Die Hitzewelle Ende Juni hat in weiten Teilen Europas Rekorde gebrochen. Für die Klimaforscherin Annette Menzel ist das kein Ausreißer, sondern ein weiterer Beleg dafür, wie schnell sich der menschengemachte Klimawandel verschärft. Im Sonntagsblatt-Interview spricht sie über die Folgen der Extremhitze, notwendige Anpassungen und die Frage, warum beim Klimaschutz trotz aller Rückschläge Aufgeben keine Option ist.

Wie bewerten Sie die Hitzewelle in Europa Mitte Juni aus wissenschaftlicher Sicht?

Annette Menzel: Die Hitzewelle war außergewöhnlich – sowohl hinsichtlich ihrer Dauer als auch der erreichten Temperaturen. In weiten Teilen Europas haben wir neue Temperaturrekorde erlebt. Das ist ein sehr deutlicher Ausschlag in Richtung Klimawandel und zunehmender Extreme.

Wie haben Sie die Debatte darüber erlebt? Wurde dieses historische Ereignis aus Ihrer Sicht ausreichend wahrgenommen?

Die Medien haben die neuen Daten intensiv aufgegriffen. Es wurde deutlich kommuniziert, dass eine Hitzewelle in diesem Ausmaß vor 50 Jahren noch kaum vorstellbar gewesen wäre. Der Deutsche Wetterdienst ordnet sie als historisch ein, da es im Juni eine so lange und intensive Hitzewelle noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gegeben hat.

"Es ist einiges passiert, aber wir müssen deutlich mehr tun"

Glauben Sie, dass eine solche Hitzewelle das Engagement für den Klimaschutz wieder stärken könnte? Viele haben den Eindruck, dass dieses zuletzt eher stagniert hat.

Solche Ereignisse gab es bereits früher. Im vergangenen Jahrhundert waren etwa 1947 und 1976 markante Jahre mit großer Trockenheit und Hitze. Richtig aufgewacht sind wir aber im Jahr 2003, als Europa eine fast sechswöchige Hitzewelle erlebte. Damals gab es europaweit schätzungsweise 60.000 bis 70.000 zusätzliche Todesfälle infolge der Hitze.

Danach wurden in vielen Staaten Hitzeschutzpläne aufgestellt beziehungsweise überarbeitet. Das zeigte Wirkung in den weiteren extremen Sommern – 2015, 2018, 2019, 2022 und nun erneut. In den späteren Hitzewellen war die relative Zahl der Todesfälle – gemessen am Hitzestress – nicht mehr ganz so hoch, aber es sind immer noch viel zu viele, die leiden und auch versterben.

Schon nach 2003 hatte man gehofft, dass Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel stärker vorangetrieben würden. Es ist einiges passiert, aber wir müssen deutlich mehr tun.

Was müsste aus Ihrer Sicht als Erstes angegangen werden?

Es gibt zwei zentrale Bausteine: Klimaschutz und Klimaanpassung. Wir müssen einerseits die Ursachen des Problems angehen und andererseits lernen, mit den Folgen umzugehen, die bereits heute spürbar sind und uns frühzeitig an die kommenden anpassen.

Beim Thema Hitze bedeutet das nicht nur Hitzeschutzpläne. Wir brauchen aktiv kühlende Maßnahmen: grünere Städte, mehr Wasserflächen, Schatten und Verdunstung. Auch Klimaanlagen werden künftig eine Rolle spielen. Besonders wichtig ist der Schutz vulnerabler Gruppen wie Kinder und älterer Menschen.

Außerdem müssen wir unsere Infrastruktur klimafester machen. Wir haben gesehen, dass die Bahn Fahrgäste zeitweise gebeten hat, bestimmte Züge nicht zu nutzen. Straßen wurden durch die Hitze beschädigt, und Waldbrände traten entlang von Verkehrswegen auf. Die Liste ist lang.

Viele Menschen merken inzwischen direkt, wie belastend diese Temperaturen sind. Ich selbst arbeite gerade im Homeoffice, weil ich es dort am besten aushalte.

