Eines Morgens wache ich auf und weiß, wie meine Beerdigung ablaufen wird. Ich habe davon geträumt. Habe alles gesehen: Menschen, denen Tränen über die Wangen kullern. Sie schluchzen. Schütteln ungläubig den Kopf. Nehmen einander in den Arm. Sie trauern. Um mich. Als ich zum ersten Mal so träume, bin ich zwölf Jahre alt. Ich rede mit niemandem darüber. Seither begleitet mich der Traum. Manchmal als Tagtraum. Immer betrachte ich die Szene von oben wie von einer Wolke. Es fühlt sich seltsam an, schauderhaft. Manchmal bekomme ich tatsächlich eine Gänsehaut. Was mich erst irritiert: Da ist auch dieses wohlige, schöne Gefühl. All die weinenden Menschen – sie weinen um mich. Ich muss ihnen echt was bedeutet haben. Das fühlt sich gut an.

Ein bisschen ist es auch wie bei einem Horrorfilm. Ich grusle mich, aber irgendwann kommt der Punkt, da merke ich: Alles gar nicht echt. Ich sitze ja auf dem Sofa, vor mir die Chipstüte, neben mir die Katze. Ich lebe. Panikmodus aus. Entspannung. Das Beste am Horrorfilm ist noch immer, dass er nur ein Film ist.

Für mich ist da eine erste Spur. Die Begegnung mit dem Sterben, mit meiner Ur-Angst, lehrt mich Leben. Wonach sehne ich mich? Was lässt mich lebendig sein? Viele kennen in dem Zusammenhang den Ausspruch "Carpe Diem". Nutze den Tag – es könnte dein letzter sein. Und bestimmt finden einige den Spruch abgedroschen. Der steht auf Kaffeetassen aus dem Baumarkt oder als Wandtattoo über dem Fernsehregal. Aber dieses Deko-Carpe-Diem ist nur ein Abziehbild. Wörtlich übersetzt heißt der Spruch: Pflücke den Tag. Klar, manche deuten das dann so: Hol dir, was du haben kannst. Die dicksten Äpfel. So viel Spaß und Genuss wie in einen Tag passen. Aber eigentlich heißt es: Pflücken. Nicht verschlingen. Pflücken, das ist: Vorfreude. Mich ausstrecken. Das Gute behutsam zu mir ziehen. Bis sich etwas löst.

Ganz anders der Satz, der Martin Luther in den Mund gelegt wurde: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Nicht Pflücken. Pflanzen. Dazwischen entspinnt sich ein ganzes Leben. Und Sterben. Wo stehe ich auf dieser Zeitachse aus Wachsen und Vergehen? Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Ich bin nicht mehr sechzehn. Das Gefühl der Jugend, unsterblich zu sein – das habe ich nicht mehr. Die Anzahl der Beerdigungen in meinem Umfeld nimmt zu. Und ich frage mich: Kann ich was tun? Und da geht es mir nicht darum, den Tod zu verdrängen, das Leben um jeden Preis zu verlängern, wie es der Longevity-Trend gerade mit allen möglichen Ernährung-, Bewegungs- und Verhaltenstipps verspricht. Ich frage mich eher: Kann ich mich vorbereiten auf mein Ende – ohne dass ich weiß, wann es so weit sein wird?

Ich will mich dem stellen. Meiner Endlichkeit. Und ich will einen guten Umgang damit finden. Hey, Gevatter Tod. Sensenmann. Boandlkramer. Komm heraus aus deinem Versteck. Zeig dich.

Kann ich mich auf mein Sterben vorbereiten, ohne zu wissen, wann es so weit ist?

Ich erinnere mich an eine Supervisionssitzung. Als evangelischer Pfarrer habe ich sowas immer wieder. Professionelle Beratungsgespräche, in denen ich meine Rolle und mein Arbeiten quasi aus der Vogelperspektive betrachte. Schwierige Situationen, typische Verhaltensmuster, Team-Dynamiken – sowas schaut man da an.

Grundformen der Angst

Zum heutigen Termin habe ich meiner Supervisorin ein Thema mitgebracht, das mich schon lange beschäftigt. Meine Sprunghaftigkeit. Es fällt mir nicht leicht, an einer Sache dranzubleiben. Immer habe ich hundert Eisen im Feuer. Tausend Ideen. Und immer ist der Tag zu kurz, um alles umzusetzen. Und dann bin ich am Ende frustriert. "Wovor haben Sie Angst?" fragt mich die Supervisorin plötzlich. Ich schau sie verdutzt an. Ich habe vieles erwartet, aber nicht, dass sie mit Angst kommt. Ich würde mich eigentlich nicht als ängstliche Person bezeichnen.

