Sonntag. Endlich frei. Endlich Ruhe. Zeit zum Aufatmen.
Sechs lange Wochentage liegen hinter uns und jetzt der Ruhetag. Frei, alle haben frei. Naja, alle bis auf Krankenschwestern und Feuerwehrleute, Pfarrerinnen und Priester, die müssen ihren freien Tag nachholen. Für die meisten Menschen aber ist der Sonntag der freie Tag, der Ruhetag. Ein Tag voller Rituale:
Ich erinnere mich an Sonntagsspaziergänge mit den Eltern, die ich stinklangweilig fand. Heute genieße ich meinen freien Sonntag und bin gerne mit dem Hund unterwegs in Wald und Flur. Meine Oma hat gesagt, dass am Sonntag keine Wäsche aufgehängt werden darf. Man soll sich ja ausruhen am Sonntag, nicht arbeiten. Ein bisschen zwanghaft war das schon. Es ging sicher auch um die Nachbarn, was sollen die denn sagen, wenn da sonntags die Unterhemden und Hosen an der Wäscheleine flattern?! Für viele ist der Sonntag erstmal ein Ausschlaftag, dann wird schön gefrühstückt und ein Familienausflug gemacht. Endlich Zeit für Sport: Mountainbiken, Paddeln, Wandern. Oder Zeit für ein dickes Buch: ab aufs Sofa und eine Tasse Tee dazu. Für manche Menschen gehört der Gottesdienst zum Sonntag. Gemeinsam singen, still sein und sich anregen lassen von der Predigt, sich stärken lassen von Brot und Wein beim Abendmahl. Und, liebe Hörerinnen und Hörer, für viele von Ihnen gehört auch die Morgenfeier zum Sonntag – jetzt direkt um kurz nach 10 Uhr oder als Podcast gerne auch am Abend.
Sonntag. Kein Schuften, keine Schule, kein Shoppen!
Der Sonntag steht in Deutschland als Ruhetag unter gesetzlichem Schutz. Wenn an der Sonntagsruhe gerüttelt wird, dann sagen die Kirchen: "Der Sonntag ist für den Menschen da!" und die Gewerkschaften pflichten ihnen bei: Shopping-Sonntage wären ja doch wieder nur ein Privileg für diejenigen, die auch das nötige Kleingeld haben. Für die, die arbeiten müssen, ist es wieder nur ein Werktag.
Für alte Menschen ist der Sonntag oft ein trauriger Tag, weil da das Allein-daheim-Rumhocken noch spürbarer wird. Alle Tage sind gleich, gleichwertig, gleich langweilig, der Sonntag glänzt nicht mehr. Oder doch? Vielleicht kommt die Enkelin vorbei, aber nein, die hat ja auch immer so viel zu tun. Sonntag heißt warten. Auf was noch warten?
Alle die einsamen Menschen
Wie mit einem Brennglas schauen die Beatles auf Eleanor Rigby und Father McKenzie – und sehen Absurdes und Trauriges. Die Beiden scheinen nicht die einzigen zu sein: Look at all the lonely people. Wo kommen sie nur alle her? Eleanor sitzt am Fenster, sammelt den Reis auf, der bei einer Hochzeit in der Kirche verstreut wurde. Vielleicht hat sie Hunger? Father McKenzie, der Pfarrer, stopft nachts seine Socken und schreibt eine Predigt, die keiner hören will. Was ist der Sinn seiner Sonntage?
An einem Schabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger fingen an, am Weg entlang Ähren abzureißen. Da sagten die Pharisäer zu ihm: "Hast du gesehen, was sie da tun? Das ist doch am Schabbat nicht erlaubt!" Jesus entgegnete: "Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Begleiter nichts zu essen hatten und Hunger litten? Wie er damals – zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar – ins Haus Gottes ging und von den geweihten Broten aß, von denen doch nur die Priester essen dürfen, und wie er auch seinen Begleitern davon gab?" Und Jesus fügte hinzu: "Der Schabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Schabbat. Darum ist der Menschensohn Herr auch über den Schabbat." (Markus 2,23–28 NGÜ)
Eine Schabbat-Szene, an der nicht Schabbat gefeiert wird
Der jüdische Ruhetag hat feste Regeln und Rituale. "Nach sechs Tagen Arbeit soll ein Tag ohne Arbeit sein, frei zur Freude an gutem Essen, am Miteinandersein, frei für die Schönheit des Lebens und das Lob Gottes. Gott selbst, so erzählt es die Bibel ganz am Anfang, hat den Rhythmus der Schöpfung vorgegeben, indem er sechs Tage an ihr arbeitete, um dann am Schabbat auszuruhen. Der Schabbat wird feierlich begrüßt mit leuchtenden Kerzen, gemeinsamem Essen und Gotteslob. Gott loben können heißt, den eigenen Körper als von Gott geschaffen erleben, satt werden zu können und die Glieder auszustrecken im Glück des Lebens und der Gemeinschaft" so die Theologinnen Dorothee Sölle und Luise Schottroff.
