Lebensweg-Navigation: Spiritualität als Kompass für Dein Leben

Das Wort "Spiritualität" ist heute in aller Munde. Gut so. Da steckt etwas drin von "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein". Ich bin mehr als eine Konsumentin, mehr als ein irdisches Wesen, das lebt und isst und trinkt und was produziert und dann ist es aus mit mir. Ich bin Geist, Spirit und Seele. Ich freue mich und leide, frage mich warum? Hat es einen Sinn, dass ich da bin? Hat diese Welt einen Sinn? Das Leben selbst? Wer bin ich? Was kann ich Sinnvolles tun? Wie finde ich meinen Weg?

Spiritualität ist eine Lebensweg-Navigation. Also die Kunst, ein Schiff zu steuern. So nennt es ein Religionswissenschaftler.[1] Mir gefällt dieses Bild: Spiritualität steuert dein Lebensschiff. Sie unterstützt deine Reise. Sie hilft dir, dein Wesen zu finden, und ihm zu folgen. Spiritualität als Lebenswegnavigation.

Die Bibel erzählt von solchen Reisen so, dass wir nach unserer eigenen Reise dabei fragen können. Zum Beispiel von Kornelius in der Apostelgeschichte. Wahrscheinlich nur eine literarische Figur, so dass er für viele stehen kann. Seine Reisegeschichte in der Bibel endet mit einem großartigen Satz:

"In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt." (Apg 10, 34+-35). Das sagt nicht er selbst, sondern ein anderer. Aber dazu kommen wir noch. Wichtig ist das Ziel der spirituellen Reise, das hier ausgesprochen wird: Gerechtigkeit, Ehrfurcht vor Gott. Und vor jeder Person. Dieses Ziel ist wie der Horizont, der immer da ist, auf den mein Lebensschiff zusteuert und der sich doch immer verschiebt – ich bin nie angekommen. Ich bin unterwegs. Behalte den Horizont aber im Blick. Und dieses Ziel – Gerechtigkeit und Ehrfurcht vor Gott - meint etwas viel Größeres, als allein mich selbst. Oder Erfolg, materiellen Reichtum.

"A change is gonna come". "Es wird sich etwas wandeln, verändern". Davon singt Sam Cooke. Und meint damit: kein Rassismus mehr, keine Ausgrenzung, keine Unterdrückung.  

Ich wurde am Fluss in einem kleinen Zelt geboren, singt er

und genau wie der Fluss, bin ich seitdem unterwegs

Es war zu hart zu leben aber ich habe Angst zu sterben

denn ich weiß nicht, was da oben, jenseits vom Himmel ist

Es ist lange her, es ist eine lange Zeit her

aber ich weiß ein Wandel wird kommen. A change is gonna come!

Sinnkarte des Lebens: Orientierung auf der Reise

Hören Sie die Sehnsucht und Beharrlichkeit in dieser Stimme von Sam Cooke? Es wird sich was ändern. Es muss sich etwas ändern. Ich denke an die Menschen im Iran und auch in den USA. 

Kornelius also. Er ist ein Fremder. Ein Besatzungssoldat. Ein Soldat des römischen Reiches. Und das bietet alles, was der spirituelle Markt hergibt.  Götter und Göttinnen für alle Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen. Die edelsten Wässerchen, Gaben und Opfer kann man ihnen bringen, damit sie einem im Gegenzug milde gestimmt sind und Glück bringen.

Kornelius kennt die Götterwelt, die in jeder kleinen oder größeren Stadt auf Marktplätzen und in Eingangstoren und Tempeln zum Alltag gehört. Das Menschenbild, das hier durchscheint, das sind athletische Körper, muskeltrainiert, gesund, leistungsstark und immer kampfbereit, kriegstüchtig. Der Kaiser als Gott steht an der Spitze. Ein Kornelius hat das mit der Muttermilch eingesogen.

Das tiefe "Ich bin": Selbstfindung und innere Freiheit

Aber eines Tages merkt er, damit kann er nichts mehr anfangen. Wir wissen nichts von diesem Tag. Wie und wo es ihn getroffen. Was passiert ist. Wir wissen es vielleicht von uns selbst, wie so ein Erwachen beginnt. Etwas Neues taucht an deinem Horizont auf. A change is gonna come.

Ich erinnere mich an so einen Moment in meinem Leben. Eines Morgens vor dem Spiegel im Bad – ich bin etwa 18 Jahr alt - habe ich plötzlich innegehalten. Und mich wie zum ersten Mal gesehen. Mit neuen Augen. "Ich bin. Das bin ich." Trifft es mich plötzlich. Und dauert gefühlt eine Ewigkeit. Dabei sind es nur ein paar Sekunden. Auf einmal sind alle Selbstzweifel weg. Eine Zeitlang. Und ich weiß es mit Kopf und Herz und ganz gewiss – ich bin Gottes Kind.