Dann kommen wir ins Gespräch. Sie erzählt mir von der Theorie der vier Grundformen der Angst. Der Psychoanalytiker Fritz Riemann sagt Anfang der Sechzigerjahre, dass es im Menschen eine tiefe Ur-Angst gibt. Die Angst, dass das Selbst vernichtet wird. Dass es stirbt. Diese Angst nimmt verschiedene Formen an. Eher depressive Typen sehnen sich in ihrem Innersten nach Nähe. Ihre größte Angst ist die vor dem Getrenntsein. Vor dem Verlust des Ichs, weil da kein Du mehr ist. Andere haben vorm Gegenteil Angst: Dass sie sich in der Beziehung zu anderen selbst verlieren. Es sind Menschen, die man eher Eigenbrötler nennt. Distanziert, dadurch aber auch unabhängig. Wieder andere treibt die Angst vor Veränderung um. Denn Veränderung heißt auch, dass etwas zu Ende ist. Sie sehnen sich nach Beständigkeit, nach Ordnung.

Und dann gibt es Typ vier. Das bin dann wohl ich. So jemand wurde früher, im Extremfall, als hysterisch bezeichnet. Typ vier hat Angst vor der Endgültigkeit. Vor Festlegungen. Leben heißt für ihn: Freiheit. Ständig was Neues. Als könnte man dem Tod entkommen, wenn man nur flink von Pfütze zu Pfütze springt. Die meisten Menschen liegen irgendwo zwischen diesen vier Extremen. Das ist ganz normal. Schwierig wird es, wenn eine der vier Angstform so sehr überhandnimmt, dass sie das ganze Leben bestimmt.

Mir hat es geholfen, mich mit meinem "Angst-Typ" zu beschäftigen. Einerseits gibt es mir das gute Gefühl: Hey, es ist OK, so zu sein. Ich bin ein sprunghafter Typ, andere sind das auch. Es hat seine Gründe und es gehört zu mir. Andererseits schaue ich jetzt genauer hin, wenn ich etwas nicht zu Ende bringe. Ist es richtig, die Zelte abzubrechen und weiterzuwandern – oder renne ich vor etwas weg und sollte lieber bleiben und mich damit auseinandersetzen?

Eines habe ich, bei aller Flatterhaftigkeit, schon entschieden. Und das hat mit meiner Beerdigung zu tun. Welches Lied soll da mal gespielt werden? Haben Sie da auch schon eine Auswahl getroffen?

Woran soll man sich eines Tages erinnern?

Mir ist das Lied vor einigen Jahren begegnet. Seither begleitet es mich durchs Leben. An guten und an schlechten Tagen. Irgendwie passt es immer. Dolly Parton singt es. Travelin‘ Thru. Auf der Durchreise. Den Text habe ich mir erst näher angeschaut, da kannte ich das Lied schon lange. Und da habe ich gemerkt: Ui, das bin ja ich. Da steckt ganz viel drin von dem, was mir wichtig ist und wie ich aufs Leben schaue. Dolly Parton singt von einem Ich, das durch die Welt zieht wie ein Vagabund, ein Steppenwolf. Da träumt jemand von Erlösung, von der größeren Wahrheit. Aber am Ende kommt er doch nie an. Und zieht weiter. Vielleicht wird man sich irgendwann so an mich erinnern. Ach, ich fände es gar nicht schlimm. Woran soll man sich eines Tages bei Ihnen erinnern?

Kann ich mich auf mein Sterben vorbereiten, ohne zu wissen, wann es so weit ist? Zwischen Pflücken und Pflanzen bin ich auf die Spur gekommen: Die Kunst des Sterbens ist vielleicht eine Kunst des Lebens. Meine Supervisorin hat mir gezeigt: Es lohnt sich, sich mit der Angst vor dem Tod auseinanderzusetzen. Ich merke: Der Blick aufs Ende richtet meinen Blick erst mal auf mich selbst, in mich hinein. Und ich forsche weiter. Auf meiner Suche nach Antworten auf meine Frage blättere ich zurück. Weit zurück. Vor etwa zweitausend Jahren hat jemand im Johannesevangelium aufgeschrieben, mit welchem Bild Jesus das Sterben vergleicht.

