Begegnungen auf Zeit

Ich sitze in Berlin im Bus Richtung Wedding, da steigt ein junger Mann ein, setzt sich mir gegenüber und redet mich sofort an: "Können Sie mir sagen, wann wir an der 5. Station sind? Da soll eine Sparkasse sein und ich muss da hin. Ist ziemlich wichtig!" Ich kenne mich nicht aus, verspreche aber, ihm die Stationen abzuzählen. Bei der 1. Station steigt eine schicke ältere Dame ein. Und setzt sich zu uns. "Wissen Sie, ob die Sparkasse an der 5. Station geöffnet hat? Ich muss das unbedingt wissen. Können Sie das mal auf dem Handy checken?" Ihre Antwort kommt prompt: "Ja, da haben Sie Glück, die hat über Mittag geöffnet." Bis zur 3. Station erfahren wir, dass der junge Mann obdachlos ist und er dringend wissen muss, ob eine erwartete Summe auf seinem Konto eingegangen ist."

Die resolute Berlinerin sagt frei heraus: "Sie haben aber gute Kleidung an, ganz schön weiß die Hose!" Dann erzählt er, er sei nach Berlin gekommen, weil ein Freund schwer erkrankt ist. Nun bei der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof untergekommen, hätten die ihn auch neu eingekleidet. Dann kommt die 4. Station und ich weise darauf hin, dass schon hier eine Sparkasse zu sehen ist. Die ältere Dame kennt sich aus: "Ja, hier müssen Sie aussteigen, das ist ihre Bank!"

Als der Bus wieder losfährt sehen wir, wie er zielgerichtet auf eine Mitarbeiterin in der Bank zugeht. Wir Frauen lächeln uns an. Hat ja alles geklappt! Die Frau meint, dass er froh sein kann, dass er bei der Stadtmission untergekommen ist. Die Menschen werden dort nämlich nicht als Obdachlose, sondern als Gäste bezeichnet und erhalten richtig gute Hilfe. Sie weiß das, weil Sie die Einrichtung schon lange unterstützt. Dann möchte Sie wissen wohin ich denn fahre und wir unterhalten uns, als würden wir uns schon lange kennen, bis auch ich aussteigen muss.

Gemeinschaften auf Zeit. Manchmal ereignen sie sich einfach, im Bus, im Zug, an der Supermarktkasse oder bei einem Konzert. Sie prägen sich ein ins Gedächtnis und ich staune, was sich daraus alles ergeben kann. Hilfe, Freundlichkeiten, Geselligkeit, neue Erkenntnisse... . Begegnungen mit Gott sind manchmal genau so. Wirklich planen lassen sie sich ja eher nicht. Aber es gibt Zeiten, Orte, Situationen und Worte, da spürt man etwas. Es fühlt sich dann an wie eine überraschende Begegnung, wie ein Rendezvous mit Gott. Oder als würde ein Engel meinen Raum durchschreiten. So singt es ABBA in einem Song. Da geht ein Engel in der Dämmerung durch die eigenen Gedanken und hinterläßt eine helle Spur.

Begegnungen brauchen Impulse

Aus der Bibel, liebe Hörerinnen und Hörer, erfahren wir, dass Jesus Gelegenheiten geschaffen hat, wo beides zusammenkommt: Menschen begegnen einander in ganz alltäglichen Situationen. Und daraus werden tiefe Rendezvous mit Gott. Besonders das Lukasevangelium erzählt, dass er immer wieder mit den unterschiedlichsten Menschen zum Essen zusammenkommt. Er lässt sich einladen oder lädt selbst ein. Seine Tischgemeinschaften kann man sich nicht bunt genug vorstellen. Manche seiner Zeitgenossen empören sich: "Wie kann er sich bloß mit Betrügern, Prostituierten und armen Schluckern um einen Tisch setzen? Um eingeladen zu werden, muss man doch erst einmal für würdig gehalten werden. Da kann ja nicht jeder kommen!"

Jesus aber verknüpft bedingungslos Essen mit Gemeinschaft. Auch den letzten Bissen seines Lebens nimmt er nicht allein zu sich. Er feiert das Abendmahl zusammen mit seinen Jüngerinnen und Jüngern. Damit setzt er eine klare Botschaft:

So wie die Nahrungsaufnahme ganz alltäglich, selbstverständlich und überlebensnotwendig ist, so elementar ist auch die Gemeinschaft mit anderen und mit Gott. Nichts kann sie ersetzen.

