Am Ende steht Terry Swartzberg auf seiner Terrasse. Er erklärt die biblisch inspirierten Süßigkeiten mit so viel Selbstironie wie Ernsthaftigkeit. Nebenan schauen die Nachbarn WM: Kanada gegen Marokko. Die Sonne geht unter.

Die rund 40 Menschen, die sich auf zwei Stockwerken und zwei Terrassen verteilen, sind am Nachmittag in der Messestadt in München gestartet. Sie saßen zweimal im selben Bus zusammen und haben mehr neue Gerichte und Lebensgeschichten kennengelernt als sonst in einem gewöhnlichen Monat.

"DreiMahl" heißt das Format, das sie an diesem Samstag im Juli 2026 zusammengeführt hat. Es ist ein interreligiöses und interkulturelles Running Dinner und funktioniert – mit einer kleinen Einschränkung, zu der später mehr. Elif Tan, Terry Swartzberg und Sabine Böhlau, die sich alle seit Jahren im interreligiösen Dialog engagieren, haben diese simple Idee aufgegriffen.

Vorspeise, Hauptgang, Dessert – jeweils an einem anderen Ort, bei einer anderen Gemeinschaft, mit einem Bus, der alle von A nach B und dann C bringt. Der Auftakt ist in der Messestadt, wo die Kurdische Kulturschule Rojin in den Räumlichkeiten der Kultur-Etage zur Vorspeise geladen hat. Weiter geht es zur türkischen Hauptspeise im Interkulturellen Dialogzentrum IDIZEM in Neuperlach. Die Endstation ist Swartzbergs eigenes Haus in der Au.

Bis 2027 sollen noch fünf weitere solcher Dinner folgen – nicht nur in München, sondern auch in der Oberpfalz. Das Projekt wird unter anderem von der Deutschen Bahn Stiftung und der Dr. Buhmann Stiftung gefördert.

Genuss als Brücke: Wenn der Esstisch den Seminarraum ersetzt

Die Begründung der Veranstalter:innen für die Wahl des Mediums "Essen” ist erfrischend unprätentiös. "Man muss etwas genießen", sagt Swartzberg und meint damit auch, dass so etwas in einem Seminarraum nicht entstehe. Elif Tan bringt es auf die kurze Formel: Dialog beginne manchmal nicht am Konferenztisch, sondern am Esstisch – aus Gesprächen werde Verständnis, aus Verständnis Vertrauen und aus Vertrauen Freundschaft. Solche Sätze wirken in einer Pressemitteilung kitschig, aber an einem echten Esstisch mit echten Menschen, mit Ayran, rotem Basilikumsaft und viel Gelächter tragen sie überraschend gut.

Und tatsächlich: Wer an diesem Nachmittag dabei ist, setzt sich einfach dorthin, wo gerade ein Platz frei ist – egal, ob man kurdisch, türkisch, deutsch, christlich, muslimisch oder agnostisch ist. Es gibt keine Sitzordnung. Bei IDIZEM wird man mit einer klassischen türkischen Begrüßung empfangen: Kölnisch Wasser für die Hände, süßes Lokum für den Mund. Bei Swartzberg erwartet einen jene Mischung aus Humor und Tiefgang, die sein Markenzeichen ist.

  • Menschen am Buffet
    Das Buffet in der kurdischen Schule Rojin.
  • 7 Menschen stehen nebeneinander
    Die Veranstalter:innen und die Leiter der kurdischen Schule.
  • Menschen am Buffet
    Das Buffet bei IDIZEM.
  • Zwei Frauen
    Elif Tan (links) und Sabine Böhlau.
  • Fünf Menschen stehen zusammen und lachen
    Ausgelassene Stimmung auf Terry Swartzfelds Terrasse.
  • Essen
    Die biblischen Süßspeisen.
  • Ein Mann liegt inmitten bunter Kippot
    Terry Swartzfeld umringt von seinen Kippot.
  • Menschen auf einer Terrasse.
    Gäste auf Terry Swartzbergs Terrasse.
  • Eine Grafik von DreiMahl
    Das Logo der Veranstaltung.

    Bemerkenswerter als das Essen ist an diesem Tag die Gruppendynamik: Während solche Veranstaltungen sonst schnell in Grüppchen zerfallen, die sich den Rest des Abends nicht mehr auflösen, blieb hier fast alles in Bewegung. Die meisten Teilnehmenden wechselten die Gesprächspartner so beiläufig wie die Stationen.

    Entsprechend groß ist die Begeisterung der Teilnehmenden. Martin berichtet von echter Wehmut beim Abschied, dem Gefühl, "eine Beziehung, eine Bindung" habe sich gerade erst angebahnt, "und dann war es aber schon vorbei”. Das ist der kleine wunde Punkt des Formats: Die Stationen sind kurz, der Bus wartet nicht und die Dramaturgie schneidet manchmal selbst die entstehende Nähe wieder ab. Ohne Trennungsschmerz sind viele neue Begegnungen eben nicht zu haben. Als Trost bleibt, dass das nächste "DreiMahl" am 10. Oktober in München stattfinden wird.

    Die bescheidene Pointe: Begegnung statt großer Botschaft

    Die eigentliche Pointe von "DreiMahl" besteht nicht darin, dass an einem Nachmittag die großen religiösen und kulturellen Gräben zugeschüttet würden – dies behauptet auch niemand der Beteiligten ernsthaft. Sie liegt darin, dass 40 Menschen, die sich im Münchner Alltag mit hoher Wahrscheinlichkeit nie begegnet wären, plötzlich an denselben Tischen sitzen, ohne dass ihnen zuvor ein Seminar über Toleranz gehalten wurde. Das ist angenehm bescheiden und genau deshalb glaubwürdig.

    Bei IDIZEM, kurz vor der Weiterfahrt. Jemand geht herum und schenkt Saft aus rotem Basilikum aus. "Schmeckt toll, oder?", sagt ein Teilnehmer und lacht. Seine Nachbarin, die sich gerade noch mit ihm über Integrationsarbeit im Bezirksausschuss unterhalten hat, trinkt, nickt und lacht auch. Viel mehr Diskurs braucht ein Nachmittag wie dieser nicht.

    Der interreligiöse Dialog krankt oft an seiner eigenen Feierlichkeit. Hier kommt er nahbar und authentisch daher und zeigt, dass gutes Essen tatsächlich die verbindende Wirkung hat, die ihm gemeinhin zugeschrieben wird. Nichts wirkt pathetisch, nichts inszeniert sich als große Lösung. Und doch bleibt etwas zurück, das in seiner Einfachheit fast irritiert: wie leicht Verständigung manchmal sein kann und wie wenig es bedarf, um sie im Alltag zu organisieren.