11.04.2020
Aus der Himmelfahrtskirche München

Die Predigt zur Osternacht 2020 von Heinrich Bedford-Strohm

Die Botschaft breitet sich aus in alle Welt, zieht in die Herzen der Menschen und gibt ihnen bis heute tiefe Gewissheit: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Leben siegt. Über alle Distanzen hinweg feiern wir heute Ostern, stimmen ein in den Ruf der Frauen: Der Herr ist auferstanden!
Auferstehung Jesu
Auferstehung, Fresko von Giovanni Canavesio (1492)

Liebe Gemeinde,

Die Lichter brennen! Keine Gottesdienstabsage, keine Kontaktbeschränkung, kein Katastrophenfall konnte es verhindern: die Lichter brennen! Es ist Ostern! Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Wir feiern Ostern, wie es die Menschheit vor uns noch nie erlebt hat! Ein Ostern, an dem wir uns den österlichen Freudenruf aus dem Abstand zurufen müssen.

Ein Ostern, an dem die körperliche Nähe, die herzliche Umarmung, das Zusammenkommen mit vielen anderen nicht das Leben fördert, sondern es bedroht!

Trotzdem: die Lichter brennen! Und sie brennen umso heller, als um sie herum Dunkelheit ist. So viele Bilder der letzten Tage und Wochen sind Passionsbilder, Bilder vom Leiden. Sie sind mir sehr zu Herzen gegangen und haben viele erschüttert: Bilder von Menschen in Deutschland, die mit Tränen in den Augen das kleine Geschäft, das sie in vielen Jahren aufgebaut haben, in den Bankrott gehen sehen.

Das Bild eines Politikers, der unter der Last der Verantwortung keine Kraft mehr zum Weiterleben hatte. Bilder von überfüllten Intensivstationen aus Spanien, auf denen die Ärzte um das Leben ihrer schwerkranken Corona-Patienten kämpfen.

Bilder von Militärlastern in Italien, die Särge abtransportieren und von Gabelstaplern, die in New York die Toten in Kühllaster heben.

Es sind so viele Passionsbilder, die wir gesehen haben und die uns haben erschrecken lassen. Aber die Lichter brennen! Und sie geben in diese Passion hinein Zeugnis von Gottes Leidenschaft für das Leben. Zeugnis von Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod. Zeugnis von Gottes Zukunft, in der kein Leid, kein Geschrei und kein Schmerz mehr sein wird, in der alle Tränen abgewischt sind.

Die Osterkerzen erzählen, von dem ganz großen Licht, das die Frauen sehen im Dunkel der Nacht. Ein Engel begegnet ihnen und sagt: "Er ist auferstanden von den Toten!" Und sie gehen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude. Und dann begegnet ihnen Jesus und spricht: "Fürchtet euch nicht!"

Was ist da passiert? Wenn wir es erklären wollen, kommen wir ins Stammeln und ins Staunen. Was für eine Kraft, was für eine Macht!

Die Botschaft breitet sich aus in alle Welt, zieht in die Herzen der Menschen und gibt ihnen bis heute tiefe Gewissheit: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das Leben siegt. Über alle Distanzen hinweg feiern wir heute Ostern, stimmen ein in den Ruf der Frauen: Der Herr ist auferstanden!

Es muss etwas Unglaubliches passiert sein damals in Jerusalem. Etwas, was alles bisher Erfahrene durchbrochen hat. Wir wissen nicht, was hinter dem Grabstein damals genau passiert ist. Aber wir wissen, dass die Überwindung des Todes, von der der Engel den Frauen berichtet, eine ungeheure Kraft, eine ungeheure Macht hatte. So dass die Botschaft sich ausbreitete in alle Welt, in die Herzen der Menschen einzog und wir heute über alle Distanzen hinweg gemeinsam Gottesdienst feiern und in den Ruf der Frauen einstimmen können: Der Herr ist auferstanden!

Christus ist auferstanden vor knapp 2000 Jahren in Jerusalem. Aber er ist in die ganze Welt hinein auferstanden, so dass er jetzt hier ist, und überall da, wo Sie jetzt diesen Gottesdienst mitfeiern. Durch ihn spüre ich an diesem Ostermorgen die Gemeinschaft mit Ihnen allen. Sein Geist der Liebe ist stärker als alle Distanz, die wir jetzt – um der Liebe willen! - körperlich einhalten müssen.

Wir sind an diesem Morgen eine große österliche Gemeinschaft (von Schwestern und Brüdern in Christus.) Wir sind verbunden miteinander in einer  tiefen Gewissheit, einer tastenden Hoffnung oder einer  stillen Ahnung – verbunden in dem Glauben, dass auf all die Bilder der Passion, die wir im Herzen haben, ein großes Licht fällt. Ein Licht das den Blick auf die Zukunft öffnet - auf eine Zukunft, die von dem Licht durchstrahlt wird, das jetzt noch von so viel Dunkelheit umgeben ist.

