Herr Berking, Therapie lebt von Beziehung. Von jemandem, der mich wirklich wahrnimmt – körperlich und nonverbal –, der sich selbst hinterfragt, der manchmal unbequem ist. Kann eine KI das leisten oder simuliert sie es nur?
Matthias Berking: Sprachmodelle sind zunächst einmal textbasiert – und auf das, was sie als Text bekommen, können sie erstaunlich gut eingehen. Über Text-to-Speech- und Speech-to-Text-Programme lässt sich das inzwischen auch ohne Probleme in gesprochene Sprache übersetzen. Was diesen therapeutischen Chat-Bots aber bislang fehlt, ist ein Sensorium für nonverbale Signale – Körperhaltung, Mimik, Stimmlage. Und es fehlt ihnen ein Körper, um selbst nonverbal zu kommunizieren. Wenn man allerdings Sprachmodelle in Roboter einbaut und mit Sensoren ausstattet, können sie beides. Aber da ist das Feld noch deutlich weiter zurück. Ich würde sagen: Zehn Jahre, bevor die Roboterentwicklung die nötige Reife erreicht, um therapeutisch wirklich relevant zu sein.
"Je menschlicher die Maschinen werden, desto mehr werden sie als fremd, ja bedrohlich erlebt"
Angenommen, das gelingt – reicht das?
Dann unterscheidet sich der Therapieroboter vom menschlichen Therapeuten im Grunde nur noch dadurch, dass die Patienten wissen: Es ist kein Mensch. Und genau das, glaube ich, wird immer einen entscheidenden Unterschied machen. Es gibt einen Roman, "Klara and the Sun", eine Dystopie, in der Roboter so menschenähnlich sind, dass man sie fast nicht mehr von Menschen unterscheiden kann – und gerade deswegen entwickeln die Menschen eine zunehmende Aversion gegen sie. Eine Art Roboter-Rassismus. Je menschlicher die Maschinen werden, desto mehr werden sie als fremd, ja bedrohlich erlebt. Im Kontext von Psychotherapie bedeutet das: Es wird immer Menschen geben, die von einem Menschen behandelt werden wollen.
Therapie braucht manchmal Reibung. KI vermeidet sie. Geht das nicht grundsätzlich schief?
Das ist ein verbreiteter Einwand, aber wenn man weiß, wie man das macht, kann ihn eigentlich ganz gut ausschalten. Ich kann einem Sprachmodell sagen: "Behandle mich ruhig kritisch, nimm keine Rücksicht, widersprich mir, wenn du anderer Meinung bist." Und dann befolgt das Modell diese Vorgabe. Wenn es aufhört das zu tun, kann ich es wieder daran erinnern. Je konkreter ich dabei werde, umso leichter kann das Sprachmodell den Auftrag ausführen. Wenn ich ihm beispielsweise sage, es soll mir in 90 Prozent der Fälle widersprechen, stehen die Chancen, gut dass es genau das tut – und zwar auf den Prozentpunkt genau. Die Gefälligkeit ist also kein inhärent-problematische Merkmal – sie ist ein Default, den man überschreiben kann.
Das eigentliche Problem liegt eher im strategischen Denken. Oder genauer: in seinem Fehlen. Die einzelnen Antworten von Therapie-KI sind jede für sich gesehen oft bemerkenswert gut. Wenn ich eine KI frage, was ich als depressiver Mensch in einer besonders schweren Stunde tun sollte, kann die Antwort in drei Sekunden auf dem Bildschirm stehen – und sie ist manchmal besser formuliert, als es ein Therapeut in einer Stunde hinbekäme.
Aber Therapie ist kein Antwortautomat. Ein guter Therapeut macht eine sorgfältige Fallkonzeption, entwickelt einen strategischen Plan, begleitet einen Prozess, in dem sich verschiedene Problembereiche nacheinander verändern – und steuert ständig nach. Therapie ist ein komplexes und dynamisches Geschehen. Aufbauend auf einer Fallkonzeption, die der Therapeut ständig aktualisiert, gibt er immer wieder Inputs, die ihm für das Erreichen langfristiger Ziele hilfreich erscheinen. Die KI dagegen beginnt bei jedem Gespräch wieder von vorne. Okay, sie kann sich merken, was früher gesagt wurde. Sie kann zuvor gesagtes sogar – aber sie baut in der Praxis nicht wirklich darauf auf. Man sieht nicht, dass in der fünfundzwanzigsten Stunde etwas passiert, das auf dem aufbaut, was in der dritten Stunde angelegt wurde. Dieser rote Faden, der sich durch gut gemachte Therapien zieht, fehlt ihr.
"Um eine KI darauf zu trainieren, bräuchte man große Mengen hochwertiger Therapieprotokolle"
Warum ist er so schwer beizubringen?
