18.11.2019
Personen der Bibel

Heinrich Bedford-Strohm über den Propheten Nathan in der Bibel

Nathan wirkt als Prophet am Hofe König Davids in Jerusalem. Er entlarvt auf atemberaubende Weise den Machtmissbrauch des Königs. Er zeigt aber auch die Chance zum Neuanfang.
Hesselberg 2018 Landesbischof Bedford-Strohm

Der Prophet Nathan gehört für mich zu den faszinierendsten Gestalten der Bibel. Was mich an ihm besonders beeindruckt, ist seine Unerschrockenheit gegenüber den Mächtigen. Eine Unerschrockenheit, die nichts von der moralistischen Besserwisserei oder der klerikalen Bevormundung hat, die den Kirchen heute - nicht immer ganz zu Unrecht - manchmal vorgehalten werden. Sondern eine Unerschrockenheit, die gleichzeitig in einer tiefen Verbundenheit wurzelt. Nathan ist ein "verbundener Kritiker" ("connected critic") - wie der amerikanische Philosoph Michael Walzer die alttestamentlichen Propheten genannt hat.

Nathan - "der Geschenkte"

Wir wissen nicht sehr viel über Nathan. Sein Name kann als "der Geschenkte" übersetzt werden. Nathan war ein Prophet zur Zeit des Königs David, von dem es vielleicht längere (nicht mehr erhaltene) Berichte gegeben hat (1. Chronik 29, 29). Von ihm sind einige wirkungsreiche Auftritte bekannt. Als sich David mit dem Gedanken trug, ein Heiligtum in Jerusalem zu bauen, wandte sich Nathan dagegen, sagte David aber eine Dynastie ("Haus" im übertragenen Sinn) zu (2. Samuel 7, 5.11-16).

Unerschrocken wandte sich Nathan auch gegen das Vergehen Davids an seinem treuen General Uria, den der König in den Tod geschickt hatte, um dessen Frau Batseba heiraten zu können (2. Samuel 11, 1-27). Und das kam so: Es war Abend geworden und der König David ging auf der Terrasse seines Penthauses auf und ab und blickte herab auf die Häuser. Einer jener warmen Abende, an denen die Stadt pulsierte und die Leute auf den Dachgärten ringsherum das Leben genossen. Als er die Frau sah, spürte er ein Begehren, das ihn nicht mehr losließ. Sie war so schön anzusehen, als sie da auf dem Dach ihres Hauses badete und sich wusch, dass er nur noch eines wollte: sie haben.

Batseba und König David     

Er war gewohnt zu bekommen, was er begehrte. Also ließ er die Frau holen. Eine verheiratete Frau. Ihr Name war Batseba. Und der König nahm sich, wonach es ihm war. Sie wird schwanger. David will seine Tat vertuschen. Er holt Uria von der Front zurück nach Hause, damit er bei seiner Frau übernachten solle und es so aussehen würde, als ob Batseba von ihrem Ehemann schwanger wäre. Doch Uria hebelt den ausgeklügelten Plan des Königs aus. Er will enthaltsam sein und nicht bei seiner Frau liegen - aus Solidarität zu seinen Kameraden an der Front. Also schickt David seinen treuen General Uria als Kanonenfutter wieder zurück an die Front und befiehlt, ihn an einer Stelle zu platzieren, wo er umkommen würde. Alles verläuft nach Davids Plan. Uria stirbt im Kampf. Und nach Ablauf der Trauerzeit muss Batseba den König heiraten.

Die Geschichte Nathans

Und jetzt tritt der Prophet Nathan auf die Bühne. Gerade hat der König gezeigt, dass er über Leichen geht. Und nun deckt der Prophet das moralisch skandalöse Verhalten dieses mächtigen Mannes in einer Schonungslosigkeit auf, die auch einem heutigen Leser den Atem verschlägt. Und zwar mit einem raffinierten Mittel.

