Melanie Dertinger aus der Nähe von Würzburg ist, wenn sie nicht gerade Bücher über Bullshit-Sprüche schreibt, selbst als Coach, Seminarleiterin und Resilienztrainerin unterwegs. Sie befreit ihre Klienten vom Bullshit-Bingo des Alltags - und hilft ihnen, den zunehmenden Selbstoptimierungs-Wahn abzuwehren. Die schönsten Stilblüten hat sie nun in ihrem Buch "Du musst dich halt mehr anstrengen" seziert. Gleichzeitig läuft sie in ihrem Job manchmal auch Gefahr, selbst in die Bullshit-Falle zu tappen. Ein Gespräch zum Verzweifeln.
Sie sind selbst als Coach und Trainerin tätig. Hand aufs Herz: Leben Sie nicht auch ein Stück weit davon, "Bullshit-Sprüche" zu klopfen?
Dertinger: Ich bemühe mich, Kalauer oder Sätze für das Phrasenschwein gering zu halten, zumindest in meinen Trainings. Aber natürlich sage ich auch mal Sätze wie: "Hör mal in dich rein" oder "Spür mal nach, was genau da aus dir rauswill". Das ist wichtig, und für mich ist das in diesem Fall kein Bullshit. Wenn ich tatsächlich mal bewusst einen Bullshit-Satz sage, kündige ich ihn vorher an. Ich möchte nicht über andere Coaches urteilen, aber ich weiß, was Sie meinen - in der Branche ist das durchaus verbreitet.
Was war für Sie der Anlass, dieses Buch zu schreiben?
Ehrlicherweise ganz eigennützig: Ich dachte, als Trainerin ein eigenes Buch zu veröffentlichen, wäre cool. Aber ich hatte keine Lust, noch einen dieser klassischen Ratgeber zu schreiben, wie etwa "Fünf Tipps für ein besseres Leben" oder auch "Zehn Schritte zum Glück". Davon gibt es in meinen Augen ebenso genügend wie Ratgeber, die einem sagen, man müsse gar nichts mehr tun.
Mich persönlich interessiert vielmehr die Haltung dahinter.
Solange Menschen versuchen, Methoden umzusetzen, ohne jemals ihre eigenen Überzeugungen zu hinterfragen, wird sich in ihrem Leben wenig bis gar nichts ändern.
Sie wollen den Menschen also die Augen öffnen für wenig hilfreiche Lebensweisheiten?
Das ist wie beim Staffellauf: Wir bekommen im Laufe unseres Lebens bestimmte Sätze von unseren Eltern, unseren Lehrern oder der Gesellschaft wie einen Staffelstab überreicht. Wir nehmen sie an und rennen einfach los, ohne jemals hinzuschauen, was tatsächlich draufsteht.
In meinem Buch schildere ich eine Szene, in der ein Mädchen zu ihrer kleinen Schwester sagt: "Das Leben ist kein Wunschkonzert, das musst du lernen, junge Dame."
Sie hat das von ihrer Tante übernommen. Mein Co-Protagonist im Buch kommentiert das mit den Worten, dass sich dieser Satz schneller vererbt hat, als man DNA sagen kann.
Sind diese Sprüche aus Ihrer Erfahrung alle unbrauchbar oder steckt in manchen ein Fünkchen Wahrheit?
Die Sätze, die ich im Buch auseinandergenommen habe, machen einem das Leben schwerer als nötig, wenn man danach lebt…
Was sind Ihre drei persönlichen Lieblingssprüche für die Mülltonne?
Erstens: "Das Leben ist kein Ponyhof." Zweitens: "Was sollen die Leute denken?" Und drittens: "Das macht man nicht." Den letzten liebe ich am meisten, weil es eine Moralkeule ist. Wir geben anderen ein Verhalten vor, nur damit wir uns selbst besser fühlen. Wir schieben die Schuld für unser mieses Gefühl auf jemanden anderen. Wenn Eltern das zum Beispiel zu ihren Kindern sagen, kann das daran liegen, dass es ihnen unangenehm ist, dass sich ihr Kind nicht an irgendeine Regel hält.