Weil das Prozesswissen von Therapeuten kaum explizit niedergelegt ist. In Lehrbüchern steht: Wenn das das Problem ist, macht man jenes. Aber wie man langfristig, strategisch, aufeinander aufbauend vorgeht – das haben gute Therapeuten durch jahrelange Erfahrung internalisiert, oft ohne es selbst vollständig in Worte fassen zu können. Um eine KI darauf zu trainieren, bräuchte man große Mengen hochwertiger Therapieprotokolle. Die aber sind, aus gutem Grund, streng vertraulich. Das ist einer der Gründe, warum KI genau hier noch wirklich schwach ist.
Das Ziel guter Therapie ist, dass man sie irgendwann nicht mehr braucht. KI ist immer verfügbar, steckt immer in meiner Hosentasche, kein Ziel der Entbehrlichkeit. Klingt das nicht eher nach Abhängigkeit als nach Therapie?
Dieses Thema hat zwei Aspekte: Wenn ich einmal in der Woche zu einem Therapeuten gehe, dann ist das etwas Besonderes. Dann mache ich dort eine Erfahrung, die auch aufgrund ihrer Seltenheit Bedeutung hat. Dann sagt vielleicht ein graubärtiger Therapeut, der gut den Vater widerspiegelt, den ich nie hatte: "Aber das ist doch nicht ihre Schuld" und trifft damit den Kern meines Problems, ich breche in Tränen aus und begreife auch auf einer emotionalen Ebene eine Wahrheit, die mir helfen wird zukünftig leichter durchs Leben zu gehen.
Ich würde bezweifelen, dass das Lesen desselben Satzes vom Bildschirm einer KI, auf den ich alle halbe Stunde mal für 10 Sekunden schaue, denselben Effekt haben kann. Neben diesen Aspekt der besonderen Wirkung einer seltenen, mit vielen Sinnen erlebten Realerfahrung, gibt es noch die Frage, ob meine eigenen Problemlösekompetenzen einrosten, wenn ich mir angewöhne, alle persönlich relevanten Fragen von der KI beantworten zu lassen. Aber hier gilt wieder: man kann die KI anleiten, mich nicht zu verunselbständigen. Ich kann ihr sagen: gib mir keine Antworten, sondern frag mich, was ich selbst denke. Kitzle die Lösung aus mir heraus.
Dann würde sie dazu beitragen, Kompetenz aufzubauen statt Abhängigkeit zu erzeugen. Nur – auch das leidet wieder unter dem Problem des fehlenden roten Fadens. Sie würde immer wieder von vorne anfangen: "Was hast du selbst für Ideen?" – ohne wirklich auf dem aufzubauen, was drei Wochen zuvor erarbeitet wurde.
Und wer setzt das eigentlich um? Wer prompts seine Therapie so präzise?
Das ist der entscheidende Punkt. Das Wissen, wie gute Therapie funktioniert, muss ich erst haben – bevor ich es als Anforderung formulieren kann. Ein Beispiel für ein solches Wissen: Ein Therapeut ist zu Beginn aktiver, nimmt den Patienten an die Hand, um dann im Laufe der Zeit immer mehr Verantwortung abzugeben, Selbstständigkeit zu fordern. Dieses Wissen erwerbe ich im besten Fall in der Therapie selbst. Vorher habe ich es nicht. Wie soll ich dann der KI sagen: Leite mich zunächst konkret an und fördere dann mehr selbstständige Problemlösung?
Unser Gesprächspartner Matthias Berking
Matthias Berking ist Inhaber des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Autor des Buches "Training emotionaler Kompetenzen".
Wie ist das eigentlich mit der Empathie? Können Therapie-KIs empathisch sein?
Empathie heißt eigentlich: Jemand auf der anderen Seite fühlt etwas mit – und kommuniziert das. KI imitiert das, mechanisch gelernt aus Millionen menschlicher Gespräche. Aber ob da wirklich etwas gefühlt wird, ist eher unwahrscheinlich. Und das ist problematisch, weil Menschen begierig nach menschlicher Wertschätzung sind. Wenn mich ein Therapeut lobt, weil ich mich meiner Angst gestellt habe, dann berührt das etwas. Der Stolz ist ein echtes Gegengewicht zur Vermeidungstendenz.
Aber wenn mich eine KI lobt – eine Maschine, der ich vielleicht selbst gesagt habe, sie solle mich loben –, dann ist das eine Produkteigenschaft, die sich Big Tech Guys überlegt haben, weil sich damit KI besser verkauft oder, wenn ich die KI zu diesem Lob per Prompt angeleitet habe: Nichts als Eigenlob. Damit verpufft der Effekt, weil die Instanz, die urteilt, keine unabhängige ist. Je mehr ich einer Instanz respektiere, ihr Kompetenz aber auch Integrität zuschreibe und sie als Autorität anerkenne, desto stärker wirkt ihr Lob. Einem Roboter diese Autorität zuzuschreiben, der erkennbar kein eigenes Innenleben hat – das ist psychologisch außerordentlich schwierig. Vielleicht nicht für alle Menschen. Aber für die meisten.
Wenn so viele Menschen KI-Sprachmodelle nutzen, um durch schwierige Lebensphasen zu kommen – und berichten, dass es hilft. Warum sollte uns das beunruhigen?
