"Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht." Als Berti Vogts diesen Satz während der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 sagte, herrschte in Argentinien tatsächlich Ordnung. Die Ordnung einer Militärjunta: Oppositionelle wurden verschleppt, gefoltert und ermordet, Tausende Menschen verschwanden.

Vogts' Satz gilt heute als eine der berühmtesten politischen Fehleinschätzungen der deutschen Fußballgeschichte. Doch er war mehr als ein Ausrutscher. Im Grunde war er Ausdruck eines Musters, das den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bis heute begleitet: Wenn Politik und Fußball aufeinandertreffen, entscheidet sich der Verband meist für das Wegsehen. Es sei denn, es kostet nichts. 

Der DFB hat nie wirklich gelernt, politische Verantwortung zu übernehmen. Er hat nur verstanden, wann politische Äußerungen nützlich und letztlich wirkungslos sind – und wann sie gefährlich werden könnten.

Die bequeme Kunst des Wegschauens

Russland 2018 war dafür ein gutes Beispiel. Die Annexion der Krim lag vier Jahre zurück, die Repressionen gegen Oppositionelle waren bekannt, ebenso die Einschränkungen von Presse- und Bürgerrechten. Doch aus dem DFB waren kaum kritische Töne zu hören. Der Gastgeber wurde akzeptiert, die politischen Umstände weitgehend ausgeblendet.

Stattdessen gab es eine geradezu absurd hysterische Debatte um ein Foto, dass der türkische Präsident Erdogan mit den beiden DFB-Spielern Ilkay Gündogan und Mesut Özil gemacht hatte. Sie zeigte zumindest Doppelstandards, denn etwa zeitgleich ließ sich der Ehrenspielführer Lothar Matthäus mit dem russischen Präsidenten Putin ablichten. Auch daran gab es Kritik – doch nicht einmal annähernd im selben Maße wie an den beiden türkischstämmigen Spielern. Das Muster war damit früh erkennbar: Der DFB diskutiert Haltung vor allem dann, wenn die Betroffenen keine Gegenwehr organisieren können.

Vier Jahre später klang dann plötzlich alles anders. Katar wurde zur Bühne einer Aufführung des deutschen Gewissenstheater. Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und die Rechte sexueller Minderheiten bestimmten plötzlich die Debatte. Der DFB wollte nun Haltung zeigen. Spieler wurden zu Botschaftern gesellschaftlicher Werte erklärt.

Allerdings blieb es letztlich bei einer schiefen Symbolpolitik – unvergessen das Mannschaftsfoto, auf dem sich die deutschen Spieler den Mund zu halten, um zu signalisieren, dass ihnen angeblich der Mund verboten worden wäre. Von wem genau, blieb wie so vieles unklar.

Die große Geste ohne Risiko

Besonders aufschlussreich im Rückblick sind die Aussagen von Oliver Bierhoff. Der frühere DFB-Manager sagte über die Katar-WM: "Heute denke ich: Man muss sehr gut überlegen, ob man sich als Team bei einem Turnier politisch positioniert." Noch interessanter ist sein Vorwurf an die damalige Verbandsspitze: "Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass man sich eher hinter der Mannschaft und mir versteckt."

Genau darin liegt der Kern des Problems. Das Katar-Debakel war kein gutgemeinter, mutiger Fehler. Wer mutig ist, übernimmt Verantwortung. Der DFB delegierte sie an Spieler und Trainer. 

Als die Aktion (und die Mannschaft sportlich) scheiterte, zog der Verband nicht etwa die Konsequenz, künftig glaubwürdiger für Menschenrechte einzutreten. Er zog vielmehr die Lehre daraus, politische Debatten künftig gleich vollständig zu vermeiden. Die Diskussion sei "nicht zielführend" gewesen, lautet heute die rückblickende Erzählung. 

Schweigen als neue Verbandsphilosophie

Vor diesem Hintergrund überrascht die Haltung zur WM 2026 in den USA nicht. Der DFB will diesmal vor allem Ruhe. Rudi Völler bringt die Linie auf die denkbar schlichteste Formel: "Wir sind da, um eine WM zu spielen. Das geht vor."

Natürlich könnte man auch über andere Themen sprechen. Über eine Einwanderungspolitik, die Millionen Menschen betrifft. Über demokratische Erosionstendenzen. Über einen Gastgeber, dessen politische Entwicklung weltweit kontrovers diskutiert wird. Über Angriffskriege und internationale Spannungen. Doch aus Frankfurt hört man dazu wenig bis nichts.

Der Unterschied zu Katar springt ins Auge. Dort wurde moralisch argumentiert, hier sportlich. Dort standen angeblich Werte im Mittelpunkt, hier Organisationsfragen. Der Gastgeber ist diesmal kein Emirat am Persischen Golf, sondern ein enger westlicher Verbündeter. Das macht Kritik komplizierter und womöglich folgenreicher. Also wird sie von vornherein unterbunden.

Nur Fußball spielen

Vielleicht liegt darin die eigentliche Konstante der DFB-Geschichte. Nicht die gelegentlichen politischen Äußerung, sondern ihre bemerkenswerte Selektivität. Der Verband meldet sich vor allem dann zu Wort, wenn die Folgen überschaubar bleiben. Sich mit der FIFA anzulegen, mit den Sponsoren, mit der Bundesregierung? Absolut undenkbar. 

Der Satz von Berti Vogts aus dem Jahr 1978 wirkt deshalb heute weniger wie ein Relikt aus einer anderen Zeit als wie ein fernes Echo derselben Logik. Damals wurde eine Diktatur mit dem Hinweis auf ihre Ordnung verharmlost. Heute wird die politische Wirklichkeit mit dem Verweis auf den Sport ausgeblendet.