Von all dem ist in der Erzählung nicht die Rede. Nur: Jesus geht an einem Schabbat durch die Felder – den Bauern möchte ich erleben, der sich darüber nicht aufregt, wenn ihm einer die Ernte niedertrampelt!
Die Jüngerinnen und Jünger reißen Ähren ab am Wegesrand. Aus Langeweile? Sind sie ins Nachdenken versunken und rupfen geistesabwesend ein paar Halme ab?! Auch hier erfahren wir nichts Näheres. Pharisäer und Pharisäerinnen beobachten die Szene, kann ja jeder sehen, was die da machen, also fragen sie nach, und zwar beim Chef der Truppe: "Hast du gesehen, was sie da tun? Das ist doch am Schabbat nicht erlaubt!"
Die pharisäische Bewegung war vornehmlich eine Bewegung der kleinen Leute. Sie haben versucht, sich im täglichen Leben an Gottes Geboten zu orientieren, das war ihnen wichtig, weil sie Gott lieben. Wie leben wir zusammen, im eigenen Haus, in der Familie. Was ist Gottes Wille und wie können wir ihn erfüllen?
Ich gehe davon aus, dass die Pharisäer an einem echten Gespräch mit Jesus interessiert sind, an einer Klärung: Wie macht ihr das mit dem Schabbat? Man soll doch nicht arbeiten, das steht geschrieben, aber ihr rupft die Ähren ab, wie geht das alles zusammen?!
Pharisäer und Jesusleute haben eine gemeinsame Grundlage, die Thora, und auf der möchte man sich verständigen, hören, reden, austauschen. Alle sind mit der gleichen Sehnsucht unterwegs: Gott nahe sein, Glaube und Alltag zusammenbringen, erfüllte Tage, einen erfüllten Ruhetag leben.
"Habt ihr nie gelesen, was David tat?!" Jesus antwortet mit einer Gegenfrage. Das nicht unhöflich in diesem Setting ist, sondern gehört zu einer wertschätzenden Diskussion. Alle lieben die Geschichte von David, wie er seinen Weg macht vom jungen Hirten und Auserwählten zum Musiktherapeuten am Hof von König Saul, die Romanze mit Jonathan, wie er von Saul zunehmend als Konkurrent empfunden wird und schließlich fliehen muss vor ihm. Und dann natürlich wie David selbst König wird über Israel und Juda. Kennen doch alle, oder?
Die Perspektive der Hungrigen
Was Jesus da erzählt, ist aber irgendwie anders, als sie das in Erinnerung haben. Als David schutzsuchend in den Tempel flieht, da hieß der Priester doch nicht Abjatar, das war doch Abimelech?! Und überhaupt, das steht doch alles ganz anders im Samuelbuch: David muss fliehen und kommt zum Priester – Abimelech! – und verlangt, was der zur Hand hat; der hat nur das Brot da, das auf den Altar gelegt wird, das gibt er ihm schließlich – dass David Hunger hat, das wird mit keinem Wort erwähnt. Interessant...
Warum erzählt Jesus die Geschichte so anders? Darüber gibt es lange Diskussionen in der Auslegungsgeschichte. Für mich am schlüssigsten ist die Interpretation von Luzia Sutter Rehmann, sie ist Professorin für Neues Testament, also eine, die von Haus aus genau liest und genau hinschaut. Das Erste, was ihr auffällt: Jesus lässt sich hier überhaupt nicht auf eine "das ist verboten – das ist erlaubt"-Diskussion ein, sondern er bezieht diese kurze Erzählung von David auf die gegenwärtige Situation der Jünger und Jüngerinnen, das, was gerade los ist bei ihnen. Die Bibel ist kein fernes Buch mit fernen Geschichten, die eh keiner glauben kann. Menschen haben sich erzählt und aufgeschrieben, was sie mit Gott und im Glauben erlebt haben und das hat dann auch immer etwas mit mir zu tun, mit mir gläubigem Menschen, die ich mich nach Gottes Nähe sehne, die ich Glaube und Alltag zusammenbringen will, die ich erfüllte Tage und einen erfüllten Ruhetag leben möchte. Und so verknüpft Jesus die allen bekannte Geschichte von Davids Flucht in den Tempel mit der Not seiner Jüngerinnen und Jünger. Aus Davids Frage: "Was hast du zur Hand?" hört Jesus den Hunger heraus.
