Gottes Nähe am Strand erleben: Sehnsucht nach Ruhe und Sinn
Endlich am Strand. Nach Wochen von viel zu viel Arbeit und Stress – nach dem gefühlt viel zu langem Winter, mit viel zu kalten, viel zu kurzen Tagen. Der Himmel blau, die Sonne strahlt; eine milde Briese bläst mir ins Gesicht, riecht nach Salz und Fisch. Ich vergrabe die Füße im Sand Ich schließe die Augen, halte das Gesicht in die Sonne und höre der Brandung zu, wallendes Rauschen.
Mit jeder Welle an Rauschen fällt etwas Spannung, von mir ab.
Mit jeder Welle rückt der Alltag, mit seinen tausend ToDos in weiter in die Ferne.
Mit jeder Welle atme ich tiefer.
Mit jeder Welle entspanne ich, werde ruhiger.
Für mich hat das auch etwas Religiöses. Zur Ruhekommen hat für mich mit Gott zu tun –Gottes Nähe, Gottes Güte und Gottes Geborgenheit zu spüren. Vielleicht auch im entspannenden Meeresrauschen. Aber woher können wir wissen, dass es Gott ist, der da nahekommt – dass ich mir das nicht einbilde oder einrede?
Heute ist Palmsonntag. Der Kirchenkalender für diesen Sonntag erinnert dran, wie Jesus, wie der Sohn Gottes in Jerusalem einzieht und bejubelt wird von Menschen, die ihre Hoffnung setzen auf ihn. Palmblätter zum Winken in der Hand, ihre Kleider legen sie auf den Boden, damit er nicht auf staubige Erde treten muss. Auch eine Geschichte von Gottes Kommen. Und von Menschen, die ihn willkommen heißen.
Ich sehne mich nach Gottes Nähe in meinem Leben und in dieser Welt. Wie spüre ich, wie merke ich, dass Gott da ist, uns näherkommt?
Gottes Nähe in der Bibel erfahren: Trost, der trägt
"Meeresrauschen" ist da vermutlich nicht die naheliegendste Antwort für einen evangelischen Pfarrer wie mich. Die evangelische Antwort wäre eher: biblische Texte und Predigt, nicht Naturphänomene wie Meeresrauschen oder Vogelzwitschern. Und tatsächlich gibt es viele Bibeltexte, bei denen ich Erfahrungen gemacht haben, von denen ich glaube: Da habe ich Gottes Nähe gespürt.
Den 23. Psalm habe ich irgendwann im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt, weil man halt einen Psalm auswendig lernen musste und der 23. nun nicht gerade der längste war. Mit den Worten konnte ich nicht viel anfangen, so altertümlich, die Bilder so fern. Doch in der Seelsorge habe ich erlebt, welche beruhigende, stärkende Kraft durch diese alten Worte fließen kann. Da hat man lange am Krankenbett über die schreckliche Diagnose oder die bevorstehende OP gesprochen, geredet, geweint, gerungen, Ratlosigkeit geteilt. Gegen Ende schlage ich ein gemeinsames Gebet vor und spreche darin auch den Psalm, die Person im Krankenbett stimmt flüsternd ein:
"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wandelt im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich."
Ruhe macht sich breit, Durchatmen. Es ist nicht alles gut, aber es ist, als wäre eine gute Macht im Raum, die Geborgenheit ausstrahlt – und die Frische einer grünen Wiese. So kommt Gott nahe.
Wenn Bibeltexte herausfordern: Glaube zwischen Zweifel und Anspruch
Oder kann es auch sein, dass Gott gerade aus den Bibeltexten spricht, die mich nicht bestärken, die nicht bruchlos zu meinem Lebenswandel passen und die mich herausfordern?
