19.09.2018
Islamkritik

Islamwissenschaftler Ourghi: Neues Buch nimmt Kopftuch ins Visier

Das Tragen des islamischen Kopftuchs ist keine Vorschrift im Koran, sondern ein Produkt männlicher Herrschaft, ist der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi überzeugt. Streit über sein neues Buch dürfte absehbar sein
Mädchen mit Kopftuch

Ist das Kopftuch eine religiöse Vorschrift oder nur ein historisches Produkt männlicher Herrschaft? Dieser Frage geht der Freiburger Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi in seinem neuen Buch "Ihr müsst kein Kopftuch tragen. Aufklären statt verschleiern" nach. Mit seiner Streitschrift will Ourghi "die Machtmechanismen der männlichen Herrschaft aufdecken, die muslimische Frauen zur Körperbedeckung verpflichten". Unter "männlicher Herrschaft" versteht er dabei die soziale Praxis, die durch Koran und die Überlieferung (Sunna) legitimiert wird.

Der Leiter des Fachbereichs Islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg ist überzeugt: Zwar behaupten die meisten Mädchen, dass sie das Kopftuch freiwillig tragen. Aber tatsächlich würden sie meist von den Eltern und den muslimischen Gemeinden in ihrer Entscheidung beeinflusst.

Denn wenn eine Frau sich gegen die Verschleierung entscheidet, werde ihr unterstellt, dass sie ihren Körper zur Schau und anderen zur Verfügung stellt. Sie gelte dann in der patriarchalen Gesellschaftsordnung als keine "richtige" und "wahre" Muslimin: "Die Ablehnung des Kopftuchs wird als Vergehen angesehen, das bestraft werden muss." Bringe die Isolation keinen Erfolg, würden manche junge Frauen ins Ausland verbannt, bis sie sich für das Tragen eines Kopftuchs entscheiden.

Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi über das Kopftuch-Gebot 

In seinem Buch lässt Ourghi eine 25-jährige Frau zu Wort kommen, die nach ihrem Abitur während eines Familienurlaubs in Marokko von ihrer Familie dort bei der Großmutter zurückgelassen wurde – ohne Pass. Ihre Eltern teilten ihr mit, dass sie erst wieder nach Hause darf, wenn sie bereit ist, das Kopftuch zu tragen.

Ob so drastische Maßnahmen Einzelfälle sind oder eine verbreitete Praxis, wird im Buch nicht klar. Jedenfalls verurteilt der gebürtige Algerier diese Art der psychischen Gewalt, ebenso wie die Drohung, die manche Mädchen zu hören bekommen, dass Gott im Jenseits diejenigen bestraft, die kein Kopftuch tragen. Denn es sei keine Sünde, die Haare zu zeigen: Die Verschleierung der Frauen sei nämlich keine koranische Vorschrift, sondern "ein historisches Produkt, das sich die muslimischen Gelehrten später nach dem Tod des Propheten mühsam zurechtgebastelt haben", so Ourghi.

Beispielsweise sei in Sure 33,59 nur von einem nicht näher definierten Kleidungsstück die Rede, das sich eine Muslima über ihren Oberkörper legen soll, damit sie "als Gläubige erkannt und nicht belästigt wird". Erst später hätten islamische Gelehrte daraus eine Pflicht zur Kopfbedeckung oder sogar Vollverschleierung abgeleitet. Ein weiterer Vers in Sure 24, 31 spricht laut Ourghi von einem "khimar", einem Schleier, mit dem Frauen allerdings nicht den Kopf, sondern vielmehr ihr Dekolleté bedecken sollten.

Der Islam verlangt kein Kopftuch

Der Islam dürfe deshalb nicht auf das Äußere der Frauen reduziert werden. "Eine Muslima kann auch ohne Kopftuch an Gott glauben." Für Ourghi ist das Kopftuch "nichts anderes als ein Instrument der Beschlagnahmung der Freiheit der Frauen". Deshalb sollten muslimische Frauen selbst bestimmen, wie sie leben und was sie leben, und sich von politisch-sozialen Zwängen befreien.

Ourghi verwendet in seinem Plädoyer gegen das Kopftuch immer wieder drastische Worte, für ihn ist Verschleierung beispielsweise eine "Selbstgeißelung". Und trotzdem ist für ihn klar, dass keine Frau wegen ihrer Kopfbedeckung diskriminiert werden darf, weil das gegen die Menschenwürde verstößt.