In unserer Kirchengemeinde planen wir gerade ein inklusives Café, das wir in etwa einem Jahr eröffnen möchten. Mitten in unserer Stadt einen Ort der Begegnung schaffen. Das ist uns am wichtigsten. Aber es gibt Menschen, die sich nicht so einfach Kaffee und Kuchen leisten können, wie sie sich das vielleicht wünschen. So ist die Idee entstanden, dass bei uns auf jedem Tisch, wie in den Bistros in Frankreich üblich, Wasser und Brot stehen werden. Man wird sich also auch dazusetzen können, wenn man gerade mal nichts ausgeben möchte. Einige, denen ich davon erzählt habe, befürchten: "Das wird nichts, dann werdet ihr überlaufen werden von Menschen, die nichts haben und andere werden nicht mehr kommen."

Klar, wir werden unsere Erfahrungen machen, aber ich bin ganz sicher, Gastfreundschaft hat noch nie geschadet. Und wo sich nur Ihresgleichen treffen, kann es ja auch schnell langweilig werden… Sicher, es wird Menschen brauchen in unserem Café, die gesprächsfähig sind, die reden und verbinden, die eine gute Atmosphäre schaffen und Begegnung und Gemeinschaft zu feiern wissen. Jedenfalls möchten wir mit unserem Café in der Spur Jesu bleiben und uns an seiner Art der Gastfreundschaft orientieren.

Gemeinschaft im Abendmahl

Und wenn wir heute, wie er damals, Abendmahl feiern, mit Menschen, die wir oft gar nicht kennen, geschieht mehr als wir verstehen können. Wenn ich Abendmahl austeile, dann sehe ich in den Gesichtern der Empfangenden eine große Erwartung, ein inneres Vertrauen, dass Jesus in diesem Moment da ist. Natürlich verborgen, nicht zu erklären aber doch spürbar. Es macht einen Unterschied, wenn ich mich beim Abendmahl stärken lasse, so wie Millionen Menschen vor mir und bis heute in der ganzen Welt.

Abendmahl feiern, das ist mehr als nur Essen und Trinken. Es ist mehr als ein Ritual. Manche denken dabei ganz besonders an einen lieben Menschen, der nicht mehr da ist. Sie haben Tränen in den Augen und fühlen sich stark verbunden. Andere breiten ihre Hände wie eine Schale aus und empfangen dankbar und zuversichtlich Wegzehrung für das, was jetzt gerade bei ihnen ansteht. Manche sagen, die Zuversicht strömt spürbar, mit Brot und Wein, in sie hinein. Wieder andere lächeln, als würden sie Jesus sehen und an seinem Tisch sitzen mit all den anderen, die suchen, zweifeln, hoffen oder einfach die Gemeinschaft genießen.

Es gilt und es ist erfahrbar, was Jesus versprochen hat:

"Wo zwei oder drei Menschen in meinem Namen versammelt sind, da bin ich selbst in ihrer Mitte."(Mt 18, 20 Basis Bibel)

Jakobs Rendezvous mit Gott

Rendezvous mit Gott. Manche suchen ihn, erzählt die Bibel. Andere werden von ihm überrascht. Hören Worte, wieder andere sehen Zeichen und Wunder und immer ist da etwas von einem geöffneten Horizont. Ein Erkenntnisgewinn, ein staunendes Aufsehen und die Zuversicht, dass es weitergeht, nicht irgendwie, sondern mit Gottes Segen und seinem inspirierenden Geist. Genau davon berichtet die Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter. Die Welt, in der Jakob bisher gelebt hat, ist ihm zu eng geworden. Er selbst hat dazu beigetragen. Im Tausch gegen ein Linsengericht und mit einem Trick hat er seinen Bruder Esau übers Ohr gehauen und ihm das Erstgeburtsrecht und den Segen des Vaters abgeluchst.