Und das bin ich bis heute geblieben. In meiner evangelischen Kirche. Andere Menschen treibt es hinaus aus der Kirche, in der sie groß geworden sind und sie haben ihre Gründe… Sie finden hier nicht mehr, wonach sie suchen. Sie kommen hier nicht vor mit der Art, wie sie leben. Alles, was sie hier hören, unterstützt ihr Lebensschiff nicht mehr.

Und das Lebensschiff des Kornelius?

Es war aber ein Mann in Cäsarea mit Namen Kornelius, ein Hauptmann …Der war fromm und gottesfürchtig mit seinem ganzen Haus und gab dem Volk viele Almosen und betete immer zu Gott…

Kornelius kommt in Kontakt mit dem Judentum und das verändert sein Leben. : Das Schwache ist nicht verachtenswert hört er hier. Man muss es schützen. Einen Teil von seinem Hab und Gut abgeben dafür. Gerechtigkeit beginnt da. Das sagen die Propheten Israels. Die Psalmen. Das Schwache steht unter göttlichem Schutz. Der Gott Israels ist der Sklavenbefreier. Ziemlich das Gegenteil der Götter Roms. Keine Opfer. Eher Liebe, Ehrfurcht. Konrnelius wird ein Freund der Juden und ihres unsichtbaren Gottes.  Der ohne Namen. Der Ich- bin -und- werde- sein- Gott.

Wie geht das zusammen: ein römischer Hauptmann und ein Freund der jüdischen Religion? Befremdlich, irritierend für andere. Spirituelle Wege verunsichern. Und manchmal führen sie zu Brüchen. So habe ich vor Jahren den Kirchenaustritt einer langjährigen sehr engen Freundin erlebt. Sie konnte nichts mehr für sich finden in den Gottesdiensten. Ihr waren die Predigten zu dumm oder nichtssagend – dafür hatte sie am Ende nur Verachtung übrig. Sie suchte Kontemplation, tiefe Erfahrungen. Und ich war todtraurig. Als würde ein Keil zwischen uns getrieben werden. Und dann geschah ein kleines Wunder. Wir sind im Gespräch geblieben. Und konnten einander über die Jahre viel offener erzählen, was uns im Innersten bewegt. Die spirituelle Reise lief äußerlich auf getrennten Wegen, aber nicht im Inneren. Wir übersetzten einander, was wir meinen mit Christus, mit Auferstehung, mit Erlösung. Fragen, Neugier, Offenheit. Und Wissen: jede, jeder Mensch muss seinem inneren Weg folgen, seiner Suche nach Gerechtigkeit und Sinn, auch wenn das mit Trennung verbunden ist. Ich musste meinen Glauben und meine Kirche dafür nie aufgeben, zum Glück! Trotzdem gehe ich in andere religiöse Felder, und entdecke da tiefe Wahrheiten. Das macht mein Leben bis heute reich.

Zum Beispiel Gebet ohne Worte aus dem Hinduismus habe ich kennengelernt. Das kosmologische Gebet. Wenn Sie mögen, machen Sie es mit. Man setzt sich aufrecht hin, so dass der Körper gut zur Ruhe kommt. Und die Füße auf der Erde festen Halt haben. Einatmen, ausatmen. Und um ganz anzukommen in dem "Ich bin", verorte ich mich zwischen Himmel und Erde, zwischen Sternen und Planeten. Da bin ich, danke. Dann verorte ich mich in der Landschaft: Welcher Fluss, welcher Berg ist in meiner Nähe? Dafür danke ich. In welchem Land, welcher Gegend, in welcher Stadt oder in welchem Dorf bin ich hier?

Auch dafür danke ich. Und dann die nächste Station: Wer hat dazu beigetragen, dass ich heute hier sein kann? Die Mutter, der Vater, Geschwister, Großeltern, Menschen aus meiner Ahnenreihe. Eine Lehrerin... Freundin, Freunde. Der Lebensmensch an meiner Seite, die eigenen Kinder. Ihnen allen verdanke ich, dass ich jetzt hier bin. So wie ich bin. Auch ihnen ein großes Danke. Und dann bleibe ich bei diesem Ich bin. Die kraftvollsten Worte. Ich bin. Nicht "Ich bin dieser oder jenes nicht ich bin glücklich oder traurig.  Nicht ich bin erfolgreich oder gescheitert." Ich bin. Immer noch und immer wieder neu ein Kind Gottes.