Du hast Brot zur Hand, das brauchen wir, wir haben Hunger. Brot sättigt.
Hier ist ein Kornfeld, wir rupfen die Ähren, das brauchen wir, wir haben Hunger. Die Körner sättigen, wenigstens ein bisschen.
"Jesus liest den Hunger in die Geschichte Davids hinein, in seine Flucht. So, als ob es selbstverständlich wäre, dass, wer auf der Flucht ist, hungert und auf die offene Hand anderer angewiesen ist" schreibt die Theologieprofessorin Sutter Rehmann. "Diese Selbstverständlichkeit, den Hunger zu sehen, wo er nicht explizit genannt ist, entspricht der Hermeneutik der Hungrigen. Sie lesen Texte anders als Satte, Wohlgenährte. Sie vermuten den Hunger in der Textlücke, sie wissen um seinen Schatten, der sich in einer ungeduldigen Frage verbirgt oder in einer kühnen Bitte. Hunger macht vor den JHWH geweihten (Schau-)Broten nicht halt."
Hunger macht vor dem Schabbat nicht halt. Das ist der Lebenszusammenhang, in dem sich Jesus bewegt: Auf dem Weg sein, arm sein, hungrig. Auf die offene Hand angewiesen.
Was ist Hunger?
Ich persönlich kenne Hunger nicht. Ich bin aufgewachsen im Westdeutschland der 1970er und 80er Jahre mit dem Gefühl, es gibt immer alles, die Regale sind voll, meine Eltern konnten uns drei Kinder gut ernähren. Für die Schule habe ich ein Pausenbrot mitbekommen und mittags gab es ein Mittagessen: "Omelettnsuppn", eine Pfannkuchensuppe oder Grießbrei mit Zwetschgen. Um 18Uhr dann Abendessen: Brot, Wurst, Käse. Sonntags manchmal Braten, manchmal Essengehen. Hunger kenne ich nicht. Ich habe meine Mutter gefragt, Jahrgang 1938, ob sie Hunger kennt. Nein, auch wenn sie in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, sie hatten genug und gleich hat sie sich an die Großmutter erinnert, die sich den riesigen Brotlaib an die Brust drückt und mit einem Messer eine Scheibe für die Enkel abschneidet, dann die Butter drauf. "Oma, tu halt a weng mehr Butter drauf!" Nein, hat die Oma gesagt, die Löcher im Brot sind voll, das muss reichen.
Wenn ich durch die Straßen in meinem Viertel gehe, dann ist da Müll auf der Straße, vor allem Essensreste: Pizzakartons mit halben Pizzen drin, angebissene Döner, halbe Brezn, auch mal Take-Away-Sushi, alles achtlos in die Büsche geschmissen. Da hatte wohl jemand Hunger und dann...war‘s zu viel? War der Hunger doch nicht so groß? War‘s egal?
Wie es hinter den Wohnungstüren aussieht, sehe ich nur selten. Ob da Menschen wohnen, die Hunger haben? Wenn ich als Pfarrerin zu Besuch komme, dann sehe ich die Oberfläche. Die ersten Möbel noch aus den 1960ern, bloß nicht umziehen aus der engen Wohnung, weil eine größere unbezahlbar ist, ich sehe einfache Kleidung, die auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, es sind kaum Bilder an der Wand. Das alles kann ich sehen, Hunger kann ich nicht sehen.