Annette Menzel

Annette Menzel ist Professorin für Ökoklimatologie an der Technischen Universität München (TUM). Die Forstwissenschaftlerin erforscht seit Jahrzehnten die Folgen des menschengemachten Klimawandels für Ökosysteme und die menschliche Gesundheit. Sie war Leitautorin des Weltklimarats IPCC, der 2007 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, und zählt zu den international renommierten Klimaforscherinnen.

Es wird immer noch diskutiert, wie groß der menschliche Anteil am Klimawandel tatsächlich ist. Lässt sich das heute wissenschaftlich eindeutig sagen?

Ja, der derzeitige Klimawandel ist definitiv menschengemacht. In der sogenannten Attributionsforschung wird mithilfe von Klimamodellen und langen Zeitreihen untersucht, wie häufig und intensiv Extremereignisse früher waren und welche Rolle natürliche Faktoren wie Veränderungen der Sonneneinstrahlung oder Vulkanausbrüche spielen.

Die Ergebnisse sind eindeutig: Mit ausschließlich natürlichen Faktoren wäre die globale Temperatur weitgehend konstant geblieben. Hitzewellen wie die jetzige wären deutlich seltener und weniger intensiv.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die neuen Berechnungen der wissenschaftlichen Community zeigen, dass diese Hitzewelle im Juni 2026 durch den menschengemachten Klimawandel erheblich intensiver, länger und großräumiger ausgefallen ist.

Müssen wir uns künftig also auf häufigere und stärkere Hitzewellen einstellen?

Definitiv ja.

"Bayern liegt heute bereits bei rund 2,5 Grad Erwärmung"

Für wie realistisch halten Sie es, dass Deutschland und Europa in zehn oder zwanzig Jahren noch gut bewohnbar sein werden? 

Das hängt wesentlich davon ab, wie erfolgreich das Pariser Klimaabkommen umgesetzt wird. Darin haben sich fast 200 Staaten darauf verständigt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.

Diese Marke wurde in einzelnen Jahren bereits überschritten. Nach aktuellen Prognosen wird sie in etwa zehn Jahren auch im langfristigen Mittel überschritten werden. Trotzdem müssen wir um jedes Zehntelgrad kämpfen, das wir vermeiden können. Nach den derzeitigen politischen Zusagen steuern wir auf eine globale Erwärmung von etwa 2,7 bis 3 Grad zu. Dabei darf man nicht vergessen: Das ist ein globaler Durchschnittswert. Landflächen erwärmen sich deutlich stärker als die Meere. Bayern liegt heute bereits bei rund 2,5 Grad Erwärmung.

Wenn die Welt tatsächlich bei drei Grad landet, könnten wir in Süddeutschland bei etwa 4,5 Grad Erwärmung liegen. Das bedeutet höhere Durchschnittstemperaturen und deutlich mehr extreme Hitzeereignisse.

Müssen wir uns also darauf einstellen, uns nur noch in gekühlten Räumen aufzuhalten?

Wir werden deutlich mehr tun müssen, um mit der Hitze umzugehen. Noch immer sterben Menschen an den Folgen extremer Temperaturen. Krankenhäuser geraten an ihre Belastungsgrenzen.

Während dieser Hitzewelle mussten beispielsweise Altenheime aufgrund der hohen Innenraumtemperaturen evakuiert werden. Notaufnahmen waren überlastet. Das sind eindrückliche Warnzeichen.

"Auf einem Totenschein steht nur selten 'Hitzeschlag'"

Nach bisherigen Schätzungen gab es wieder deutlich über tausend Hitzetote. Ist diese Zahl aus Ihrer Sicht belastbar?

Diese Zahlen sind belastbar, obwohl sie nicht einfach abzuleiten sind. Auf einem Totenschein steht nur selten "Hitzeschlag". Die Betroffenen haben häufig Vorerkrankungen. Medikamente wirken bei großer Hitze anders, der Flüssigkeitshaushalt verändert sich, bestehende Erkrankungen können sich verschlimmern und in Kombination mit der Hitzeexposition kann dies dann zum Tod führen.

Deshalb müssen Forschende im Nachhinein mithilfe statistischer Verfahren abschätzen, wie viele Menschen wahrscheinlich infolge der Hitze gestorben sind. Betrachtet man nur die Totenscheine, in denen Hitze normalerweise nicht als Todesursache angegeben wird, so unterschätzt man die tatsächliche Zahl deutlich, es braucht also diese statistischen Verfahren hierfür.

