grüßen uns, schon seit Jahren. Dieselbe Uhrzeit, dieselben Geräte, dieselben Routinen. Ein stilles Einverständnis unter Frühtrainierenden: Wir teilen uns diesen Raum, den Schweißgeruch, den Klang der Fitnessgeräte.
Worte, die einen Schauer über meinen Rücken jagen
Und jetzt teilen wir auch ihre Gedanken:
"Scheiß Regierung."
"Alles wird teurer."
"Die Ausländer nehmen uns alles weg."
"Die können nur mit Messern umgehen und vergewaltigen."
"Die AfD muss ran, dann wird aufgeräumt. So wie ’33."
"Queere Missgeburten gehören weggesperrt."
Worte, die einen Schauer über meinen Rücken jagen. Worte, die nach brennenden Synagogen riechen, nach Stiefeln auf Kopfsteinpflaster.
Und ich? Ich sage – nichts. Ich höre zu, schweigend. Ich mache meine Sätze auf der Beinpresse, konzentriere mich auf meinen Atem, so tue ich zumindest. In Wirklichkeit halte ich die Luft an, weil ich Angst habe, den Raum mit meiner Stimme zu füllen. Ich bin wie eingefroren, ein stiller Komplize durch Passivität.
Warum? Ich bin doch nicht feige. Ich habe schon vor Nazis demonstriert, vor Pegida, vor Hetzern im Netz. Ich habe auf Familienfeiern gestritten, mit Kollegen diskutiert, Freunde verloren, weil ich nicht schweigen kann, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird.
Und jetzt stehe ich hier, zwischen Hantelbänken und Rudergerät, und meine Stimme bleibt weg.
Keine Meinung, sondern giftige Parolen
Vielleicht liegt es daran, dass ich diese Menschen seit Jahren sehe. Nicht persönlich kenne, aber eben doch: Man grüßt sich, man nickt sich zu, wir sind Teil derselben stillen Morgenroutine. Soll ich jetzt wirklich der sein, der den Frieden stört? Soll ich ihnen ins Gesicht sagen, dass sie mit dem, was sie da reden, auf der falschen Seite der Geschichte stehen? Dass sie nicht nur "ihre Meinung" sagen, sondern giftige Parolen wiederkäuen, die wir längst überwunden glaubten?
Und nein: Ich will hier keine Generation pauschal abwerten. Ich will keine Rentner bashen oder jemanden lächerlich machen. Es geht nicht um jung gegen alt, links gegen rechts, tätowiert gegen bieder. Es geht um eine klare Grenze: menschenverachtende Aussagen sind nicht okay. Niemals.
Ich weiß, was jetzt einige denken: "Ja, aber Extreme sind immer schlecht. Links wie rechts." Ich stimme zu: Extreme sind gefährlich. Linksextremismus genauso wie Rechtsextremismus. Aber lasst uns ehrlich sein: Es ist nicht extrem, für Würde und Gleichberechtigung einzustehen. Es ist nicht extrem, gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit zu sprechen. Das ist schlichtweg anständig.
Die Wut der Menschen ist verständlich, aber keine Entschuldigung für Hass
Und bevor jemand meint: Nein, das hier ist kein Versuch, mich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Kein PR-Move. Kein "schaut her, ich bin der gute Mensch". Es ist ein Eingeständnis von Schwäche. Es ist das ehrliche Aufarbeiten einer Situation, die mich seit Tagen beschäftigt.
Ich sehe sehr wohl, dass in diesem Land vieles schiefläuft: Altersarmut, eine Politik, die kleine Leute vergisst, während für Großkonzerne Milliarden locker gemacht werden. Ich sehe, wie die Infrastruktur zerbröselt, wie Familien nicht mehr wissen, wie sie die nächste Miete zahlen sollen, wie Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, am Ende um ihre Rente kämpfen müssen. Dass Menschen darüber wütend sind, ist verständlich.
Aber – und das ist entscheidend – Wut ist keine Entschuldigung für Hass. Existenzangst ist keine Legitimation für menschenverachtende Aussagen. Es gibt einen Unterschied zwischen berechtigter Kritik und Hetze. Zwischen "Die Regierung macht Mist" und "Die Ausländer sind schuld, die müssen raus". Zwischen "Wir brauchen Veränderung" und "Aufräumen wie ’33".
Wenn ich schweige, dann normalisiere ich das. Dann mache ich mich zum Komplizen.
Beim nächsten Mal – ich schwöre es
Zu Hause ärgere ich mich über mich selbst. Ich ärgere mich, weil ich mich ärgere. Ich schimpfe über sie, aber in Wahrheit schimpfe ich über mich: Warum hast du nichts gesagt? Warum hast du nicht wenigstens ein "Moment mal!" in den Raum geworfen?
Ich schwöre mir: Beim nächsten Mal sage ich was. Ich werde nicht belehren, nicht missionieren, nicht predigen. Aber ich werde den Satz sagen, der mir heute schon auf der Zunge brennt: "Was Sie da gerade sagen, ist menschenverachtend."
Vielleicht folgt ein Gespräch, vielleicht ein Streit, vielleicht nur ein peinliches Schweigen. Aber wenigstens werde ich dann wieder ich selbst sein. Der Mann mit den Tattoos und den klaren Werten. Der Mann, der auch in der Früh um halb acht für Menschlichkeit einsteht.
49 Jahre alt, von Herzen links eingestellt. Nicht feige. Nicht extrem. Einfach nur überzeugt davon, dass Würde nicht verhandelbar ist. Das nächste Kapitel meines Lebens schreibe ich mit Worten.
Beim nächsten Mal sage ich was. Ich schwöre es.
Kommentare
Danke für den Artikel. Er…
Danke für den Artikel. Er beschreibt genau wie es mir in meinem Fitnessstudio in der nordwestlichen Oberpfalz ergeht, nur dachte ich bis jetzt, ich sei der einzige.
Ich habe mich gleich zu Anfang eingemischt und meine Position zu diesen menschenverachtenden Aussagen kundgetan.
Heute werde ich nicht mehr gegrüsst, einer dieser Herren, wahrscheinlich in meinem Alter (Jahrgang 1964), wirft mir seitdem verachtende Blicke zu.
Seis drum !