Ja, es ist Nacht, aber die Lichter brennen!

Nur zu zweit oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes dürfen wir momentan unterwegs sein.

Ich muss an die beiden Freunde Jesu denken, die sich nach der Kreuzigung und den verstörenden Nachrichten vom leeren Grab aus dem Staub gemacht, Jerusalem verlassen haben und Richtung Emmaus gegangen sind. So wie wir das heute tun müssen, sind sie nur zu zweit gegangen. Wie um sich auf wandernde Quarantäne zu begeben, haben sie nach dem Tod Jesu den traurigen Ort, an dem so Schreckliches passiert war, verlassen. Ihr bisheriges Leben gibt es so nicht mehr, ihre Hoffnung, ihre ganze Existenz ist zu Grabe getragen worden. Wie das Leben jetzt aussieht, nach der Katastrophe, das ist für sie völlig ungewiss. Ob das alte Leben irgendwie wiederkommt? Sie wissen es nicht.

Da taucht plötzlich ein Dritter auf, der die Regel der Kontaktsperre scheinbar nicht kennt, der Fragen stellt und zuhört, bevor er redet. Wer ist der? Sie kennen ihn erstmal nicht. Aber: sie spüren etwas. Sie spüren: Gott ist an ihrer Seite, in ihm. In seiner Gegenwart – brennt ihr Herz, sagen sie. Es ist – der auferstandene Jesus. Der, der ans Kreuz geschlagen wurde, in die endgültige Kontaktsperre des  Todes.

Doch da ist er nicht geblieben: Ostern – die Auferstehung aus der endgültigen Kontaktlosigkeit hinein in ein Leben, das selbst in der größten Einsamkeit nicht verlassen ist.

Und er nimmt uns mit in dieses neue Leben – das ist der österliche Trost, der in den Lichtern hier in der Kirche und vielleicht ja auch bei Ihnen zu Hause leuchtet. Das Osterlicht erinnert uns an die Liebe Gottes, die stärker ist als alle Kontaktbeschränkungen zwischen Menschen. Sie verbindet uns alle, so dass wir jetzt diese Gemeinschaft spüren können, mit Ihnen zuhause auch über das Fernsehen. Und sie findet Ausdruck in so vielen Zeichen der Liebe, die wir einander jetzt geben.

Wir erfahren darin, wie der Dritte, mit dem die zwei Jünger nach Emmaus gegangen sind, heute unter uns ist und aus Bösem Gutes werden lässt und Menschen inspiriert: Da zünden Menschen Lichter an. Nachbarn helfen einander beim Einkaufen. Konzertgäste fordern das Geld für das ausgefallene Konzert nicht zurück. Die Online-Corona-Gebetsgruppe dankt Gott für die Kassiererin im Supermarkt und die Krankenschwester im Krankenhaus.

Ein digital verbundenes Orchester aus Musikern vieler Nationen und Hautfarben in aller Welt, spielt gemeinsam "O Haupt voll Blut und Wunden" und lässt damit in dem Passionslied das Licht einer versöhnten Welt aufscheinen. Und der Konditormeister zeigt mit einer neuen Geschäftsidee Humor: Marmorkuchen in weißer Glasur in Form von Klopapier - und angesichts der ungeheuren Nachfrage sagt er: "Eigentlich backen wir den ganzen Tag jetzt nur noch Klopapier".

Ja, es ist Nacht. Aber die Lichter brennen! Und niemand kann sie mehr auslöschen.

Die Hoffnung kommt zurück. Wir gehen zu auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der alle Tränen abgewischt sind. Die Lebensgeister zeigen sich überall. Und noch nicht einmal der Tod kann sie aufhalten. Denn der Tod ist besiegt. Das Leben endet nicht an den irdischen Grenzen. Das Leben wird durchstrahlt vom Licht der Liebe Gottes, von dem uns nichts mehr trennen kann.

So lasst uns in dieser Osternacht umso lauter, und trotzig und frech, und mit großer Zuversicht das Leben begrüßen und aus ganzem Herzen rufen: Christus ist auferstanden! Halleluja!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

AMEN

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"Das Osterevangelium dringt eher leise an unser Ohr, es klopft zart an unsere Herzen an und entfaltet sich ganz behutsam. Es lässt uns Zeit "mitzukommen" – es lässt mir die Zeit, die ich brauche. Ostern wird es nicht schlagartig – Ostern geschieht in vielen kleinen Bewegungen, in behutsamen Veränderungen zum Neuen." Predigt von Pfarrer Jochen Wilde von der Kreuzkirche in München.