Die Frage nach dem Umgang mit der AfD wird immer wieder neu aufgerollt und besprochen. Die Diskussion um die beste Strategie ist komplex und eine klare Antwort scheint es bisher nicht zu geben. Jörg Siegmund, Wahlforscher an der Akademie für politische Bildung in Tutzing, spricht mit uns über den Umgang mit der AfD.
AfD Umfragewerte 2026: Wachsende Zustimmung trotz politischer Ausgrenzung
Immer mehr Wählende entscheiden sich dazu, die AfD zu wählen. Laut der aktuellen Sonntagsumfrage des Markt- und Sozialforschungsunternehmens Ipsos wäre die AfD mit 26 Prozent derzeit die am häufigsten gewählte Partei.
Doch ob man der AfD mit Ausgrenzung oder mit Toleranz begegnen sollte, darüber ist man sich sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft nicht einig.
Die AfD ist demokratisch gewählt. Die Menschen entscheiden sich aktiv dafür, die Partei zu wählen, und das ist ihr gutes Recht. Das ist Teil der Meinungsfreiheit. Das bedeutet auch, dass die AfD ein Recht auf Mitbestimmung und einen Regierungsanspruch hat. Die Stimmen ihrer Wähler:innen müssen abgebildet werden.
Gleichzeitig hat aber der Staat die Aufgabe, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu schützen, gegen die sich nach Auffassung vieler Expert:innen zentrale Positionen und Strategien der AfD richten. Und hier ergibt sich der Widerspruch. Grenzt man die AfD aus politischen Entscheidungen aus oder begegnet man ihr und damit der Wähler:innenschaft mit Toleranz?
Politische Ausgrenzung als AfD Strategie: Machtinstrument mit Nebenwirkungen
Jörg Siegmund ordnet die Strategie der politischen Ausgrenzung der AfD als bewusstes Machtinstrument ein. Ziel sei es vor allem, zu verhindern, dass die Partei Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse erlange.
"Auf der einen Seite geht es darum, diese Partei, die in Teilen rechtsextremes Gedankengut vertritt, auszugrenzen, damit sie keine Ämter besetzen und ihre politischen Inhalte, die an manchen Stellen verfassungswidrig sind, nicht durchsetzen kann." Auf der anderen Seite gehe es laut Siegmund darum, deutliche Grenzen zu ziehen.
Politische Ausgrenzung solle verdeutlichen, was noch als legitimer Meinungsstreit innerhalb des demokratischen Spektrums gelte – und was sich außerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewege. Und damit auch Menschen ein Stück weit davon abschrecken, sich dieser Partei anzuschließen oder diese Positionen zu vertreten.
AfD Opferrolle: Warum Ausgrenzung die Strategie der Partei stärkt
Die AfD aus jeglichen Prozessen so gut wie möglich auszuschließen, sorgte bisher jedoch nicht dafür, dass sich der Zuspruch für die AfD verringerte – im Gegenteil, die betroffenen Politiker:innen wissen ihre Opferrolle oft gut zu nutzen. Einer der Nachteile dieser Strategie liege genau darin, erklärt Siegmund, dass sie der AfD in die Hände spiele.
Die Partei könne die Ausgrenzung als Beleg dafür inszenieren, von den sogenannten "Altparteien" benachteiligt zu werden, und sich selbst als einzige Alternative zur etablierten Politik präsentieren. Dieses Selbstverständnis werde dadurch eher gestärkt als geschwächt.
Ein weiterer Nachteil der Ausgrenzungsstrategie liege darin, dass die strikte Ausgrenzung bei der aktuellen politischen Lage nicht konsequent durchhaltbar sei, weil die AfD an so vielen Orten eine solche Stärke erreicht habe, dass sie immer mehr Entscheidungsprozesse blockieren könne. "Da stellt sich dann schon die Frage, wie man praktisch damit umgeht und ob Ausgrenzung unter diesen Gegebenheiten überhaupt funktionieren kann." sagt Siegmund.
Verantwortung der etablierten Parteien im Umgang mit der AfD
Für die Erfolgsgeschichte der AfD sind jedoch auch die anderen Parteien verantwortlich. Auch sie haben keine klare Strategie, um die Unzufriedenheit der Deutschen abzuwenden.
"Und das stärkt dann die Frustration in der Bevölkerung und ist wiederum Wasser auf die Mühlen der AfD, die ja behaupten, dass die anderen Parteien, nichts zustande bringen", sagt Siegmund. Um dem entgegenzuwirken, sei es dringend nötig, dass die anderen Parteien überlegten, wie sie der AfD wirksam begegnen könnten. Unter den realen Bedingungen, nicht unter dem, was man sich wünsche oder vorstelle. Und sie müssten sich eine gemeinsame Strategie ausdenken, mit der sie gemeinsam aktiv gegen den Druck von rechts arbeiten könnten.
"Wenn Parteien wieder Entscheidungen treffen können und damit das Leben der Menschen positiv verändern, dann wird der AfD ein Großteil des Windes aus den Segeln genommen."
Ausblick: Ist politische Ausgrenzung langfristig eine tragfähige AfD Strategie?
Die Ausgrenzung der AfD sei grundsätzlich ein legitimer Versuch, die demokratische Grundordnung und freiheitliche Werte zu schützen. Ob diese Strategie langfristig durchhaltbar und erfolgreich sei, bleibe fraglich.
"Politik muss sich immer an den realen Bedingungen orientieren."
Angesichts der aktuellen Lage sieht Siegmund da eher Zweifel, ob Abgrenzung weiterhin die geeignete Strategie sei, um den Einfluss und die Macht der AfD zu begrenzen. Beobachten lässt sich jedenfalls, dass diese Strategie die Menschen nicht davon abbringt, weiterhin die AfD zu wählen und sich für rechtes Gedankengut stark zu machen.