Wenn Engel eintreten: Begegnungen, die Wege verändern

Zurück zu Kornelius. Der hat schließlich eine Erscheinung

Er sah deutlich einen Engel Gottes bei sich eintreten; der sprach zu ihm: Kornelius! Er aber sah ihn an, erschrak und fragte: Herr, was ist?

Der sprach zu ihm: Deine Gebete und deine Almosen sind gekommen vor Gott, dass er ihrer gedenkt. Und nun sende Männer nach Joppe und lass holen Simon mit dem Beinamen Petrus. Der ist zu Gast bei einem Gerber Simon, dessen Haus am Meer liegt.

Und als der Engel, der mit ihm redete, hinweggegangen war, rief Kornelius zwei seiner Knechte und einen frommen Soldaten von denen, die ihm dienten, und erzählte ihnen alles und sandte sie nach Joppe.

Es geht weiter. Für Kornelius endet seine spirituelle Reise noch nicht. Der Engel knüpft weitere Verbindungen. Er bringt ihn mit Petrus zusammen. Andere sind auf deiner spirituellen Reise an deiner Seite, das tut gut. Und plötzlich sind hier ganz viele involviert. Diese Begegnung soll, muss unbedingt stattfinden

Da rief Petrus sie herein und nahm sie als Gäste auf. Am nächsten Tag stand er auf, ging mit ihnen fort und einige der Brüder aus Joppe kamen mit ihm. Und am nächsten Tag kam er in Cäsarea an. Kornelius, der seine Verwandten und engsten Freunde zusammengerufen hatte, erwartete sie. Als Petrus hereinkam, ging Kornelius ihm entgegen, fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.

Petrus aber richtete ihn auf und sagte: "Steh auf, auch ich selbst bin ein Mensch." Und während er sich mit ihm unterhielt, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. Er sprach zu ihnen: "Ihr wisst, wie unerlaubt es für einen jüdischen Mann ist, sich einem Fremden eng anzuschließen oder zu ihm zu kommen; mir aber hat Gott gezeigt, keinen Menschen profan oder unrein zu nennen, weshalb ich auch ohne Widerspruch gekommen bin, als nach mir geschickt wurde. Ich frage nun: Aus welchem Grund habt ihr mich kommen lassen?

Kornelius sprach: "Vor vier Tagen war ich zu dieser, der neunten Stunde beim Gebet in meinem Haus; und siehe, ein Mann trat vor mich in leuchtendem Gewand und sprach: "Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. Schicke nun nach Joppe und lass Simon herrufen, der Petrus genannt wird; dieser ist zu Gast im Hause Simons, eines Gerbers, am Meer. Da habe ich sofort (Μänner) zu dir geschickt, und du hast gut daran getan zu kommen. Nun sind wir also alle hier vor Gott, um alles zu hören, was dir vom Herrn aufgetragen ist.

Petrus öffnete den Mund und sagte: "In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt." (Apg 10, 21-35)

Ein Riesen-Hinundher. Da ist richtig was los. Zwei Beter, die ihre innere Stimme, ihren Engel kennen und erkennen, kommen endlich zusammen. Und sie tun alles, um dieser inneren Suche nachzugehen. Sie nehmen ihren spirituellen Hunger und Durst sehr ernst. Es geht um alles. Lebenswegnavigation. Kormelius, der Freund des jüdischen Volkes, gehört noch nicht ganz dazu. Er ist ein Sympathisant. Und das ändert sich jetzt. Aber was wird er nun? Ein Christ, dadurch dass er mit dem Jesusjünger in Kontakt kommt, der ihm und den Seinen schließlich die ganze Jesusgeschichte erzählt und sie sich am Ende alle taufen lassen? Oder lernt Kornelius einen besonderen Weg innerhalb des Judentums kennen und verschreibt sich dem ganz – nämlich dem Jesusweg, den Petrus als frommer Jude selbst geht?

Wie das nun gelingt, ist ein kleines Lehrstück in Sachen Spiritualität. Wem vertraue ich mich an? Wer darf meine Seelensehnsucht kennen? Geht behutsam mit ihr um? Bestärkend.

Kornelius findet einen klugen spirituellen Lehrer. Der lässt sich nicht verehren wie ein Gott. Vor ihm soll keiner niederknien. Petrus macht sich nicht selbst zum Meister über seinen Schüler, er begibt sich auf die gleiche Ebene. Und schafft keine Abhängigkeiten. Er bindet seinen Schüler nicht an sich selbst, sondern an Gott. Diese Demut ist ein Schlüssel für alle spirituellen Beziehungen. Alles andere ist gefährlich, wäre Missbrauch.