Alles was eigentlich Esau zugestanden und was er geerbt hätte, das geht nun auf Jakob über. Klar, dass der Bruder nicht mehr gut auf ihn zu sprechen ist und ihm sogar nach dem Leben trachtet. Deshalb ist Jakob auf der Flucht. Den ganzen Tag ist er gerannt. Jetzt ist es Abend geworden, er ist am Ende mit seinen Kräften und er muss endlich schlafen. Überall nur weites Land. Über ihm funkeln die Sterne. Es bleibt ihm nichts Anderes übrig, als sich auf den blanken Boden und seinen Kopf auf einen Stein zu legen. Er schläft sofort ein und träumt einen seltsamen Traum.

"Und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; (…)

Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen (…).

Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel, Haus Gottes;

Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben. 

(Gen 28,10-22 in Auszügen)

Wo Gott begegnet, öffnet sich der Himmel

Wo Gott begegnet, da scheint der Himmel geöffnet. Und Engel, steigen auf einer Himmelsleiter auf und ab. Diese Urgeschichte malt ein Bild, einen Prototyp, ins Gedächtnis der Menschheit, wie Gemeinschaft mit Gott aussehen kann. Da wird das Herz bewegt. Die Geschichte nennt das Herz "Pforte des Himmels". Wo es von Gott berührt wird, ereignet sich, was der Mystiker Angelus Silesius sagt: "Halt an, wo läufst du hin! Der Himmel ist in dir. Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für."

In seiner Situation müsste Jakob eigentlich einen Angst- oder Verfolgungstraum haben. Er hat kein Zuhause mehr, er ist allein, er fürchtet um sein Leben, er weiß überhaupt nicht wie es weitergeht. Das alles sieht nicht nach entspannter spiritueller Übung aus. Da liegt einer, der am Ende ist. Und dann schafft Gott selbst eine Verbindung zu Jakob. Lässt seine Boten und seine Botschaft an einer Leiter vom Himmel bis zur Erde auf- und nieder schweben und macht Jakob gewiss, dass er sich auf ihn verlassen kann. "Siehe ich bin mit dir und will dich behüten."

Jakob, der Betrüger, der nicht weiß, was die Zukunft ihm bringen wird, ihm erscheint in dieser Nacht der Nächte der lebendige Gott. Er erkennt, dass es falsch war, was er getan hat und, dass es zurück nach Hause und zum Frieden ein langer Weg sein wird. Aber er sieht auch, dass Zukunft vor ihm liegt, weil Gott ihm begegnet ist. Ein Rendezvous mit Gott ganz ohne sein Zutun. Jakob hält diesen Moment fest für sich und alle Zeiten. Er stellt den Stein, auf dem sein Kopf gelegen hat, wie ein Erinnerungsmal auf. Sicher auch um später, wenn der Traum verblasst, sich dieser Gottesnähe zu vergewissern. Wir Menschen brauchen solche Erinnerungshilfen.

Gott im Kirchenraum, in der Musik und im Wort 

Seit langer Zeit bin ich wieder einmal in Paris und möchte natürlich die Kathedrale Notre Dame sehen. Am 08. Dezember letzten Jahres habe ich die feierliche Einweihung, nach dem Brand vor 6 Jahren, im Fernsehen gesehen. Jetzt bin ich gespannt, denn in meiner Erinnerung wirkte Notre Dame immer etwas düster. An diesem frühen Morgen ist auf dem Vorplatz vor der Kirche noch nicht viel los. An seinem Ende befindet sich eine kleine Tribüne mit Holzbänken. Mit einer Handvoll Menschen sitze ich erhöht und blicke zentral auf die Westfassade. Die majestätische Größe der beiden Türme, der runden Rosette in der Mitte und der drei Portale darunter, die Klarheit der Formen und die Helligkeit der Steinfassade ziehen mich in ihren Bann.

Wie muss es erst den Menschen im Mittelalter ergangen sein, als es noch keinen Eifelturm und keine Hochhäuser gab? Dieses Gotteshaus hat damals alles überragt. Und dann spüre ich, wie die erhabene Ruhe und der harmonische Aufbau der Kathedrale (Goldener Schnitt) äußerst beruhigend auf mich ausstrahlen. Hier zu sitzen und nur zu schauen tut einfach gut. Dann ist es Zeit die Kirche durch das Hauptportal, mit der Darstellung Christi als Weltenrichter, zu betreten. Ich gehe hinein und weiß gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll? Ich bin überwältigt. Was für eine Weite, was für eine Helligkeit, was für eine Größe? Das ist ein heiliger Ort, mit durchbeteten Wände und neuerschaffener Majestät, ein Glaubensort aus Asche wiederauferbaut. Zu was wir Menschen doch fähig sind, wenn alle mithelfen und ihre Gaben einbringen. Miteinander können wir so viel Schönes und Gutes erschaffen!

