Steigende Einkommen in ärmeren Ländern könnten die Terrorismusbekämpfung zunächst erschweren, anstatt sie zu schwächen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im renommierten "Journal of Conflict Resolution". Der Bayreuther Ökonom David Stadelmann hat zusammen mit Forschenden in Abu Dhabi/VAE und Perth/Australien eine umfassende Analyse durchgeführt. 

Diese zeigt laut den Autor*innen der Studie, dass der Anstieg der Einkommen in ärmeren Ländern anfangs mit einer Zunahme terroristischer Aktivitäten einhergeht. Erst wenn das Durchschnittseinkommen einen Wert von etwa 12.800 US-Dollar erreicht hat, gehen weitere Einkommenszuwächse mit einer nachhaltigen Schwächung des Terrorismus einher.

Religiöser Terrorismus schwächt sich früher ab

Die Studie relativiert somit die bisherige Annahme, dass wirtschaftliches Wachstum und die Hebung des Lebensstandards automatisch die Gefahr terroristischer Anschläge verringern. Stattdessen ergibt sich ein deutliches Muster, das von den Forschenden als "umgekehrte U-Form" beschrieben wird:

Zunächst steigt die Häufigkeit und Intensität terroristischer Aktivitäten mit dem Anstieg der Einkommen in ärmeren Ländern, bis ein Kipp-Punkt erreicht ist – bei etwa 12.800 Dollar durchschnittlichem Pro-Kopf-Einkommen. Ab diesem Punkt führt ein weiterer Anstieg der Einkommen zu einer kontinuierlichen Abschwächung des Terrorismus.

Die Studie berücksichtigt auch die Motive hinter den terroristischen Aktivitäten. Dabei ergibt sich, dass religiös motivierter Terrorismus sich früher abschwächt als links- oder rechtsgerichteter Terrorismus, wenn die Einkommen kontinuierlich steigen. Insgesamt zeigt sich jedoch die umgekehrte U-Form in allen Varianten des Terrorismus.

Ergebnisse wichtig für Terrorbekämpfung

David Stadelmann, der den Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik und wirtschaftliche Entwicklung an der Universität Bayreuth innehat, betonte die Wichtigkeit der Ergebnisse für politische Entscheidungsträger auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Die anfängliche Zunahme terroristischer Aktivitäten bei steigenden Einkommen erfordere eine verstärkte Beobachtung potenzieller Terrorgruppen und die Entwicklung geeigneter Terrorismusbekämpfungsstrategien während der Anfangsphase des Wirtschaftswachstums.

Die Ergebnisse der Studie böten neue Erkenntnisse über den komplexen Zusammenhang zwischen ökonomischem Fortschritt und Terrorismus.

Es werde deutlich, dass politische und gesellschaftliche Entscheidungen in ärmeren Ländern während Phasen des Wirtschaftswachstums sorgfältig abgewogen und begleitet werden müssten, um die Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten.

Die Forschenden haben eine umfangreiche Datenbank aufgebaut, die für 1.527 Regionen in 75 Ländern Daten aus den Jahren 1970 bis 2014 enthält. Auch konstante Faktoren wie geografische, historische oder kulturelle Gegebenheiten, die mit terroristischen Aktivitäten in Verbindung stehen können, wurden berücksichtigt.