Es befanden sich auch einige Griechen unter denen,
die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren,
um Gott anzubeten.
Die gingen zu Philippus,
der aus Betsaida in Galiläa stammte,
und baten ihn:
"Herr, wir wollen Jesus sehen!"
Philippus ging zu Andreas und sagte es ihm.
Dann gingen die beiden zu Jesus
und berichteten es ihm.
Da sagte Jesus zu ihnen: "Die Stunde ist gekommen!
Jetzt wird der Menschensohn
in seiner Herrlichkeit sichtbar.
Amen, amen, das sage ich euch:
Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben,
sonst bleibt es allein.
Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh 12,20–24; BasisBibel)

Das krieg ich in meinem Kopf nicht ganz zusammen. Wenn ein Weizenkorn in die Erde fällt, stirbt es. So weit, so klar. Das ist dann ein Bild für das Ende des Lebens – das Weizenkorn steht für Jesus, überhaupt für den Menschen. Aber dann sagt Jesus: "Sonst bleibt es allein." Ich stelle mir so ein Körnchen vor, das statt auf Erde auf den Asphalt fällt und dort vertrocknet. Ok, hat was Einsames. aber warum soll da keine Einsamkeit sein, wenn es in die dunkle Erde fällt? Ich lese weiter: "Wenn es stirbt, bringt es viel Frucht." Auch das ist für mich nicht sofort logisch: Viel Frucht bringen – das ist schön, aber das macht das Weizenkorn ja nicht wieder lebendig. Es bleibt tot. Wo ist da jetzt die Pointe?

Vielleicht wird so ein Schuh draus. Ich stelle mir Gemeinschaft immer als ein Miteinander mit den Menschen in meinem Leben vor. Eine Tischgemeinschaft. Eine Kirchengemeinde. Die Fan-Community eines Fußballvereins. Aber ich glaube, Jesus hat da noch mehr im Sinn. Es gibt die Menschen, die mit mir auf diesem Planeten leben. Aber es gibt ja auch die, die schon vor mir da waren. Aktuell leben rund 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Das sind viele. Aber es sind wenig im Vergleich zu denen, die vor uns gelebt haben. Es gibt Schätzungen, die gehen von 100 Milliarden aus. Und wie viele werden nach uns noch kommen? Ist das erst der Anfang einer wunderbaren, langen Menschheitsgeschichte oder versemmeln wir es doch und entziehen den Generationen nach uns die Lebensgrundlage?

Ich glaube, diese Gemeinschaft hat Jesus im Blick: eine Menschheitscommunity durch die Zeiten. Die Gemeinschaft mit unseren Verstorbenen. Und mit unseren Nachfahren. Auch mit denen, die noch gar nicht geboren sind und die nicht direkt von uns abstammen. Als ginge ein langer Faden durch die Zeit hindurch. Ein Faden der Liebe, weitergesponnen von Generation zu Generation. Das Weizenkorn stirbt und bringt Frucht. Etwas wird aufgegeben oder abgegeben, damit anderes Leben sich entfalten kann. Es ist die Grundlogik der Nächstenliebe. Und auch, technischer formuliert, des Kompromisses. Wenn jeder ein wenig abgibt, haben am Ende alle mehr davon. Und wenn ich etwas in mir sterben lasse, wofür entsteht dadurch vielleicht Platz?

Das Weizenkorn stirbt und bringt Frucht

Ich denke an Eltern, die für ihre Kinder zu einer Art Weizenkorn werden. Die echt etwas aufgeben, damit die Kleinen wachsen können. Erst kürzlich sagt eine junge Mutter zu mir: Ich hab oft das Gefühl, mein Mann und ich verpassen die beste Zeit unseres Lebens. Wir funktionieren nur noch. Immer unterwegs, auf der Arbeit, auf dem Weg zur Kita, Einkaufen, sich um die Kinder kümmern, kranke Kinder pflegen, selbst krank werden, sich durch die Woche schleppen und wieder von vorn. Sie sagt: Bei aller Liebe zu den Kindern – da geht auch etwas unwiederbringlich verloren.

"Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht." Es ist ein krasses, ein hartes Bild, das Jesus verwendet. Werden und Vergehen. Und wieder von vorne. Ich muss dazu nicht an Wiedergeburt glauben. Was ich aber glaube: Dass wir alle miteinander verbunden sind, wenn wir es zulassen.