Und dann überschreitet Petrus religiöse Regeln, denen er normalerweise folgen würde. Vor dieser Begegnung hat auch er einen verrückten und doch glasklaren Traum. Dreimal wird er ihm Traum aufgefordert, Unreines zu essen Dreimal hatte Petrus Jesus verleugnet bis der Hahn krähte. So greifen die Geschichten ineinander. Doch diesmal verzagt Petrus nicht. Petrus geht zu Kornelius. Es gibt weder unreine Tiere noch unreine Menschen. Religiöse Grenzen und Normen sind wichtig, aber etwas anderes ist viel wichtiger: das "Ich bin" Gottes. Mein eigenes Ich bin kommt ja genau daher.

"In Wahrheit begreife ich, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern in jedem Volk ist ihm angenehm, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt."

Schließlich öffnet Kornelius sein Haus, mit all seinen Angehörigen und Dienerinnen und Dienern. Er lässt Petrus ein in sein Inneres Haus. Und Petrus lässt sich ein. Ein Aufeinanderzugehen, ein Voneinanderlernen. Jeder hat was zu geben, weil Gott selbst die Gabe ist. Sie kann frei fließen, der Geist hat freie Bahn, weil die Menschen sich mit ihren Konventionen und Ängsten nicht dazwischen stellen. So kommt hier eine kleine Gemeinde zusammen. Störungen haben nicht Vorrang – es finden keine statt. Der große Frieden umschließt alles und lässt die Nebensachen Nebensachen sein. Ein Wir, dass das "Ich bin" jedes Einzelnen respektiert und aufblühen lässt. Da gerate ich ins Schwärmen.

Das Wunder zwischen Kornelius und Petrus ist noch nicht ganz auserzählt. Das größte Wunder kommt noch: Nehmen wir Kornelius als Repräsentanten seiner Stadt Caesarea, in der er stationiert ist. Im Jahr 66 nach Christus, kurz vor dem großen römischen Krieg, hat in dieser Stadt eine Tragödie stattgefunden. Der Kaiser Nero im fernen Rom hat der jüdischen Bevölkerung plötzlich die Bürgerrechte weggenommen. Er sei von der nichtjüdischen Bevölkerung bestochen worden. Und die Antwort der Stadt Caesarea ihren Juden gegenüber ist: Pogrom. Verfolgung, Vernichtung. 22.000 Menschen sollen es gewesen sein. In diese leeren Judenhäuser werden römische Kriegsleute mit ihren Familien und mit ihrem Gesinde verpflanzt.

Vielleicht gehört Kornelius zu ihnen und wohnt in einem solchen Haus. Und jetzt sackt die Geschichte einige Stockwerke tiefer. Und noch radikaler in unsere Zeit. Antisemitismus heute, auf der ganzen Welt. Dass ein Jude und ein Römer sich hier friedlich begegnen können, dafür braucht es Engelskräfte. Der Hauptmann als Teil der Besatzungsmacht verzichtet auf Gesten der Überlegenheit, der Repression. Im Gegenteil – er wirft sich nieder vor Petrus.  

Und Petrus legt den Hauptmann nicht auf dessen Rolle als Besatzer fest. Er sieht ihn als Person. Ein Ich-Bin - wie er. So hat Jesus es gemacht, immer. Und das verändert so viel: Politische Gegner, zu Feinden gemacht von der Staatsmacht, treten heraus aus ihren Rollen.

Nicht festgelegt werden, sich nicht festlegen lassen. Auch nicht von sich selbst. Frei umherreisen auf dem Lebensmeer, aber mit Kurs, mit Orientierung, mit Vertrauen. Mit Freude. Lebenswegnavigation. Und das ist unsere Berufung. Dazu braucht es immer wieder Engelskräfte. Oder ein Gebet an einen Schutzengel, Prayer to a guardian Angel, wie dieses:

Komm in der Nacht, leise und still. Engel des Lichts. Zeig mir, was Liebe will. Dunkel ist es in meiner Seele und voller Angst mein Geist. Hilf mir den lautersten und sanftesten Weg zu finden.

Komm im Morgengrauen, Engel des Trostes, hülle mich ein, heb mich hoch. Hilf mir erkennen, dass all deine Schätze mir die Kraft geben, mich zu befreien.

 

[1] Rötting, Martin: Spiritualität als Navigation? Theologische Herausforderung religiöser Suchbewegung. MTh/ 69 (2018) 193-207.