Knapp drei Jahre nach seiner Einführung ist das Bürgergeld offenbar schon wieder Geschichte. Die Bundesregierung hat die neue Grundsicherung beschlossen – härtere Sanktionen, weniger Schonzeiten für Erspartes, Pflicht zur ständigen Nachweisführung.

Bundeskanzler Merz erklärte die Reform zur "Chefsache" und setzte sie gegen Widerstände innerhalb der Koalition durch. Ab Juli 2026 soll sie greifen. Doch die eigentliche Frage lautet: Wen schützt diese Reform – und wen belastet sie?

Die Zahlen sprechen für sich: Rund 5,5 Millionen Menschen erhalten derzeit Bürgergeld, darunter 1,8 Millionen Kinder. Doch statt armutsfester Leistungen setzt die neue Grundsicherung auf Druck. Wer nicht "mitmacht", wie es euphemistisch heißt, dem drohen Kürzungen bis zum Existenzminimum und darunter.

Sozialverbände warnen: Die Reform kann soziale Härten verursachen, die bis zur Obdachlosigkeit reichen – besonders für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Schutzmechanismen wie Anhörungen erscheinen wenig verlässlich.

Wer Angst hat, bleibt in schlecht bezahlten Jobs

Die Journalistin Mareice Kaiser bringt es auf den Punkt: Aus Grundsicherung wird Grund-Unsicherheit. Angst wird zum Steuerungsinstrument. Wer Angst hat, bleibt in schlecht bezahlten Jobs, fügt sich, widerspricht nicht – und überträgt diese Unsicherheit auf die nächste Generation.

Dabei leben Kinder in jedem dritten sanktionierten Haushalt; ihre Teilhabe ist direkt bedroht. Save the Children mahnt: Familien mit Kindern sollten gar nicht sanktioniert werden. Die Regierung hört nicht hin.

Noch problematischer: die geplante Umkehr der Beweislast. Künftig sollen Betroffene lückenlos nachweisen, dass sie sich ernsthaft um Arbeit bemühen – von Bewerbungsaktivitäten über Kursnachweise bis hin zu Gesprächsnotizen. Schon heute scheitern viele an der Bürokratie der Jobcenter, unter anderem wegen psychischer Belastungen oder Sprachbarrieren.

Wer die Anforderungen nicht erfüllt, riskiert Leistungskürzungen oder Komplettstreichung. Die Beweislastumkehr droht, die am meisten Benachteiligten im System zu überfordern und das ohnehin fragile Vertrauen in die soziale Sicherung weiter zu untergraben.

Kontrolle und Zwang statt Lösungen

Die Reform verspricht Kontrolle und Zwang, aber keine echten Lösungen: Sie verbessert weder Qualifizierung noch Vermittlung. Stattdessen werden Menschen, die ohnehin schon kämpfen müssen, noch mehr unter Druck gesetzt – mit langfristigen sozialen, psychischen und wirtschaftlichen Folgen. Das Ziel, Geld zu sparen – und sei es noch so wenig –, wird offenkundig über den Schutz von Menschenwürde gestellt.

Die Verteidiger:innen dieser Reform argumentieren mit Statistik, Kostenersparnis und dem sturen Prinzip "Wer nicht arbeitet, soll weniger bekommen". Doch sie verkennen: Menschenwürde, Existenzsicherung und faire Chancen lassen sich nicht durch Angst und Zwang erzwingen.

Die neue Grundsicherung ist keine Lösung, sie ist ein gesellschaftliches Risiko – besonders für Kinder, Familien und die, die ohnehin wenig bis nichts haben.