Es sollte uns nicht unbedingt beunruhigen – es ist grundsätzlich gut. Psychologisches Wissen wird zugänglich, kostenlos, jederzeit verfügbar. Das hat eine echte Demokratisierungswirkung. Wenn jemand sagt, das hat mir geholfen, dann stimmt das wahrscheinlich.
Die Frage ist, für was es hilft. Für kurzfristige Orientierung, für eine erste Einordnungen, für das Sammeln von Ideen, wie man ein Problem verstehen und was man dagegen tun kann – da ist die KI tatsächlich stark. Bei ernsthaften, längerfristigen psychischen Erkrankungen, die ein systematisches, aufeinander aufbauendes Vorgehen brauchen, stößt sie eindeutig an ihre Grenzen. Das Problem ist, dass das vielen Nutzern nicht bewusst ist. Da sehe ich Aufklärungsbedarf.
"Vielleicht wird die KI der erste Schritt sein, den Menschen gehen – und wenn sie dabei hilft, ist das ja auch gut"
Was bedeutet das für die Zukunft des Berufs – zumal die Honorare die Psychotherapeut:innen gerade auch noch gekürzt werden?
Die Honorarkürzungen sind ein eigenes, ärgerliches Kapitel. Natürlich gibt es Kostendruck im Gesundheitssystem – das ist keine neue Erkenntnis. Man könnte sagen: Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen müssen wir alle den Gürtel enger schnallen, also halten wir uns auch bei den Lohnabschlüssen zurück. Das wäre durchaus angemessen. Aber nur eine eine Berufsgruppe herauszugreifen und nur bei dieser die Vergütung zu senken, ist ausgesprochen ungerecht.
Zumal sich Psychotherapien um die große Gruppe von Personen kümmert, die an psychische Probleme leiden. Sei es phasenweise oder über längere Zeitperioden. Das kann jeden treffen. Und Hilfe zu rechten Zeit kann verhindern, dann die Probleme schlimmer werden und dann noch mehr Kosten für die Gesellschaft entstehen. Das gilt insbesondere im Bereich der Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Wer in diesem Bereich spart denkt zu kurzfristig.
Zurück zur KI: Ich mache mir wegen der KI um den Berufsstand der Psychotherapeuten keine Sorgen. Vielleicht wird die KI der erste Schritt sein, den Menschen gehen – und wenn sie dabei hilft, ist das ja auch gut. Aber der Bedarf an Psychotherapie wird dadurch nicht verschwinden. Denn das Strategische, das langfristig Aufbauende – das können auf absehbare Zeit nur menschliche Therapeuten.
Ziehen wir eine Bilanz: Was spricht für KI in der Psychotherapie – was dagegen?
KI kann Therapeuten von administrativem Aufwand entlasten. Eine lokale KI, die nach jeder Stunde eine erste Zusammenfassung schreibt, einen ersten Vorschlag für den Therapiebericht macht, den der Therapeut dann nur noch optimieren muss – das spart erheblich Zeit, die stattdessen in echte Therapie fließen kann. Solange das auf lokalen, sicheren Servern läuft, alle diagnostischen und therapeutischen Entscheidungen beim Menschen bleiben und die KI nur als Werkzeug dient, ist dagegen nichts einzuwenden.
Das größte Risiko sehe ich genau dort, wo diese Grenze verwischt: wenn therapeutische und diagnostische Entscheidungen in die Hände der KI übergehen. KI macht manchmal obskure Fehler – Fehler, die man sich beispielsweise in der Arbeit mit suizidalen Patienten schlicht nicht leisten kann. Solange das nicht ausgeschlossen ist, muss der Mensch die letzte Entscheidungsinstanz bleiben. Ein denkbarer Mittelweg bei Online-Therapien wäre: Die KI macht einen Vorschlag, der Therapeut liest mit, und entscheidet dann aber selbst, ob er ihn so an den Patienten heranträgt oder ändert oder etwas völlig anderes sagt. Damit kann die KI Ideen ins Spiel bringen, aber die therapeutische Handlung liegt in der Verantwortung eines für diese Tätigkeit qualifizierten Menschen.
"wir reden hier von einem sehr langen Weg"
Würde sich das ändern, wenn KI irgendwann nachweislich weniger Fehler macht als Menschen?
Dann müsste man es ernsthaft diskutieren. Wie beim autonomen Autofahren: Wenn die KI das Auto statistisch sicherer steuert als der Mensch, muss man die Frage stellen, ob nicht die KI ans Steuer gehört. Dasselbe Prinzip gilt hier. Das wäre dann eine gesellschaftliche und regulatorische Entscheidung – man müsste Fehlerraten von automatisierten KI-Therapiesystemen systematisch mit denen von menschlichen Therapeuten vergleichen und dann transparent abwägen. Aber so ein Vergleich ist schwer zu realisieren, weil die Folgen von Psychotherapie ja zuweilen erst nach Monaten oder teilweise sogar Jahren ersichtlich sind. Ich wäre kein prinzipieller Gegner diesbezüglicher Forschung. Aber wir reden hier von einem sehr langen Weg.