Er erzählt einfach eine Geschichte. Die Geschichte handelt von einem reichen und einem armen Mann. Der reiche Mann hat viele Schafe und der arme Mann hat nur ein einziges Schaf und - so heißt es - "er hielt es wie eine Tochter". Aber dann kommt ein Gast zum reichen Mann. Der reiche Mann will keines seiner Schafe schlachten, er geht darum zu dem armen Mann, nimmt dessen Schaf, schlachtet es und bereitet es seinem Gast zu.

Das ist die Geschichte, die der Prophet Nathan dem König David erzählt. Und nun wird es spannend. Wie reagiert der König? David wird schlicht und einfach zornig. Sehr zornig. Er ruft aus: "Dieser Mann, der das getan hat, ist ein Kind des Todes!" Und dann kommt ein Satz aus dem Munde des Propheten Nathan, der einschlägt wie eine Bombe: "Du bist der Mann."

König David ändert sein Leben

Man hält den Atem an. Man erwartet den Befehl des Königs zur Festnahme des Propheten. Oder irgendwelche Ausflüchte, irgendwelche Rechtfertigungen. Nichts davon geschieht. Sondern es passiert etwas Erstaunliches: David, der große, mächtige Herrscher über ganz Israel, versteht. Und er zieht Konsequenzen: Er geht in Sack und Asche, heißt es, und ändert sein Leben (2. Samuel 12, 1-15).

Es ist fast unglaublich, dass Nathan es wagt, dem König diese Geschichte zu erzählen, und dass David sie versteht. Für mich ist die Geschichte eine Hoffnungsgeschichte. Sie kann dazu inspirieren, in der Politik, wo mächtige Menschen Entscheidungen treffen, auf solche Stimmen zu hören, die zwar harte Wahrheiten zum Ausdruck bringen, aber eben der Gerechtigkeit verpflichtet sind. Und Gerechtigkeit erhöht ein Volk und ganz besonders die, die in ihm Verantwortung tragen.

Wir müssen zuerst auf uns selbst schauen

Aber nicht nur für die Mächtigen gibt uns Nathan etwas mit auf den Weg. Die Geschichte ist für uns alle eine ungeheuer entlarvende Geschichte. Das Beunruhigendste und Faszinierendste ist jedenfalls für mich die ehrliche moralische Empörung des Königs. Er merkt zunächst ja gar nicht, dass von ihm selbst die Rede ist. Er regt sich ganz fürchterlich auf über das Unrecht, von dem die Geschichte erzählt. Und merkt nicht, wie er selbst darin verstrickt ist. Die Geschichte lehrt uns, bei aller moralischen Empörung über andere, zuallererst immer auf uns selbst zu schauen. Für einen Bischof, zu dessen Stellenbeschreibung es gehört, auf moralische Fehlentwicklungen hinzuweisen, ist das vielleicht eine besonders wichtige Einsicht, die Demut lehrt.

Und noch etwas anderes ist bemerkenswert: die Wirkung, die Nathan erzeugt. Der mächtige König tut Buße. David ist der Autor, dem Psalm 51 zugeschrieben wird. Dass wir so konkret etwas über die Lebensumstände erfahren, aus denen ein Psalm stammt, ist äußerst selten in der Bibel. Und dass Worte, die wir so hochhalten wie Psalm 51, von einer solch fragwürdigen Gestalt stammen, haben wir auch selten.

König David darf neu anfangen

"Ein Psalm Davids", heißt es am Anfang, "vorzusingen, als der Prophet Nathan zu ihm kam, nachdem er zu Batseba eingegangen war." "Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte", betet David, "und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde, denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus."

David darf neu anfangen. Das mit Batseba in jenem Willkürakt gezeugte Kind stirbt. Aber Batseba gebärt erneut einen Sohn. Die beiden nennen ihn "Salomo". Und er steht unter dem Schutz des Propheten Nathan. Im 2. Samuelbuch heißt es: "er tat ihn unter die Hand des Propheten Nathan; der nannte ihn Jedidja um des HERRN willen, das heißt "Geliebter des Herrn" (1. Samuel 12, 25).

Machtmissbrauch entlarven, dem Unrecht mutig entgegentreten und bei Buße und Reue die Chance zum Neuanfang eröffnen - darum ging es dem Propheten Nathan. So einen wie Nathan können wir auch heute gut gebrauchen.

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