"Irgendwie schon schade. Aber auch peinlich. Und mal ehrlich – war das nicht längst klar?" So ungefähr klingt das Gefühl, das unter dem Schlagwort "Heterofatalismus" gerade durch die sozialen Medien zirkuliert: die resignierte Überzeugung, dass die heterosexuelle Paarbeziehung nicht nur in der Krise steckt, sondern längst jenseits jeder Rettung angekommen ist. Diese Diagnose kommt vor allem von Frauen. Und mit ihr ein neues, seltsam schambesetztes Gefühl: Ist es inzwischen peinlich, einen Freund zu haben?

Es sind vor allem Frauen Ende zwanzig, Anfang dreißig – eine Generation, die Therapiesprache fließend spricht, Attachment-Styles kennt, Red Flags erkennt und mit einem inneren Diagnose-Blick durch Hinge, Bumble und andere Apps swipet. Sie sprechen plötzlich aus, was lange eher als diffuses Irritation herumlag: Man will den Freund. Aber man will nicht die sein, die einen Freund will.

Das Foto mit ihm postet man trotzdem. Und schämt sich danach ein bisschen — nicht für ihn. Sondern dafür, ihn zu wollen. Denn irgendwo zwischen feministischer Selbstermächtigung, ökonomischer Unabhängigkeit und jahrelanger Patriarchatskritik hat sich ein Verdacht eingenistet: Darf man das überhaupt noch? Sich sichtbar nach Männern sehnen? Sich dabei erwischen lassen, dass man romantische Wünsche hat?

Boysober: Wenn Erschöpfung zur Entscheidung wird

Genug von Cis-Männern also. Genug von einer Beziehungsform, von der Männer statistisch stärker profitieren und in der Frauen sich oft erschöpfen. Was sie wirklich bewegt, besprechen Frauen sowieso mit ihren Freundinnen. Nicht mit jemandem, der nickt, gedanklich aber woanders ist. Wenn sich das Patriarchat also schon nicht abschaffen lässt, dann vielleicht wenigstens die heterosexuelle Paarbeziehung?

So beginnt der Trend, "boysober" zu werden – trocken von der heterosexuellen Beziehungsdroge. Die Freundinnen, die zum wiederholten Mal dieselbe Horrorgeschichte hören, empfehlen längst keine Therapie mehr und erst recht keine zweite Chance. Sie sind Team: Trenn dich. Kein erschöpftes Ragebaiting über Cis-Männer mehr. Einfach Schluss.

Ausgelöst hat diese Debatte ein Essay der Autorin Chanté Joseph in der britischen "Vogue". Die Ausgangsfrage war denkbar simpel: Ist es peinlich, einen Freund zu haben? Der Text verbreitete sich in sozialen Medien, zerlegt in Zehn-Sekunden-Meinungen, Reaction-Videos und Kommentarspalten. Plötzlich hatte jede und jeder eine Haltung zum heterosexuellen Beziehungsmarkt.

Auch Männer melden sich inzwischen zu Wort. Ein Artikel des Welt-Feuilletonredakteurs Julian Theilen trägt den trotzigen Titel "Warum ich Frauen nicht mehr brauche" – und zeigt den Autor breitbeinig im Samtsofa, als wäre die Pose bereits die Pointe. Die Botschaft dahinter, stark verkürzt: Dann eben nicht.

Heteropessimismus, Heterofatalismus: Eine Diagnose verschärft sich

Erfunden hat den Begriff Heterofatalismus übrigens nicht Joseph. Die queere Gendertheoretikerin Asa Seresin sprach bereits 2019 von "Heteropessimismus". Was daraus wurde, ist eine Stufe ernster: Nicht mehr Pessimismus, sondern Fatalismus. Das Leiden an heterosexuellen Beziehungen wirkt nicht mehr nur traurig oder erschöpft. Sondern unabänderlich.

In ihrem Essay beschreibt Seresin Heterofatalismus als eine Art performative Distanzierung von Heterosexualität – geprägt von Bedauern, Scham und einer spezifischen Hoffnungslosigkeit gegenüber Männern als Partnern. Performativ ist dabei das entscheidende Wort. Denn der Widerspruch liegt offen zutage: Man sagt, man hasse es, hetero zu sein – und sucht gleichzeitig weiter nach dem Mann fürs Leben.

Befreiung oder Kapitulation? Warum Fatalismus keine Antwort ist

Das Problem ist nur: Was zunächst wie eine emanzipatorische, vielleicht sogar antikapitalistische Haltung wirkt, reproduziert bei näherem Hinsehen genau jene Logik, die sie kritisiert. Wenn Beziehungen vor allem danach bewertet werden, wer mehr profitiert, wer mehr investiert und wer schlechter abschneidet, bleibt auch die Kritik im Vokabular des Marktes gefangen.

Boysober werden, Schluss machen, den Glauben daran aufgeben, dass Beziehungen zwischen Männern und Frauen funktionieren können – das klingt zunächst nach Befreiung. Aber was bedeutet Freiheit eigentlich? Freiheit setzt ein Subjekt voraus, das sich selbst als handlungsfähig begreift. Als jemand, der Entscheidungen trifft, Verantwortung übernimmt und Zukunft gestaltet. Genau dieses Subjekt untergräbt der Heterofatalismus. 

Er übersetzt gelebte Enttäuschung in Gewissheit. Nicht diese Beziehung war falsch, sodnern die Beziehungsform ist es. Nicht dieser Mann, sondern Männer. Persönliche Erfahrungen werden zu Strukturdiagnosen und zu einer Weltanschauung. 

Und genau hier zeigt der Begriff "Fatalismus" seine eigentliche Schärfe. Er behauptet nicht nur, dass etwas schlecht ist. Sondern dass es zwangsläufig schlecht bleiben wird. Was daran beunruhigend ist: Nicht, dass Frauen Männer infrage stellen. Sondern dass aus berechtigter Kritik zunehmend eine Anthropologie wird. Dass aus schlechten Erfahrungen Menschenbilder entstehen. 

Strukturkritik wird zur App-Strategie: Was der Heterofatalismus verschweigt

Die Erschöpfung, die Frauen in den Heterofatalismus treibt, ist real. Und sie ist politisch. Doch die Logik sozialer Medien baut politische Probleme zuverlässig in individuelle Lösungen um: boysober werden, den Mann rausschmeißen und die Gefühle danach einfrieren. Als wäre das Problem bloß der falsche Partner und nicht die Strukturen, die Beziehungen hervorbringen und formen.

Heterofatalismus beginnt als Beschreibung der Gegenwart – und endet als Absage an die Zukunft. Viel Getöse für ein lautloses Achselzucken. Gebraucht wird eine Kritik, die Männer nicht abschreibt, sondern in die Pflicht nimmt. Wer den Fatalismus ablehnt, muss nicht an die große Liebe glauben – aber daran, dass Strukturen veränderbar sind und Menschen mit ihnen.