Jedes Jahr im Februar begehen viele Alevit:innen die Hızır-Fastentage. Das dreitägige Fasten ist dem Heiligen Hızır gewidmet – einer zentralen Gestalt des alevitischen Glaubens, die für Hilfe in Not, Schutz und göttlichen Beistand steht. Die Fastenzeit verbindet religiöse Praxis, familiäre Rituale und eine sehr persönliche Form der Spiritualität.
Wer ist Hızır?
Hızır (auch Xızır, Khidr oder Khizer) gilt im Alevitentum als unsterblicher Heiliger und Schutzpatron. Nach der Überlieferung hat er gemeinsam mit seinem Bruder İlyas vom "Wasser der Unsterblichkeit" getrunken. Seither helfen beide Menschen, die in Not geraten sind oder aufrichtig um Beistand bitten.
Viele Alevit:innen glauben, dass Hızır Menschen in schwierigen Lebenssituationen beisteht – manchmal unerkannt, in menschlicher Gestalt. Er kann demnach im Alltag begegnen, um Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit zu prüfen oder um konkret Hilfe zu bringen. Der Ausruf "Eile herbei, Hızır!" ist bis heute ein Ausdruck dieser Hoffnung auf göttliche Unterstützung.
In Volksdarstellungen erscheint Hızır oft als weißbärtiger Mann auf einem Schimmel, mancherorts wird er auch "Bozatlı Hızır" (Hızır mit dem grauen Pferd) genannt wird.
Wann und wie wird gefastet?
Die Hızır-Fastentage liegen meist in der zweiten Februarwoche. 2026 beginnen sie am 10. Februar. Gefastet wird an drei aufeinanderfolgenden Tagen, traditionell von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. In dieser Zeit verzichten die Fastenden auf Essen und Trinken.
Im Unterschied zum strengeren Muharrem-Fasten sind während der Hızır-Tage tierische Produkte erlaubt. Das Fasten wird abends gemeinsam gebrochen – in der Familie oder in der Gemeinde. Diese gemeinsamen Mahlzeiten sind ein wichtiger sozialer Bestandteil der Fastenzeit.
Das Fasten ist dabei keine Pflicht im Sinne eines äußeren Gebots, sondern wird von vielen als freiwilliger, innerer Entschluss verstanden. Im Zentrum steht die persönliche Beziehung zu Gott, Selbstreflexion und Dankbarkeit: Wo sind meine Grenzen? Bin ich dankbar für das, was ich habe? Handle ich verantwortungsvoll gegenüber Mensch und Natur?
Niyaz und Kavut: Wünsche in der Hızır-Nacht
Eine besondere Rolle spielen Speisen, die mit Hoffnung und Segen verbunden sind.
Am letzten Abend der Fastentage wird ein besonderes Brot gebacken, das Niyaz genannt wird. Außerdem bereiten viele Familien Kavut zu – eine Speise aus Weizen. Der Kavut bleibt über Nacht stehen.
Vor dem Schlafengehen darf sich jedes Familienmitglied etwas wünschen. Der Glaube besagt: Wenn Hızır in der Nacht von der Speise kostet oder seinen Segen hinterlässt, kann der Wunsch in Erfüllung gehen. Die Wünsche drehen sich oft um Gesundheit, Schutz, Fruchtbarkeit, eine gute Ernte oder allgemein um Glück und Wohlergehen.
Abschluss im Cem
Der letzte Fastentag mündet häufig in eine Cem-Zeremonie, dem zentralen Gottesdienst im Alevitentum. Die vorbereiteten Speisen werden zu einer Gedenkstätte oder in ein Cem-Haus gebracht und dort mit anderen geteilt. Das gemeinsame Essen steht für Gemeinschaft, Gleichheit und Dankbarkeit.
Einige Gemeinden führen eigens einen Hızır-Cem durch, bei dem der Glaube an Hızırs Beistand im Mittelpunkt steht.
Bedeutung heute in Deutschland
Auch in der Diaspora, etwa in Deutschland, haben die Hızır-Fastentage einen festen Platz. Alevitische Gemeinden bereiten sich darauf vor, indem sie ihre Versammlungsräume reinigen – aus der Vorstellung heraus, dass Hızır saubere und achtsame Orte aufsucht.
Mit rund 700.000 Alevit:innen zählt die alevitische Gemeinschaft in Deutschland zu den größeren Religionsgemeinschaften. Dennoch sind ihre Fastenzeiten vielen Menschen kaum bekannt. Das Hızır-Fasten wird meist ohne großes öffentliches Aufsehen begangen – als leise, persönliche und zugleich gemeinschaftsstiftende Glaubenspraxis.