Vor ein paar Jahren lud mich die Popjournalistin, Schriftstellerin und Musikerin Kersty Grether in ihren Salon "Krawalle und Liebe" ein. Ich durfte dort aus einem Artikel lesen, den ich kurz zuvor veröffentlicht hatte.
In dem Artikel ging es um Sexismus im Deutschrap – ein Thema, das damals anhand aktueller Vorfälle breit diskutiert wurde. Meine These: Deutschrap braucht ein #metoo, also einen konsequenten Schutz für Frauen in der Szene, die sexualisierte Gewalt erleben.
Bevor die Lesung begann, an der zahlreiche weitere Autor:innen teilnahmen, fragte mich die Gastgeberin, ob sie mich als "Feminist" vorstellen dürfe. Ich zögerte. Sollte ich mich wirklich selbst stolz als Feminist bezeichnen? Ich fand, das sollten andere entscheiden. Kersty stellte mich dann tatsächlich als Feministen vor – was mir zugleich ein Fest und eine Ehre war.
Männer, die sich selbst als Feministen bezeichnen
Springen wir ins Jahr 2025: In ihrem Podcast "Mir geht’s nicht so gut" erklärt die Autorin und Schauspielerin Sophie Passmann, Männer, die sich selbst als Feministen bezeichnen, seien für sie eine "red flag" – ein Warnsignal, das darauf hinweist, dass Vorsicht geboten ist oder ein Problem bestehen könnte.
Passmann beschreibt, welchen Typus sie meint: Männer, die sich das Label "Feminist" selbst anheften, um nach außen zu zeigen: "Ich habe alles durchdacht, kein Problem." Und die es dann als Ausrede nutzen: "Ja, ich habe mich sexistisch verhalten – aber ich reflektiere das, ich bin einer von den Guten."
Oft schwingt dabei ein zweiter Gedanke mit: Es soll helfen, Frauen ins Bett zu bekommen. Gelebter Sexismus mit feministischer Maske – eine Art Pinkwashing. Oder lila, die Farbe, die hierzulande mit Feminismus assoziiert wird.
Manche könnten Passmanns Worte so verstehen, dass sie Männern abspricht, Feministen sein zu können. Das tut sie jedoch keineswegs. Sie spricht vielmehr das Phänomen des "virtue signallings" an: öffentlich ein moralisches oder ethisches Verhalten zur Schau stellen, um gut dazustehen – ohne echtes Interesse an der Sache.
Männer können Feministen sein
Männer können natürlich Feministen sein. Sie können sich für Gleichberechtigung einsetzen, sexistische Strukturen erkennen und benennen und aktiv dazu beitragen, dass Gender keine Rolle mehr in der Bewertung von Menschen spielt.
Wer es ernst meint, muss Labels nicht in den Vordergrund stellen. Ich verstehe gut, warum Passmann skeptisch bleibt.
Hinzu kommt ein Spannungsverhältnis: Wir profitieren als Männer von sexistischen Strukturen – selbst dann, wenn wir gegen sie eintreten. Mein Artikel wurde damals von vielen Massenmedien aufgegriffen, obwohl viele Kolleginnen ebenfalls über das Thema geschrieben hatten. Rückblickend frage ich mich, ob ich damit nicht auch eine Frau "von der Bühne gestoßen" habe, wie Passmann es bildlich ausdrückt – eine, die womöglich kompetenter über Sexismus hätte sprechen können, einfach weil sie ihn selbst erlebt hat.
Es bleibt ein schmaler Grat: Wir Männer können unsere nach wie vor vorhandenen Vorteile – Macht, Räume, Reichweite – nutzen, um auf Sexismus aufmerksam zu machen. Wir sollten dabei aber darauf achten, nicht zu viel Raum einzunehmen, sondern ihn den Betroffenen zu überlassen. Wenn uns das gelingt, müssen wir uns nicht großspurig als Feministen bezeichnen – wir können es einfach durch unser Verhalten sein.