Bestimmt kennt ihr dieses Meme. Es zeigt einen Hund, der mit seiner Kaffeetasse in einer brennenden Küche sitzt. Darüber steht "This is fine". Dieses Bild ist längst mehr als ein Internetwitz: Es ist die perfekte Illustration einer Gesellschaft, die den Ausnahmezustand zur Normalität erklärt hat.
Die Hitzewelle, die Mitte Juni 2026 über Europa hinwegrollte, war kein gewöhnliches Sommerereignis, sondern ein Extremereignis von historischem Ausmaß. Der Deutsche Wetterdienst spricht von der längsten und intensivsten frühen Hitzewelle, die je gemessen wurde.
Hitzewelle 2026: Infrastruktur taumelt, Menschen sterben
In mehreren Ländern, darunter auch Deutschland, brach die Infrastruktur unter den Temperaturen teilweise zusammen. Bahnverbindungen wurden gestrichen, da Gleise und Technik der Belastung nicht standhielten. Autobahnen mussten gesperrt werden, da der Beton aufplatzte. Bahnunternehmen rieten den Menschen davon ab, ihr Angebot zu nutzen.
Und während die Hitze Städte, Verkehrswege und Lebewesen an ihre Grenzen brachte, starben Tausende Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete vorläufig mehr als 1.300 hitzebedingte Todesfälle seit dem 21. Juni. Allein in Frankreich gab es innerhalb weniger Tage mindestens 1.100 zusätzliche Todesfälle, in Spanien waren es zwischen dem 24. und 28. Juni mindestens 500.
Die Reaktion darauf? Erstaunlich gedämpft. Die Politik ist weitgehend im Schweigemodus. Krisengipfel? Ach, woher denn. Die Medien wiederholen nur die immer gleichen gut gemeinten Hinweise: genug trinken, Schatten suchen, Mittagshitze meiden. Sicher, praktische Tipps sind wichtig, aber sie ersetzen keine gesellschaftliche Debatte. Und die evangelische Kirche? Verschickt anlässlich der Aktion "einfach heiraten" eine Pressemitteilung unter dem Motto "Hitzewelle trifft Herzenswärme". Das lasse ich mal so stehen.
Der Begriff, der diese Ereignisse erklären müsste, blieb auffällig oft außen vor: Klimawandel. Dabei ist selbst dieser Euphemismus Teil des Problems. Wir haben es mit Erderwärmung oder Erderhitzung zu tun. "Wandel" klingt neutral, irgendwie sogar halbwegs positiv. Doch das ist hier nicht angebracht.
Klimakleber: Minimale Störung, maximale Wut
Es ist ein bemerkenswerter Kontrast zu dem, was noch vor wenigen Jahren geschah. Die Aktivist:innen der "Letzten Generation" blockierten Straßen, klebten sich auf den Asphalt und legten den Verkehr für kurze Zeit lahm. Sie wurden als "Klimakleber" verspottet, manche setzten sie mit Extremist:innen gleich und machten sogar Terrorist:innen aus ihnen. Es gab Gewaltandrohungen und tätliche Angriffe durch Autofahrer:innen. Eine kleine Störung des Alltags erzeugte maximale Empörung.
Nun liegen die Folgen einer jahrzehntelangen Verdrängung ganz offen zutage – und die Empörung bleibt aus. Ein paar Sekunden Stillstand auf dem Arbeitsweg waren für viele unerträglicher als eine Hitzewelle mit einer vierstelligen Zahl von Toten. Minimale Störung, maximale Wut. Massenhaftes Sterben: Achselzucken.
Das ist die eigentliche Krise. Nicht nur die Erderwärmung selbst, sondern auch eine Gesellschaft, die ihre Empörung lieber an einzelnen, sichtbaren Sündenböcken auslässt, statt die Verhältnisse, die diese Katastrophe mit hervorgebracht haben, kritisch zu betrachten. Der Blick richtet sich auf die Person mit dem Sekundenkleber in der Hand, nicht jedoch auf ein Wirtschaftsmodell, das Wachstum und Verbrauch weiterhin über ökologische Grenzen stellt.
Selbst Parteien, die einst stärker mit Klimaschutz verbunden wurden, flüchten sich längst in die Erzählung vom "grünen Kapitalismus". Die Idee dahinter: Die Transformation müsse möglichst geräuschlos funktionieren, ohne echte Zumutungen, ohne Konflikte, ohne Eingriffe in bestehende Macht- und Wirtschaftsstrukturen. Aus Sorge um die ohnehin angeschlagene deutsche Wirtschaft wird Klimapolitik zum netten Hobby für eine kleine, wohlsituierte Minderheit erklärt.
Bis hierhin ist alles gut gegangen, aber ...
Klar ist: Es braucht sozial funktionierende Lösungen. Nichts ist schlimmer als rein symbolische Maßnahmen, die von progressiven Milieus mit gutem Einkommen beklatscht, aber von den meisten Menschen im Alltag als Zumutung erlebt werden. Doch die größte Zumutung ist nicht die Veränderung. Die größte Zumutung ist die Vorstellung, wir könnten einfach immer weitermachen, ohne dass die Rechnung jemals kommen würde.
Wir sind der Hund im brennenden Haus. Wir sitzen da, halten unsere Tasse fest und erklären uns gegenseitig, dass alles noch irgendwie normal ist. Und zugleich sind wir der Mann aus dem französischen Film "La Haine", der aus dem 50. Stock eines Hauses fällt und sich auf dem Weg nach unten ständig sagt: "Bis hierhin ist alles gut gegangen."
Doch am Ende entscheidet nicht der Fall darüber, was passiert, sondern der Aufprall. Und der rückt näher. Oder ist längst da.