Offenbar bin ich linksversifft. Ist ja schon mega verdächtig als Redakteur für ein christliches Medienhaus zu arbeiten. Und dann auch noch Kommentare zu schreiben, die nicht so ganz in die konservative Ecke passen. Sorry, ich mag es eben eine eigene Meinung zu haben und die auch offen zur Diskussion zu stellen. Das reicht tatsächlich manchen schon, um mich in diese eine Ecke zu stellen, in diese schmuddelige versiffte.
"Man sieht ja gleich, welch heißes Kind du bist", schrieb einer. Gemeint war vermutlich "welches Geistes Kind". Wahrscheinlich hat da mal wieder die Autokorrektur zugeschlagen. Zack. Aber gut, auch Rechtschreibung scheint verdächtig zu sein.
Was soll dieses Wort eigentlich bedeuten: "linksversifft"? Es klingt nach kaputter WG-Küche, verstopftem Abfluss, ein schimmliges Pizzastück unter dem Autositz. Aber diesmal soll sich der Dreck im Kopf befinden: Wer nicht ins eigene Weltbild passt, gilt als verunreinigt, kontaminiert. Nicht einfach anderer Meinung, sondern verdorben. Diskurs als Desinfektionszone: Erst wenn alle gleich denken, gilt die Luft als rein.
Wenn Kritik zur Kontaminierung erklärt wir
"Linksversifft" funktioniert als Allzweckwaffe. Jemand macht sich Sorgen um Geflüchtete? Linksversifft. Jemand findet, dass Rassismus kein Hobby ist, sondern ein Problem? Linksversifft. Jemand meint, man könne über Gott nachdenken und trotzdem Fragen stellen? Ganz große Linksseuche. Und wer dann auch noch für ein evangelisches Magazin schreibt, Gott bewahre, da stehen kurz vor einer Revolution, einem Volksaufstand in Bayern.
Interessant wird es, wenn "linksversifft" ausgerechnet dann fällt, wenn es um Kirche geht. Da treffen sich plötzlich widersprüchliche Bilder: Für die einen ist Kirche ein verstaubter Traditionsklotz, für die anderen ein linksgrünes Umerziehungsprojekt. Beides gleichzeitig ist schwierig, aber Logik hat in empörten Kommentarzeilen ohnehin Pause. Wer sonntagsblatt.de liest, kann im selben Atemzug als hoffnungslos rückständig und gefährlich progressiv gelten.
Was das Wort über die Absender verrät
Dabei verrät das Wort "linksversifft" mehr über den, der es benutzt, als über den, den es treffen soll. Es zeigt eine Mischung aus Angst und Bequemlichkeit. Angst vor einer Welt, in der alte Sicherheiten bröckeln. Angst davor, dass man selbst nicht mehr automatisch recht hat, nur weil man laut spricht. Und Bequemlichkeit, weil es einfacher ist, andere zu beschimpfen, als sich ehrlich zu fragen: Könnte an deren Sicht vielleicht etwas dran sein?
Dazu passt die beliebte Begleitmusik: "Man wird ja wohl noch sagen dürfen." Gemeint ist selten ein echtes Gespräch. Gemeint ist: Die eigene Meinung soll ungestört kreisen, ohne Widerspruch. Meinungsfreiheit wird verwechselt mit Widerspruchsfreiheit. Der eigene Satz soll Lawine sein, die alles niederwalzt, die andere Sicht eine leise Schneeflocke, die sofort schmilzt.
Bin ich daher linksversifft, weil ich Sonntagsblatt lese und dort Kommentare schreibe? Wenn das Kriterium lautet: Interesse an Menschen, an Gerechtigkeit, an Demokratie, an einem Glauben, der Fragen zulässt, dann lautet die Antwort: offenbar ja. Wenn "linksversifft" heißt, dass Empathie kein Makel ist, dass Sprache Verantwortung mit sich verbindet, dass Glaube kein Schlagstock, sondern ein Angebot ist, dann ist der linksversiffte Stempel erstaunlich schmeichelhaft.
Wenn ein Wort zur gedanklichen Käfighaltung wird
Vielleicht liegt genau hier der Kern: Wer heute noch halbwegs gelassen auf unsere Welt blickt, gerät automatisch unter Verdacht. Wer versucht, die Perspektive anderer zu verstehen, gilt als weich. Wer Medien konsumiert, in denen mehr vorkommt als Wut und Skandal, wirkt "verdächtig gebildet". Und Bildung steht in manchen Kreisen inzwischen unter Extremismusverdacht. Lesen: riskant. Denken: heikel. Zweifel: hochgradig subversiv.
Wer mir also anhand einer Domain ansieht, "welch heißes Kind" ich bin, liegt in einem Punkt gar nicht so falsch: Es sagt tatsächlich etwas über mich. Es zeigt, dass ich mir nicht von der lautesten Beleidigung erklären lasse, wer ich bin. Es zeigt, dass ich noch lesen mag, statt mir nur Bestätigung abzuholen.
Linksversifft? Wenn damit gemeint ist, dass ich Menschen nicht auf Feindbilder reduziere und Gott nicht als Waffe in der Debatte benutze, dann kann ich mit dem Wort leben. Was mich mehr irritiert: In welcher inneren Verfassung befindet sich jemand, der ernsthaft glaubt, ein einziges Schimpfwort erledige jede Diskussion? Wer so denkt, sperrt sich am Ende selbst ein. Nicht im linken, nicht im rechten, sondern im luftleeren Raum der eigenen Empörung.