Den Menschen im Raum geht es offensichtlich wie mir. Andächtig bewegen sie sich, die Köpfe und Augen gehen nach oben und dann, wenn man den Blick einer anderen Person trifft, folgt ein Lächeln, ein anerkennendes Nicken. Ein älterer Franzose flüstert mir zu: "C´est vraiment remarquable, quelle beauté!", "Das ist wirklich bemerkenswert, welche Schönheit!" Und dann, als müsste es noch bekräftigt werden, setzt die imposante Orgel ein. Der gesamte Raum beginnt zu schwingen und dieser Moment hat etwas Unwirkliches.

Ich verstehe, was Olivier Latry, der Hauptorganist an Notre Dame, einmal so beschrieben hat:

"Künstler und Musiker sind immer mit etwas Höherem als sich selbst verbunden. Nennen sie es meinetwegen Gott. Künstler stellen eine Verbindung zwischen zwei Dimensionen dar, einer menschlichen und einer anderen. Wenn ich an der großen Orgel spiele, habe ich mich oft gefragt, ob tatsächlich ich es bin, der die Musik macht. Es muss da noch etwas geben, noch etwas Anderes."[1]

Inzwischen habe ich in Notre Dame ganz vorne vor dem Altar Platz genommen. Es war nicht so geplant, aber ich befinde mich im Gottdienst. Es ist der 08. September und in Notre Dame wird die Geburt Mariens gefeiert. Der junge Priester steht vor der berühmten Marienfigur und erzählt von Stationen aus dem Leben von Maria, der Mutter Jesu. Die Begegnung mit dem Engel, die Geburt Jesu in Bethlehem, der zwölfjährige Jesus im Tempel, Kreuzigung und Auferstehung. Und am Ende, als Fazit, gibt er uns mit, was wir von Maria und ihrem Leben lernen können. Kurz und knapp sagt er:

"N´oubliez pas la joie!  N´oubliez pas la joie de vivre." – "Vergesst nicht die Freude! Vergesst nicht die Freude am Leben!"

Im ersten Moment halte ich dies Aussage für etwas schlicht. Das Leben der Maria war ja nun bei weitem auch nicht einfach: Schwanger ohne Ehemann, Flucht nach Ägypten, Angst um den Sohn und am Ende verwaiste Mutter. Und was will diese Aufforderung uns heute sagen?

In Paris bereiten sich die Menschen auf einen großen Generalstreik vor, Überschuldung und rigorose Sparmaßnahmen bewegen die Menschen, ebenso der Krieg in der Urkaine und in Gaza, die Spaltung der Gesellschaft und das Erstarken von Radikalismen.

Und dann dieser Satz: "Vergesst nicht die Freude am Leben!" Was soll ich sagen? Obwohl ich ihn im ersten Moment nicht wirklich annehmen konnte, seit dem Besuch in Notre Dame hat er sich in meinem Kopf festgesetzt. Wie ein trotziger Gedanke, wie ein Mantra aus einer anderen Welt. Immer wieder in den Tagen danach ertappe ich mich, wie ich ihn mir selbst sage und dann lächeln muss. Und dann denke ich an Maria und ihre Widerstandskraft, und daran, dass die Freude zweifellos ein Motor ist, barmherzig und hoffnungsvoll zu bleiben - auch in unseren Zeiten.

Lust aufs Leben haben, die Freude nicht vergessen. Das wünsche ich mir, wenn Menschen aus einer Kirche hinausgehen. Es muss nicht Notre Dame in Paris sein. Ein Rendezvous mit Gott, das ermutigt und Lust aufs Leben macht, das kann einem überall passieren.


[1] Agnès Poirier, Notre Dame, Die Seele Frankreichs, Insel Verlag Berlin 2022, S. 210