Fünf Minuten. Fünf Minuten können ganz schön lang werden, wenn sie mit eigenen Gedanken gefüllt werden wollen. Im Bremer Zuhör-Café von Petra Haslop werden sie aber in der Regel zu einem erfüllenden Erlebnis: fünf Minuten sprechen können, ohne unterbrochen zu werden. Und ein Gegenüber spitzt die Ohren, hört einfach zu. Echter Luxus.

Nach fünf Minuten werden die Rollen gewechselt, im Verlauf des Treffens insgesamt dreimal. Das sind die Spielregeln, zu der die Mediatorin einmal im Monat ins Nachbarschaftshaus Nahbei im Bremer Stadtteil Findorff einlädt.

"Zu Beginn einigen wir uns auf ein Thema, eine offene Frage, beispielsweise 'Was ist in Dir gerade lebendig?'. Oft geht es auch um Bedürfnisse wie Wertschätzung, Humor oder Erfolg", berichtet Petra Haslop.

"Dann finden sich Gesprächspaare, die sich nicht unbedingt kennen."

Handys werden auf lautlos gestellt oder außer Reichweite gelegt, die Paare setzen sich ohne einen Tisch dazwischen zusammen. Das Zwiegespräch kann starten - mit einem Zuhörenden, der sich ganz in den Dienst des Redenden stellt. "Dabei nicht unterbrochen zu werden, das ist für viele ein Überraschungseffekt", sagt Petra Haslop.

Wie schwierig das Zuhören Menschen oft fällt, hat der Schriftsteller Kurt Tucholsky schon 1931 unter seinem Pseudonym Kaspar Hauser festgehalten, als er schrieb: "Der Mensch hat, neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören." Das ist zugespitzt, ja. Aber heute, in einer Zeit, in der viele glauben, ständig etwas über sich sagen zu müssen, um sich selbst zu beweisen, ist das die Erfahrung vieler Menschen.

Gute Zuhörende sind selten

"Gute Zuhörerinnen und Zuhörer sind eher selten", bestätigt der Göttinger Linguist und Gesprächsexperte Martin Hartung, der ein Praxishandbuch für die Erwachsenenbildung zum besseren Zuhören herausgegeben hat. Dabei sei Zuhören, betont er, "die erste kommunikative Fähigkeit, die wir im Verlauf unserer Entwicklung erwerben, und die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir die anderen wie Sprechen, Lesen und Schreiben überhaupt erlernen können".

Mediatorin Haslop bekräftigt mit Blick auf das Zuhören zuallererst die Chancen.

"Wer hört, wer offen ist, wird auf andere Gedanken gebracht, die sich bei uns im Zuhör-Café durch mehrere Durchgänge immer weiter vertiefen können."

Und ganz allgemein hält sie fest: "Während ich spreche, kann ich nichts vom anderen erfahren, erfahre ich nichts Neues."

Die gute Nachricht: Zuhören lässt sich nach den Worten von Expertinnen und Experten wie Petra Haslop und Martin Hartung lernen. Petra Haslop betont dabei als Grundvoraussetzung die innere Bereitschaft, zuzuhören, im besten Falle nicht, weil man muss, sondern weil man will. "Unterbrechungen vermeiden, aktives Zuhören mit Blickkontakt und kurzen verbalen und nonverbalen Bestätigungen, Fragen wie 'Habe ich Dich richtig verstanden?' - das sind Punkte, die beim Zuhören helfen können. Außerdem natürlich aussprechen lassen, eventuell auch mal Pausen abwarten, aushalten."

Stiftung Zuhören will Thema unterstützen

Martin Hartung hat ein zweitägiges Seminarkonzept zur Förderung der Zuhörfähigkeit entwickelt. Bundesweit setzt sich die 2002 von ARD- und Landesmedienanstalten gegründete Stiftung Zuhören mit Sitz in München dafür ein, das Thema im deutschsprachigen Raum mit Bildungsangeboten unter anderem für Kinder und Jugendliche zu unterstützen.

Einer ihrer zentralen Leitgedanken: Zuhören ist wichtig für mehr Miteinander und weniger Konflikte.

"Davon lebt unsere Demokratie."

Und nicht zuletzt auch jede Beziehung, unterstreicht Petra Haslop. "Aktives und empathisches Zuhören sind die Grundlage für Verständnis, Vertrauen und eine tiefere Verbindung", sagt sie und ergänzt: "Wer nicht zuhört, erfährt auch nicht, welche Bedürfnisse im Raum stehen."

Praktische Tipps zum besseren Zuhören

ARD- und Landesmedienanstalten haben 2002 die "Stiftung Zuhören" mit Sitz in München gegründet. Kern der Stiftungsarbeit sind Bildungsmaterialien und Fortbildungsangebote für eine zuhörfreundliche Gesellschaft. Dazu gehören zehn praktische Tipps zum besseren Zuhören:

  • Bringen Sie dem Zuhören Wertschätzung entgegen. Entscheiden Sie sich bewusst dafür, mehr und besser zuzuhören.
  • Stellen Sie sich auf das Zuhören ein und bereiten Sie sich darauf vor, etwa, indem Sie das Handy weglegen.
  • Hören Sie unvoreingenommen hin, was der andere Ihnen sagen will.
  • Lassen Sie den anderen zu Ende reden, bevor Sie antworten. Keine Unterbrechung.
  • Hören Sie in erster Linie zu, um zu verstehen, und erst dann, um zu antworten.
  • Achten Sie darauf, was der andere sagt und wie er es sagt, um zu verstehen, wie wichtig dem anderen das ist, was er sagt.
  • Achten Sie auf Gefühlsäußerungen genauso wie auf Worte.
  • Achten Sie auf Unterschiede in der Kultur, im Alter oder auf geschlechtsspezifische Unterschiede, wenn Menschen miteinander reden oder einander zuhören.
  • Spiegeln Sie dem anderen, falls angemessen, was Sie gehört und wie Sie ihn verstanden haben.
  • Antworten Sie so, dass der andere sieht, dass Sie zugehört haben.