Allerdings kritisiert er auch westliche Feministinnen, die sich zwar stark für das Recht der muslimischen Frau auf Verhüllung engagieren, sich aber oft nicht solidarisch mit Frauen in islamischen Ländern wie im Iran zeigen, für die es Peitschenhiebe und Gefängnisstrafen kosten kann, wenn sie ihr Kopftuch aus Protest ablegen.

Sein vorheriges Buch "Reform des Islam. 40 Thesen" hat Ourghi in innerislamischen Kreisen auch Kritik eingebracht. "Besonders selbstkritische Werke aus der Feder von Muslimen können heftige Wutausbrüche der muslimischen Gemeinde hervorrufen", schreibt Ourghi. Er sei jedoch kein Feind des Islam. "Meine substanzielle Kritik am Islam ist nichts anderes als eine Liebeserklärung an die Muslime."

Buch-Tipp

Abdel-Hakim Ourghi "Ihr müsst kein Kopftuch tragen"

Nach seinen viel diskutierten Thesen zur kritischen Revision des Koran fragt Abdel-Hakim Ourghi in seinem neuen Debattenbuch, welche Bedeutung das Kopftuch innerhalb des Islam hat: Ist es eine religiöse Vorschrift oder lediglich ein historisches Produkt der männlichen Herrschaft? Kritisch setzt er sich mit der Angst vor Selbstbestimmung, den althergebrachten Machtstrukturen sowie dem Kontrollwunsch der Männer, der sich inzwischen auch zu einer Selbstkontrolle der Frauen entwickelt hat, auseinander. Ourghi, Vordenker eines liberalen Reformislam, untersucht die Mechanismen der Unterdrückung der Frau in den muslimischen Gemeinden. Er plädiert für Emanzipation, für die Sorge der Frauen um sich – anstatt der Unterwerfung unter Tradition und Patriarchat.

Bestellen Sie per Mail (cme@epv.de), Telefon (089/12172153) oder online in unserem Shop.

Thumbnail

Buch-Tipp

Abdel-Hakim Ourghi "Reform des Islam. 40 Thesen"

Eine Debatte polarisiert noch immer das Land: Gehört der Islam zu Deutschland oder nicht? Der in Algerien geborene und in Freiburg lehrende Religionswissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi bezieht klare Position. Ein Islam der Unterwerfung, der fehlenden Kritikfähigkeit gehört weder zu Deutschland noch zu Europa. Deshalb braucht es eine Reformation des Islam. Deshalb dürfen muslimische Kinder in Deutschland nicht durch den Koranunterricht aus ihrer westlichen Lebenswelt herausgerissen werden. Deshalb muss der politische Einfluss muslimischer Dachverbände und radikaler Imame eingedämmt werden.

Es ist höchste Zeit, die kanonischen Quellen des Islam – den Koran und das Leben des Propheten – reflektiert zu verstehen und zeitgemäß zu interpretieren. Im westlichen Kontext meint dies: die islamische Identität anhand der Vernunft kritisch infrage zu stellen und so den Rahmen für eine grundlegende Islam-Reform abzustecken. In seinem ersten, mit Spannung erwarteten Sachbuch benennt Ourghi Missstände, Chancen und Rezepte für einen weltoffenen und verfassungsloyalen Islam in Deutschland.

"Der Islam der Unterwerfung, der fehlenden Kritikfähigkeit gehört weder zu Deutschland noch zu Europa. Immanuel Kant hat vor mehr als 200 Jahren dazu aufgefordert, den eigenen Verstand ohne fremde Anleitung zu benützen. Genau dies sollten wir Muslime auch in Bezug auf den Islam tun."

Bestellen Sie per Mail (cme@epv.de), Telefon (089/12172153) oder online in unserem Shop. 

Thumbnail
ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Islam

Abdel-Hakim Ourghi vor der Tür der Dar-as-Salam-Mosche in Berlin-Neukölln mit einem Plakat seiner 40 Thesen zu einer Reform des Islam.
Nur ein aufgeklärter, humanistischer Islam passt zur westlichen Welt, ist Abdel-Hakim Ourghi überzeugt. In seinem neuen Buch "Reform des Islam. 40 Thesen" fordert der Freiburger Islamwissenschaftler eine Rundumerneuerung des Islam: Vom Koran bis zum Kopftuch greift er fast alle islamischen Tabus an, die es gibt. Am vergangenen Wochenende stellte er das Buch in Berlin vor. Und schlug seine Thesen an eine der Muslimbruderschaft nahestehende Moschee.
Sonntagsblatt