Das jüdische Fest Pessach beginnt in diesem Jahr am Abend des 1. April. Für die Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel laufen die Vorbereitungen aber schon seit Wochen. Sie beginnen in jedem Jahr gleich: mit einem Bestellzettel. "Vier Wochen vor Pessach muss das losgeschickt werden, weil ja alle bestellen", erzählt sie.
Geliefert wird direkt aus Israel, denn einige der Lebensmittel, die die Gemeinde für Pessach braucht, gibt es nicht in Deutschland. Ganz oben auf der Liste stehen neben extra für Pessach hergestelltem koscherem Wein und Saft die Matzot: Das Matzebrot ist ein ungesäuertes Brot aus Weizen, Gerste, Hafer, Roggen oder Dinkel, in seiner Konsistenz vergleichbar mit Knäckebrot.
Für Juden gilt an Pessach eine besondere Essensregel: Es dürfen keine gesäuerten Lebensmittel auf den Tisch oder auch nur im Haus sein. Dazu gehört auch normales Brot, dessen Teig Zeit zum Gehen hatte. Deshalb werden die Zutaten für die Matzot innerhalb von wenigen Minuten verarbeitet und gebacken, um den Gärprozess zu verhindern.
Israeliten mussten schnell aufbrechen
Der Grund für diese Essensregel liegt in der Geschichte des Pessachfests. Vor mehr als 3.000 Jahren führte Mose der Thora zufolge das Volk Israel aus Ägypten und damit aus der Sklaverei. Weil die Menschen damals schnell aufbrechen mussten, hatten sie keine Zeit, Brot zu backen, sondern nur eine Schnellversion davon. Daran soll die Tradition heute noch erinnern.
"Pessach ist eines der zentralen Feste", erklärt Deusel. In der Liberalen Jüdischen Gemeinde Franken in Bamberg wird daher auch gemeinsam gefeiert. Am ersten Abend der Festtage, die bis zum 9. April dauern, kommen Dutzende Gemeindemitglieder zum Sederabend zusammen. Bei dieser zeremoniellen Mahlzeit hat - wie bei den meisten Feiertagen - das Essen eine ganz besondere Bedeutung. Alle Gäste bringen etwas mit, von Kartoffelsalat über grüne Salate und Käseplatten bis zur Matzeknödelsuppe.
Speisen erinnern an Zeit in Ägypten
Der Sederteller ist nicht Teil des Buffets, sondern er enthält sechs symbolische Speisen, die an verschiedene Aspekte der Zeit in Ägypten und die Befreiung aus der Sklaverei erinnern. So kommen auf den Teller ein Knochen und ein gekochtes Ei, die für Opfergaben stehen. Bittere Kräuter erinnern an die Bitterkeit der Sklaverei, genauso wie Meerrettich. Petersilie steht für Frühling und Aufbruch, und Charosset, eine Mischung aus Äpfeln, Nüssen, Zimt und Saft oder Wein, steht mit seiner Konsistenz und Farbe für die Lehmziegel, die die Israeliten für den Pharao herstellen mussten. "In die Mitte kommt eine kleine Schüssel mit Salzwasser - das steht für die Tränen der versklavten Menschen, damals und heute", erklärt die Rabbinerin.
Der Sederabend wird begleitet von vielen Erzählungen. Anhand der Haggada, einer Art Handlungsanweisung für den Abend, findet eine ganz bewusste Rückschau auf die Geschichte des Judentums statt, erzählt Deusel. "Es heißt, jeder Jude und jede Jüdin soll sich betrachten, als sei er oder sie selbst ausgezogen aus Ägypten." Im Zentrum stehe, sich den Wert der Freiheit bewusst zu machen. Besonders werde darauf geachtet, auch Kinderfragen zu beantworten und sie ihre eigenen Gedanken zu Pessach äußern zu lassen.
Kein Krümel Gesäuertes darf übrig bleiben
Vor dem Fest wartet allerdings noch eine große Putzaktion, in der Gemeinde wie zu Hause. Alle gesäuerten Lebensmittel müssen vor Pessach aufgegessen oder weggegeben werden. Dazu gehören auch Kekse, Nudeln oder Müsli genauso wie Senf, Bier oder Tierfutter, das Getreide enthält. Küche und Essbereich werden in den Haushalten gekaschert, also penibel geputzt, sodass kein Krümel übrig bleibt. Ofen und Kochplatten laufen eine Zeit lang auf der höchsten Stufe, um mögliche Reste auszubrennen, Besteck und Geschirr kommen in so heißes Wasser, wie sie vertragen.
"Zum Ende ist das schon Stress", erzählt Gemeindemitglied Andrea Gergovich. "Ab Dienstag gibt es in meiner Wohnung nichts mehr mit Brot." Für die Festtage hat sie extra Geschirr, "das wird dann auch noch mal gekaschert". Das Alltagsgeschirr wird in dieser Zeit in einem Schrank weggesperrt. Die Gemeinde, für die ein eigenes Geschirrset nur für Pessach zu teuer und aufwendig wäre, verwendet für den Sederabend Bambus-Geschirr. Das ist zwar nur zur Einmalverwendung, "aber nachhaltiger und schöner als Plastik", sagt Deusel.
Die persönliche Einschränkung beim Essen über die Festtage macht Gergovich nichts aus. "Nachmittags esse ich gerne mal ein Stück Kuchen. Während Pessach gibt es dann einfach Matze mit Frischkäse und Marmelade." Sie erzählt, dass sie extra nach Bamberg gezogen ist, "weil das Gemeindeleben hier so schön ist und wir gemeinsam feiern". Am 1. April werden dafür aus dem ganzen Einzugsgebiet der Liberalen Jüdischen Gemeinde - also aus ganz Franken und aus der Oberpfalz - Menschen extra anreisen.