Weisen Sie Menschen direkt darauf hin, wenn sie solche Sprüche klopfen?
Bei dem Satz "Das macht man nicht" gehe ich wirklich rein und frage: "Warum macht man das nicht? Derjenige hat es doch gerade getan." Ich sage nicht direkt, dass es Bullshit ist, sondern frage nach: "Was macht es mit dir, wenn derjenige sich so verhält?" In diesem Moment kommt oft eine Erleuchtung beim Gegenüber.
Ihr Buch trägt den Titel "Du musst dich halt mehr anstrengen". Aber ist es nicht so: Vor den Erfolg hat der liebe Gott den Schweiß gesetzt?
Das ist auch so eine Phrase... Also: Ich glaube schon, dass es eine gewisse Form von Anstrengung und Selbstdisziplin braucht, um Ziele zu erreichen. Die Frage ist für mich aber immer: Wie viel Druck von außen steckt in der Anstrengung? Was mache ich intrinsisch, weil es von innen heraus geboren wird? Dann kann sich Anstrengung ja auch gut anfühlen. Beim Sport schwitzen wir - und trotzdem machen viele Sportarten Spaß. Es geht um die Unterscheidung: Kämpfe ich in meiner Anstrengung und verbrauche extrem viel Energie, oder darf es mit einer Prise Humor und Leichtigkeit auch einfach ein bisschen "fluppen"?
Das heißt, Sie trimmen die Menschen in Ihrer Arbeit nicht auf den klassischen Erfolg?
Nein, denn die Frage ist: Was ist Erfolg überhaupt? Viele Menschen leben nach einem Erfolgsbegriff, der von außen vorgegeben ist - also eine bestimmte Karriere oder ein bestimmtes Einkommen. Stellen Sie sich mal jemanden vor, der einen kleinen Kiosk an einer Schule betreibt, täglich mit den Kindern spricht, ihnen ein gutes Gefühl gibt und dann auch noch davon leben kann.
Wenn es diesen Menschen erfüllt, dann ist das sein individueller Erfolg, weil er wirken kann und Menschen erreicht. Das ist es, was ich vertrete: Nicht den vorgegebenen Erfolg von außen, sondern das, was man persönlich als Erfolg erachtet. Es geht immer darum zu schauen: Wie möchte ich leben, wie möchte ich wirken und wo sind meine Handlungsspielräume?
Ihr Buch wirkt wie ein Ratgeber zur De-Optimierung des Lebens. Warum brauchen die Leute das?
Von klassischer Selbstoptimierung halte ich nicht viel.
Ich glaube, wir würden bewusster, gesünder und zufriedener leben, wenn wir weg von diesem ganzen Optimierungsdruck kämen.
Wir sollten bei uns selbst ehrlich hinschauen und uns fragen: Was hat eine Situation mit mir zu tun? Wir sollten weggehen von dem Anspruch, die "beste Version" unserer selbst sein zu müssen - und stattdessen lieber die ehrlichste Version unserer selbst sein. Man darf sich auch zugestehen, dass manche Dinge nicht optimiert werden müssen, weil das alles unheimlich viel Kraft kostet.
Wie findet man die Balance zwischen vollem Einsatz und einer gewissen "Wurstigkeit"?
Das werde ich oft gefragt. Viele missverstehen das als Gleichgültigkeit. Für mich bedeutet die Balance aber etwas anderes: Ich knie mich dort rein, wo ich wirken möchte, wo ich mit Herzblut dabei bin und eine Haltung einnehme. Aber in den Bereichen, über die ich keine Kontrolle habe - etwa, was andere Menschen über mich denken oder erzählen -, da ist es mir wurscht. Das kann ich ohnehin nicht kontrollieren; ich kann nur meine ehrlichste Version sein.