Das Weizenkorn, das stirbt und Frucht bringt. Ich kenne Menschen, die sagen: Du kannst ja viel glauben und dir alles hübsch ausmalen. Aber naturwissenschaftlich ist das Ganze klar. Zellalterung, Zerfall, Ende Gelände. Es stimmt: Die Biologie ist unerbittlich. Für mich ist da aber kein Widerspruch. Auch das war Teil meines Lernweges. Ziemlich am Anfang meiner Zeit als Pfarrer wurde ich zu einer Aussegnung gerufen. Ich hatte bis dahin noch nie einen Toten gesehen. Als der Anruf kommt, rutscht mir das Herz in die Hose. Jemand ist zuhause verstorben. Die Angehörigen wünschen sich, dass ich so bald wie möglich komme. Den Toten aussegne, Gebete spreche, da bin. Und dann stehe ich vor dem Totenbett. Wir alle stehen da. Die Frau, die Töchter, die Partner, ein Wegbegleiter. Ich kannte den Verstorbenen. Ich weiß: Er wäre einverstanden, dass ich ihm jetzt zum Segen die Hand auf Stirn lege. Die Haut ist kalt und fühlt sich fest an. Bis zum Ende des Segensgebets lasse ich die Hand auf seiner Stirn liegen. Dann bitte ich die Familie näherzutreten. Wir stehen ganz nah am Bett. Beten ein Vaterunser. Und sind mehrere Minuten einfach nur still. Am Ende ist da ein Weizenkorn in dunkler Erde. Und zaghaft entsteht etwas Neues. Liebe – verwandelt. Als ich die Wohnung verlasse, streiche ich mit der linken Hand über meinen rechten Handrücken. Ich lebe. Ja, Biologie ist das auch.

Die Frage bleibt. Kann ich mich auf mein eigenes Sterben vorbereiten? Ich habe gelernt: Es geht auch um Lebenskunst. Es ist hilfreich, mich mit den Ur-Ängsten, die mein Verhalten bestimmen, auseinanderzusetzen. Ich habe die Vorstellung liebgewonnen, dass das Lied, das mich durchs Leben begleitet, auch mal an meiner Beerdigung zu hören sein wird. Ich kann es gut glauben, dass wir über den Tod hinaus verbunden blieben – wie das Weizenkorn, das Frucht bringt, im ewigen Kreis des Lebens. Und am Totenbett habe ich erlebt, was bleibt, wenn nur die Hülle bleibt. Dass wir Menschen verbunden bleiben, über den Tod hinaus.

Viel gelernt. Reicht das, um vorbereitet zu sein? Ich merke, wie sich mir eine andere Frage aufdrängt. Nämlich: Warum überhaupt vorbereitet sein? Warum beschäftigt mich das so? Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, geht es da wieder um meine Angst. Und um Kontrolle. Was ich verstehe, begreife ich. Als könnte ich es, im wahrsten Sinne, greifen. Gevatter Tod am Schlafittchen packen. Mein Wunsch, vorbereitet zu sein, passt in unsere Zeit, in der wir uns nach Kontrolle sehnen. Kontrolle über den verfallenden Körper, mit proteinhaltiger Ernährung, Fitness-Videos auf YouTube, Botox-Injektionen to go. Aber so läuft’s nicht. Am Ende ist da keine Kontrolle. Am Ende lebe ich nur von der Hoffnung. Hoffnung, dass es gut sein wird. Mein Leben. Mein Sterben. Und was danach kommt.

Meine Vorfahren im Glauben flüstern es mir zu, durch alle Zeiten hindurch. Sie haben vor Jahrtausenden schon erlebt, dass der Mensch am Ende des Tages doch nur weiß, dass er nichts weiß. Und sie haben es aufgeschrieben. Als Gebet. Haben mir und uns einen Trost aus der Vergangenheit hinterlassen. Hänge dein Herz an Gott. An den Ewigen. An eine Kraft, die nicht aus dir selbst kommt. Eine Kraft, die dich trägt. Für immer.

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!

Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn;
mein Leib und Seele freuen sich
in dem lebendigen Gott.

Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen –
deine Altäre, Herr Zebaoth,
mein König und mein Gott.

Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar.

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!

Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, /
wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.

Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion. (Psalm 84,4-8; Lutherbibel 2017)

Ich mag, was da im Psalm steht: Die Menschen, die auf Gott vertrauen, sie gehen von einer Kraft zur andern. Mich erinnert das daran, wie ich im Leben immer von Pfütze zu Pfütze hüpfe. Plitsch platsch. Wie früher als Kind auf dem Schulweg. Ich lebe gern. Ich lebe, weil meine Kraft aus Gott kommt. Und wenn meine eigenen Kräfte eines Tages schwinden, bin ich sicher: Diese eine Kraft, die bleibt. Bis in alle Ewigkeit.