Zum Beispiel die Geschichte vom reichen Mann im Neuen Testament. Immer wieder stolpere ich über diese Geschichte. Der "Obere" oder reiche Mann fragt Jesus, was er tun muss für das ewige Leben. Alle Gebote halte er schon. Und dann sagt Jesus diesem reichen Mann im Gespräch:
"Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!" (Lk 18, 22)
Ich kenne viele Auslegungen zu diesem Text. Und viele relativieren genau diese Forderung: Das gelte nicht für alle, sondern nur für besonders berufene – Bettelmönche würde so ein Leben führen, herausgehobene Heilige. Oder es gehe gar nicht um materiellen Reichtum, sondern um eingefahrene Handlungsmuster und Emotionen. Oder es zeige nur, dass am Ende keiner Jesu Forderung erfülle. Alles mehr oder weniger schlaue Strategien, sich diese Forderung, diese Herausforderung vom Leib zu halten.
Doch lässt man das alles beiseite, bleibt die Frage: Was wäre, wenn ich an der Stelle des reichen Mannes in der Geschichte wäre? Könnte ich das, alles verkaufen, Hausstand und lieb gewordene Dinge, mein Fahrrad, meine Bücher, meinen Schreibtisch aus Studienzeiten, den Versicherungsschutz aufgeben und alles Geld spenden? Und dann?
Gott kommt vielleicht gerade in diesen verstörenden Fragen nahe. Was zählt? Worauf traue ich und worauf hoffe ich wirklich?
Gemeinschaft stärkt: Gottes Nähe in Andacht und Gebet erleben
Oder damals bei dieser Andacht in den Hügeln Ruandas: Wir waren gerade mit Studierenden bei einer Konferenz am Kivu-See; grün bewachsene Hügel, weiter See, mit Inseln -- in unwirklich idyllischer Natur ging es um das Thema "Überwindung von Gewalt", 25 Jahre nach dem schrecklichen Völkermord in Ruanda. Vorträge, intensive Diskussionen, viele Fragen, manche Antworten.
Neben diesen großen Themen bewegten viele von uns sicher auch die vergleichsweise kleinen, luxuriösen Sorgen: Prüfungsängste, Liebeskummer, Zukunftsgedanken.
Abends feiern wir Taizé-Andacht. Im großen Konferenzraum sitzen alle auf dem Boden. Und dann singen wir dieses eine Lied, immer und immer wieder, mal auf Französisch: "Dans nos obscurités, Allume le feu que ne s’éteint jamais, que ne s’ éteint jamais" dann auf englisch "Within Our Darkest Night, you kindl the fire that never dies away". Auf deutsch: "Im Dunkel unsrer Nacht, entzünde das Feuer, das nie mehr erlischt."
Und im Dunkel dieser Nacht klang es so, als wäre etwas von dem Licht schon da, von dem wärmenden Licht dessen, der es unendlich gut mit uns meint.
Von Gott begabt und beauftragt. In der Bibel, im Jesajabuch, sind vier Texte überliefert, die von einem Auserwählten Gottes, einem von Gott Begabten und Beauftragten erzählen. Bibelausleger haben diese Texte "Gottesknechtslieder" genannt; und Christen haben in ihnen Jesus Christus wiedererkannt und die Lieder auf ihn bezogen. Erstmal aber erzählen sie von einem, der von Gott auserwählt und beauftragt ist – einem Menschen also, in dem Gott anderen Menschen nahekommt.
Der Gottesknecht als Vorbild: Was die Welt wirklich rettet
Das dritte "Gottesknechtslied" sagt, womit er begabt ist. – und damit: Woran er zu erkennen ist:
Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften.
Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten?
Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen. (Jes 50, 4–9)
Was rettet die Welt? Dieses Lied kennt eine Antwort: Ein Mensch, ein liebevoller, gütiger, sanftmütiger Mensch. Für manche aber ist das eine Provokation. Zu viel des Guten! Der ist doch ein Schwächling. Die schönste Einladung zum Draufhauen und Dreinschlagen! Wie die Geschichte von Jesus in Jerusalem. Sie endet erst mal in der Katastrophe. Der Retter endet am Kreuz.
Das ist das Gute an biblischen Texten. Sie helfen uns, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Zu begreifen, was los ist auf der Welt. Immer wieder und immer wieder. Den Dingen ins Auge zu schauen, die eigentlich zum Davonlaufen sind. Und doch da zu bleiben. Bei Gott zu bleiben. Und diesen göttlichen Menschen in uns selbst nicht zu verraten.