Ich sehe Schulkinder ohne Pausenbrot, die wahrscheinlich mittags Fastfood aus der Mikrowelle kriegen. Kennen die Hunger? Ich denke, ja! Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut. Jeden Tag eine warme Mahlzeit – das ist für diese Kinder nicht selbstverständlich. In Deutschland gibt es Hunger, insbesondere Ernährungsarmut, das heißt: jemandem steht nicht genug Geld zur Verfügung, um sich ausreichend und vor allem gesund zu ernähren. Am häufigsten trifft es Geflüchtete, Haushalte mit geringem Einkommen und Menschen, die von Grundsicherung leben, darunter viele junge Menschen, aber auch Rentnerinnen und Rentner sowie Alleinerziehende und natürlich Wohnungs- und Obdachlose. Schätzungen zufolge kennen drei Millionen Menschen in Deutschland Hunger. Gründe sind u.a. die Inflation, die die Preise für Lebensmittel in die Höhe treibt. Allein von Februar 2022 bis Februar 2023 sind die Nahrungspreise um 21,8 Prozent gestiegen. Laut dem Regelsatz aus dem Bürgergeld werden für alleinstehende erwachsene Personen rund 5,60 € pro Tag für Essen berechnet. (Stand: Januar 2023) Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung müssten es mindestens 7,50 Euro sein.
Manchmal gebe ich allein für Kaffee und Kuchen 7,50€ aus. Mir das vor Augen zu führen, ist ein erster Schritt.
Ich kann genau hinschauen, auch wenn es Überwindung kostet, mich aus meiner satten Komfortzone zu erheben. Ich kann teilen. Ich kann ansprechen. Ich kann mich solidarisieren mit den Hungrigen, Rentnern, Alleinerziehenden, Geflüchteten, mit denen, die nicht gesehen werden. Solche wie Eleanor Rigby. Look at all the hungry people.
Der Schabbat ist für den Menschen da
Gemeinsame Grundlage für uns Christen ist die Bibel. Wir lesen sie alle aus unserer jeweiligen Perspektive in unsere jeweilige Zeit. Ich als satte Frau mit gutem Gehalt lese sie anders als ein 10Jähriger Junge aus der Nürnberger Südstadt, der natürlich sagt: Ey, wenn ich Hunger hab, dann gehe ich an den Kühlschrank, auch wenn es die Mutter verboten hat!
"Der Schabbat ist für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Schabbat."
Das wird oft als Spitzensatz aus der Erzählung bezeichnet und wird ja in abgewandelter Form oft zitiert. 1948 haben sich Juristen und Politikerinnen auf Herrenchiemsee getroffen, um gemeinsam am Grundgesetz zu arbeiten. Nach den Erfahrungen der Nazi-Diktatur formulierten sie folgenden Satz: "Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen" und das ist ja auch der Hintergrund zu Artikel 1 des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
Der Schabbat ist für den Menschen da. Gott ruhte aus am siebten Tag der Schöpfung und segnet und heiligt den Ruhetag. Zeit zum Aufatmen. An diesem Tag sollen alle Geschöpfe sich ausruhen und alle heißt wirklich Alle: nicht nur die Mächtigen und Satten, auch die Sklaven und Bediensteten, die Fremden ohne Rechte, selbst die Tiere sollen zur Ruhe kommen. Alle Geschöpfe Gottes dürfen aufatmen. Alle sollen spüren: ich bin gewollt, ich gehöre zu Gott und meine Würde kann mir niemand nehmen. Die Segnung des Ruhetags als Krone der Schöpfung ist revolutionär.
Jesus hat darunter gelitten, dass das in der Realität nicht klappt: er hat die gesehen, die hungern, die keine Arbeit haben, die nichts wert sind in den Augen der Gesellschaft, die von Krankheiten gequält werden. Wie sollen sie fröhlich sein und Gott loben? Hunger bedeutet Zerstörung der Körper und der Seelen. Woher soll die Ruhe kommen? Wer hungert, kann nicht warten. Jesus stellt die Frage nach der Würde jedes einzelnen, nicht nach den Regeln.
Der Schabbat ist für den Menschen da. Der Sonntag ist für den Menschen da. Darin liegt eine große visionäre Kraft. Die Schabbate und die Sonntage, die wir feiern, sollen ein Vorgeschmack sein auf die in Gottes Reich. Die Sehnsucht wird sich nicht erschöpfen im Besuch der Enkelin, im Mountainbiken oder keine-Wäsche-aufhängen. Die Sehnsucht schöpft aus der Nähe zu Gott. Aus der Ruhe, zur Ruhe kommen. Aus der offenen Hand und dem weiteren Blick. Aus dem gemeinsamen Feiern. Wir alle, arm und reich und alt und jung sollen spüren und schmecken, wie freundlich Gott ist. Darauf warten alle.
Die Evangelische Morgenfeier
"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörer:innen immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."
Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.