Ab dem 1. Januar dieses Jahres tritt die neue Wehrdienstregelung in Kraft. Alle Männer des Jahrgangs 2008 erhalten einen Fragebogen, mit dem geprüft wird, ob sie sich für eine weitere Musterung und somit für den Wehrdienst eignen. Sie sind verpflichtet, die Fragen zu beantworten. Das Ziel besteht in der Wehrerfassung und der Gewinnung neuer Freiwilliger.

Diese Regelung wurde lange diskutiert und viele wollten sich gegen das Inkrafttreten wehren. Vor allem junge Menschen sind unter dem Motto "Schulstreik gegen Wehrpflicht" auf die Straße gegangen, um ihren Unmut deutlich zu machen und zu zeigen, dass sie mit den geplanten Änderungen nicht einverstanden sind.

Grundsätzlich verstehen wir alle, warum Deutschland eine funktionierende Bundeswehr braucht. Die Zeiten ändern sich, das ist nicht zu leugnen. Ein Krieg hat sich lange nicht so möglich angefühlt wie jetzt, vor allem mit Blick auf die schlimmen Geschehnisse in der Ukraine.

Dass junge Menschen mit den politischen Entscheidungen nicht einverstanden sind, ist jedoch kein Wunder.

Jugendliche und junge Erwachsene fühlen sich nicht gerecht behandelt

Jugendliche und junge Erwachsene fühlen sich nicht gerecht behandelt – vor allem nicht von der aktuellen Politik. Das zeigen aktuelle Studien wie die Sozialstudie zur Gerechtigkeit 2023/24 der Bepanthen-Kinderförderung, die sich mit der Frage befasst, wie gerecht Deutschland ist.

Ich nehme eine Abwehrhaltung gegenüber jeglichen Beschlüssen wahr, die politisch debattiert und entschieden werden. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass sich genau die Menschen, die jetzt vom Dienst an der Waffe überzeugt werden sollen, in den letzten Jahren unverstanden und ungehört gefühlt haben.

Während des Höhepunkts der Fridays-for-Future-Bewegung wollte die Politik nicht zuhören, obwohl wissenschaftlich bewiesen ist, dass dringender Handlungsbedarf besteht. In der Corona-Krise mussten wir jeden Tag Zurückhaltung üben, obwohl Zurückhaltung in unserer Lebensphase das Letzte war, was wir wollten. Die Anzahl junger Menschen mit psychischen Problemen nimmt immer weiter zu, aber auch hier wird nicht entsprechend gehandelt.

Jeden Tag sitzen wir in Schulen, die so sanierungsbedürftig sind wie kaum ein anderes Gebäude – aber Deutschland muss ja sparen. Durch soziale und politische Entscheidungen verliert man das Vertrauen in die Gesellschaft und den Staat. Um es ganz offen zu sagen: Wir sind frustriert davon, wie die Politik mit uns und unseren Anliegen umgeht. Das Gefühl, dass wir ohnehin nichts erreichen können, weil nur wenige versuchen, uns zuzuhören, ist entmutigend. Es lässt einen weniger hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Jetzt, wo man uns braucht, werden wir plötzlich wichtig und sollen zur Verfügung stehen. Das Gefühl, dass über unsere Köpfe hinweg entschieden wird, ohne dass wir wirklich gefragt werden, macht mich sprachlos.

Wohin führt die Einführung des Wehrdienstes am Ende?

Eine große Frage ist auch, wie es weitergeht, wenn sich nicht genügend Freiwillige melden. Wo führt die Einführung des Wehrdienstes am Ende hin?  Es ist von einer Bedarfswehrpflicht die Rede, die der Bundestag in einem solchen Fall beschließen kann. Dann wäre der Wehrdienst also nicht mehr freiwillig, sondern verpflichtend.

Wir jungen Menschen sind jedoch damit aufgewachsen, täglich mitzubekommen, welche grausamen Folgen Krieg hat und wie viele Menschen dadurch ihr Leben verlieren. Es gibt keine Motivation, in den Krieg zu ziehen. Die Illusion, dass darin etwas Positives steckt, existiert nicht mehr. Eine Kriegsbegeisterung gibt es nicht.

Außerdem ist auch das Gefühl des Zusammenhalts nicht mehr, wie es einmal war. Deutschland ist politisch immer stärker gespalten und das große "Wir"-Gefühl verschwindet immer weiter. Die zunehmende Polarisierung der Meinungen, die sich im Wahlverhalten der Deutschen zeigt, macht einem Angst. Jeder kämpft für sich, Kompromisse in der Politik werden immer schwieriger und niemand will mehr mit dem anderen zusammenarbeiten. Das ist daran zu sehen, dass die demokratischen Parteien nicht gemeinsam gegen die AfD arbeiten, sondern wegen Uneinigkeiten jeder sein eigenes Ziel verfolgt.

Auch die Frage, weshalb die Beantwortung des Fragebogens nur für Männer verpflichtend ist, beschäftigt mich. Ich könnte froh darüber sein, eine Frau zu sein, aber da ich mich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetze, hinterfrage ich auch das. Im Grundgesetz steht, dass nur Männer verpflichtet werden dürfen. Das soll also der Grund sein. Besonders zeitgemäß finde ich das jedoch nicht. Zumindest eine politische Thematisierung dieses Punktes wäre angebracht.

Ist eine Lösung möglich?

Die gesamte Situation erscheint sehr festgefahren. Es wirkt, als müsste eine Generation auf die andere zugehen, um den Konflikt zu lösen. Ich denke, dass es nicht einfach ist. Aber ich bin dennoch der Meinung, dass sich die Lage verändern lässt.

Man müsste wieder eine gemeinsame Gesellschaft herstellen oder es zumindest versuchen. Jeder sollte sich einbringen und etwas dafür tun, dass es uns in Deutschland wieder besser geht. Denn ich vermute, dass alle diese Unsicherheiten und diese Spaltung spüren.

Es darf nicht sein, dass Jugendliche allein die Last tragen, etwas für Deutschland tun zu müssen. Wir alle sollten etwas verändern, damit wir gemeinsam zu einem besseren Deutschland beitragen können. Ich könnte mir vorstellen, dass das Gefühl, weniger alleingelassen zu sein, die Sicht der Jugendlichen, die sich überlegen müssen, inwiefern sie sich in die Gesellschaft einbringen können, verändern würde.

Wehrdienst & Wehrpflicht

Ein umfangreiches Dossier zum Thema Wehrdienst und Wehrplicht findet ihr auf Sonntags unter diesem Link.

Mehr Infos zu den Beratungsangeboten der bayerischen Landeskirche unter kirche-an-deiner-Seite.de