Mit den Müden sprechen: Warum Mitgefühl heute entscheidend ist
Gottes Auserwählter weiß mit den Müden zur rechten Zeit zu sprechen. In den Nachrichten höre ich, dass mehr gearbeitet werden muss, dass es mehr Leistung braucht oder dass grundsätzliche Reformen nötig sind. Und Reformen bedeuten immer: Arbeit, Anstrengung, Umstellung, Trauerarbeit.
Viel weniger höre ich über die Müdigkeit, in der Gesellschaft und – ja auch: in der Kirche. Viele sind zu müde, etwas grundsätzlich zu verändern und sich auf einen notwendigen Wandel einzulassen. Viele sind zu müde, um noch eine weitere ehrenamtliche Aufgabe zu übernehmen, weil sich einfach niemand mehr findet. Zu müde, die Arbeit für noch einen weiteren Kollegen mit zu erledigen. Das auch noch zu machen, zu bedenken, zu organisieren. Wie gut es da tut, wenn da einer sagt: "Es ist genug für heute. Du hast genug getan. Ich kümmere mich um den Rest. Du legst jetzt die Beine hoch und kümmerst dich um dich."
Oder, wenn eine sagt: "Es liegt nicht an dir, dass du deine Arbeit nicht schaffst, dass du permanent das Gefühl hast, einen Berg zu besteigen, der immer höher wird. Die Struktur, dein Arbeitgeber, der Verein bürden dir einfach zu viel auf. Das kann keiner schaffen. Es liegt nicht an dir: du bist gut, so wie du bist."
Gottes Auserwählter weiß, mit den Müden zur rechten Zeit zu sprechen.
Zuhören statt Erklären: Die unterschätzte Kraft offener Ohren
Und er kann zuhören. Wenn mich jemand etwas fragt, habe ich den Impuls, eine möglichst gute und überzeugende Antwort zu geben, eine plausible Erklärung anzubieten, eine Lösung zu finden: Was soll ich jetzt tun? Warum greifen mächtige Staaten grundlos kleinere an? Warum wählen Menschen eine Partei, auch wenn das gegen ihre eigenen Interessen geht? Wie kann es mit unserer Demokratie, wie kann es mit der evangelischen Kirche weitergehen? Und schon rattert das Hirn los auf der Suche nach Antworten – und dann wird geredet und geredet.
An Antworten, Erklärungen und Lösungen ist auch erstmal nichts schlecht. Es geht sicher vielen so, dass sie Erklärungen finden wollen – und manche brauchen noch nicht einmal eine Frage, um Antwort zu geben und die Welt zu erklären. Für den Extremfall davon gibt es ein eigenes Wort: "mansplaining". Männer, die die Welt erklären, obwohl keiner gefragt hat, obwohl die Antwort eigentlich klar ist.
Was in all dem aber manchmal untergeht, ist dies: das Zuhören. Ohren öffnen, Herz öffnen, hinhören. Was wird eigentlich gefragt und warum? Welche Stimmung klingt raus, was bewegt die andere, den anderen, was ist nötig. Am Anfang steht nicht Reden und Erklärung. Am Anfang steht: Hören, Zuhören, Hinhören.
Hören können. Gerade das sei eine Gabe des Gottesknechts, so der Jesaja-Text. Da ist viel mehr vom Hören und von offenen Ohren die Rede als vom Reden: "Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet." Erst wird das verschlossene Ohr geöffnet… dann kann ich genau hinhören.
Hinhören lernen: Wie Glaube im Alltag wächst
Gottes Schritte durch diese Welt zu vernehmen, die Melodie von Gottes Stimme zu hören – ich glaube, das ist – nicht nur – aber auch: eine Frage des Hinhörens, der offenen Ohren. Gott klingt aus dieser Welt, aus biblischen Texten und menschlichen Stimmen. Ich bin nur immer wieder zu beschäftigt, um hinzuhören. Deshalb verstehe ich viele christliche Praktiken als Schulen des Hinhörens.