Was würde eine Erwärmung von drei Grad weltweit beziehungsweise etwa 4,5 Grad in Süddeutschland konkret bedeuten? Würde sich zum Beispiel die Landwirtschaft grundlegend verändern?

 Ja, die Landwirtschaft wird sich anpassen müssen. Sie hat gegenüber der Forstwirtschaft allerdings einen Vorteil: Sie kann relativ schnell andere Kulturarten oder Sorten anbauen.

Wir werden trockenheitsresistentere Sorten brauchen. Aussaattermine werden sich verändern, Zwischenfruchtanbau wird wichtiger, um die Böden besser zu schützen. In der Forstwirtschaft ist die Situation schwieriger. Einige der heutigen Baumarten werden langfristig nicht mehr geeignet sein. Stattdessen brauchen wir klimaresilientere und hitzeangepasste Arten – entweder solche, die heute schon in wärmeren Regionen Bayerns vorkommen, oder neue Baumarten. Dieser Waldumbau läuft bereits.

Auch Ökosysteme verändern sich. Dürreperioden und Schäden nehmen zu. Dass Rasenflächen in Städten im Sommer braun werden wie in mediterranen Regionen, wird zunehmend normal sein. Hinzu kommen die Folgen für die menschliche Gesundheit: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hitzschlag und weitere gesundheitliche Belastungen.

Und was bedeutet das gesellschaftlich? Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn Menschen nachts kaum noch schlafen können?

Das erleben wir bereits. Ich war vergangene Woche mit Studierenden auf Exkursion. Selbst für junge Menschen war die Hitze extrem belastend.

Wir hatten eine Fahrradtour durch den Isar-Auwald geplant. Dort, wo der Wald dicht war, ließ es sich noch einigermaßen gut aushalten. An den offenen Stellen war die Belastung dagegen enorm. Meine Doktorandin hatte ein WBGT-Messgerät dabei, mit dem sich die Hitzebelastung für den menschlichen Körper erfassen lässt. Wir haben an verschiedenen Orten gemessen – auf Kiesflächen, Wegen oder im Wald. Dabei wurde sehr deutlich, wie groß der Unterschied zwischen Schatten und ungeschützten Bereichen ist. Insbesondere

Wasserflächen und gesunde Auwaldbäume mit Grundwasseranschluss kühlen durch ihre Verdunstung. Ich selbst habe in dieser Woche übrigens nur eine Nacht wirklich gut geschlafen – da war ich mit den Studierenden in 2.650 Metern Höhe auf der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus. Dort hatte es nachts nur zehn Grad.

Sie beschäftigen sich wissenschaftlich seit vielen Jahren mit dem Klimawandel und wissen sehr genau, was auf uns zukommt. Fühlen Sie sich manchmal wie Kassandra, deren Warnungen zwar richtig sind, aber nicht gehört werden?

Die Gesellschaft ist nun einmal so. Deshalb habe ich Sie auch zurückgerufen. Ich dachte mir: Das Evangelische Sonntagsblatt erreicht Menschen, denen man noch einmal erklären kann, worum es geht und was auf uns zukommt.

Ich sehe das pragmatisch. Mir war schon lange klar, wohin die Entwicklung geht. Bereits nach der Hitzewelle 2003 zeigten die Klimamodelle sehr deutlich, dass ein Sommer wie damals bis zur Mitte dieses Jahrhunderts – also etwa 2050 – ein normales Jahr sein könnte.

Tatsächlich ist diese Entwicklung jedoch schneller eingetreten. Schon 2018 und 2019 hatten wir zwei extreme Hitze- und Dürrejahre in Folge. Damals begann auch das große Waldsterben 2.0, das wir heute beobachten. Rund fünf Prozent unserer Wälder sind inzwischen stark geschädigt oder bereits abgestorben.

Das zeigt: Vieles wurde richtig vorhergesagt – und die Entwicklung ist sogar schneller und stärker eingetreten als erwartet.

"Die Einschläge kommen näher und sie werden stärker"

Das heißt, die Realität hat die Prognosen eher noch übertroffen?

Ja. Die Einschläge kommen näher und sie werden stärker.