- Zum Beispiel der klassische, vielleicht etwas altmodische Bibelkreis. Man sitzt zusammen, vielleicht bei Tee und Keksen, liest einen biblischen Text, hört von historischen Hintergründen und diskutiert, was das heute bedeuten könnte. Das ist der gemeinschaftliche Versuch hinzuhören, was Gott in diesem biblischen Text heute sagt. Eine gemeinschaftliche Übung im Hinhören.
- Oder das Gebet. Ich erzähle Gott im Stillen, wofür ich dankbar bin, klage über das, was mich belastet, lege Gott die Menschen ans Herz, die mir am Herzen liegen – und manchmal auch die, die mir gerade nicht am Herzen liegen. Ich bitte, und stelle offen Fragen. Und manchmal werde ich bei diesem Danken, Bitten, Fragen, Klagen, immer stiller, immer ruhiger, immer hörender.
- Auch der sonntägliche Gottesdienst. Ich gehe nicht jeden Sonntag in die Kirche – manchmal sind Bett und Frühstücken in Ruhe mit frischem Kaffee einfach zu verführerisch. Und ich habe mich auch schon über manchen Gottesdienst und manch eine Predigt geärgert. Aber ich habe den Gottesdienst auch als einen wichtigen Ort erlebt. Ich komme aus meinem Alltag heraus in einen Raum, der so ganz anders aussieht als meine Wohnung, das Büro oder der Supermarkt: altehrwürdige oder modern-würdige Mauern, bunte Fenster. Ich setze mich in die Reihen, genieße die Kühle. Orgelmusik – die hat für mich immer etwas Fremdes und doch mittlerweile etwas kirchlich Vertrautes. Biblische Texte und Gedanken, Lieder. Das alles erinnert mich daran, dass es im Leben mehr gibt als Arbeiten, Einkaufen und Frühstücken. Es erinnert mich daran, dass es in dieser Welt, in meinem Alltag, Gottes Spuren zu entdecken gilt. Dass Gottes Melodie hier und da durch dieses Leben klingt.
Hinhören lernen. Aufmerksam werden dafür. Für Gott und füreinander. Ich glaube, auch darum geht es in den Ritualen und Praktiken des Christentums. Und Gott bitten, mir nahe zu sein. Abide with me, Bleib bei mir, heißt der englische Choral.
Im Leiden zeigt sich Stärke: Ein anderes Bild vom Retter
Was rettet die Welt? Im Kino erzählen die Hollywood-Blockbuster von der Apokalypse oder Postapokalypse. Ein Komet rast auf die Erde zu, eine Seuche breitet sich aus, Aliens sind im Anmarsch oder postapokalyptisch: Die Welt, wie wir sie kennen, ist schon zerstört, ein kleiner Rest hat überlebt, lebt eine schreckliche Dystopie. Dann taucht meist eine Heldenfigur auf, meist ein Mann, muskelbepackt, cool, bewaffnet – und dann wird mit viel Geballer und in Cowboy-Manier, einsam und heldenhaft die Welt gerettet.
Die biblischen Geschichten erzählen von einer anderen Retterfigur, in der Gott uns näherkommt: Einer der sanft ist. Der Leiden auf sich nimmt. Der es zulässt, dass sich die Welt an ihm austobt.[1]
"Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften."
Kein Rächender, ein Leidender ist es, in dem Gott hier nahekommt. In einem anderen Gottesknechtslied heißt es:
"Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus." (Jes 42,2-3)
Gerade die Zerbrechlichen, Müden, Angeschlagenen behandelt er sanft. Stampft nicht über sie hinweg. Da heißt es nicht: "Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne." Sondern da ist jeder Holzsplitter wichtig. Wo die Stillen und Zerbrechlichen nicht vergessen und egal sind, da ist Gott nahe.
Wo jemand mit den Müden spricht. Wo Ohren offen werden zu hören.
Wo gerade das Schwache und Zerbrechliche zählt. Da sind wir nahe bei Gott, nahe bei uns und beieinander.
[1] Dietrich Bonhoeffer