Frustriert Sie das manchmal? Es gab ja eine Phase, etwa mit dem Beginn von Fridays for Future, in der das Thema Klimaschutz sehr präsent war. Inzwischen hat man eher den Eindruck, dass diese Dynamik verloren gegangen ist. Wie viel Frustrationstoleranz braucht man als Wissenschaftlerin?

Ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz braucht man schon. Aber was würde es bringen, wenn ich sagen würde: "Das habe ich doch alles schon lange gesagt – jetzt höre ich auf, darüber zu sprechen." Dann würde es nur noch schwieriger. Deshalb muss man immer wieder versuchen, Menschen zu erreichen.

Ich hoffe außerdem, dass technologische Entwicklungen helfen. Photovoltaikanlagen werden günstiger und verbreiten sich immer stärker. Das macht sie für viele Menschen attraktiver.

Ähnliches gilt für die Elektromobilität. Wenn Elektroautos günstiger werden und sich ein größerer Gebrauchtwagenmarkt entwickelt, kann das den Wandel beschleunigen.

Ich merke selbst, dass mir das Fokussieren bei dieser Hitze schwerfällt.

Genau das ist eine direkte Auswirkung der Hitze. Es gehen viele produktive Arbeitsstunden verloren. Für Menschen, die draußen arbeiten müssen, ist das eine enorme Belastung. Wer in klimatisierten Fahrzeugkabinen sitzt, etwa in Land- oder Forstmaschinen, hat es leichter. Wer hingegen im Freien arbeitet, benötigt zunehmend Schutzmaßnahmen.

Es gibt inzwischen spezielle Kühlwesten oder kühlende Halsringe. Solche Hilfsmittel werden künftig vermutlich häufiger eingesetzt werden müssen. Wir werden uns insgesamt auf diese Bedingungen einstellen müssen.

Sie haben vorhin gesagt, dass wir zweigleisig fahren müssen: einerseits den Klimawandel bremsen und andererseits die Anpassung vorantreiben. Kann irgendwann ein Punkt kommen, an dem man sich nur noch auf Anpassung konzentriert, weil Klimaschutz zu spät wäre?

Nein. Wir müssen grundsätzlich immer beides gleichzeitig verfolgen. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang noch ein Aspekt wichtig, gerade auch für eine kirchliche Zeitung: Auf globaler Ebene geht es immer auch um Gerechtigkeit.

Die Länder, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, leiden häufig am stärksten unter seinen Folgen – vor allem viele Staaten des Globalen Südens. Diese Länder brauchen Unterstützung, damit sie ihre Entwicklung nicht auf fossilen Energieträgern aufbauen müssen, sondern direkt klimafreundliche Technologien nutzen können.

Genauso wichtig sind Mittel für Anpassungsmaßnahmen. Denken Sie etwa an kleine Inselstaaten, die sich vor dem steigenden Meeresspiegel schützen müssen. Deshalb gibt es inzwischen auch einen internationalen Fonds für Schäden und Verluste durch den Klimawandel. Viele Staaten des Globalen Südens haben jahrzehntelang dafür gekämpft. Er wurde eingerichtet, ist finanziell jedoch noch längst nicht ausreichend ausgestattet.

"Menschen müssen mitgenommen und unterstützt werden"

Es wird oft darüber diskutiert, ob persönliches Verhalten oder politische Entscheidungen wichtiger sind. Was würden Sie sagen?

In der Wissenschaft sprechen wir von "Bottom-up" und "Top-down". Beide Ansätze sind notwendig.

Die Menschen müssen verstehen, warum Veränderungen notwendig sind, und bereit sein, ihr Verhalten anzupassen. Es reicht nicht, das Problem nur theoretisch zu begreifen – aus dem Wissen muss Handeln werden. Gleichzeitig muss die Politik den Rahmen setzen. Sie muss dafür sorgen, dass die Transformation sozial gerecht gelingt. Nicht jeder kann sich ohne Weiteres eine Photovoltaikanlage oder ein Elektroauto leisten.

Deshalb braucht es Förderprogramme, eine funktionierende Infrastruktur und klare politische Leitplanken und Regelungen. Entscheidend ist, dass Politik und Gesellschaft gemeinsam handeln. Menschen müssen mitgenommen und unterstützt werden. Nur so kann der Wandel gelingen.