25.08.2019
Evangelische Morgenfeier

Predigt zum Israelsonntag: Die Wurzel trägt dich

"Als Christen dürfen wir keinesfalls auf das Judentum herabblicken. Es ist die Wurzel, die uns trägt", sagt Pfarrer Hans Christian Kley in der Evangelischen Morgenfeier. Am Israelsonntag predigt er über das Verhältnis der Kirche zum Judentum, das über lange Zeit von Misstrauen und trennender Fremdheit geprägt war.
Christus zwischen Kirche und Synagoge
Christus zwischen Ecclesia und Synagoga, Glasfenster in der Basilika von Saint-Denis, Paris

Bilder und Irrtümer

Die barocke Kanzel ragt direkt in mein Blickfeld. Ich sitze im Pfingstgottesdienst in einer katholischen Kirche, freue mich an der Musik und der gelungenen Predigt, doch mein Blick schweift umher: Ich betrachte die Schnitzwerke, die Säule, auf der die Kanzel ruht und den Kanzelkorb – die Plattform, auf der der Pfarrer beim Predigen steht und ich versuche, die Bilder zu deuten. Deutlich sichtbar die vier Evangelisten. Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Unter dem Korb bücken sich kleinere Gestalten mit Bärten, sie tragen die Kanzel, wie antike Atlas-Figuren, die schwer an der Welt tragen. Goldene Schriftbänder bezeichnen die kleinen bärtigen Männlein als Jesaja und Jeremia... so klein? Das sind die großen Propheten der hebräischen Bibel, sie sind die Basis, auf der das Evangelium ruht, so wird es hier auch gezeigt.

Aber ich bin nicht ganz mit der Darstellung einverstanden, denn: zu klein, zu untergeordnet sind sie hier. Sie sind größer und wichtiger. Ihre Stimme verkündet auch das Evangelium, die gute Botschaft von der Liebe Gottes. Sie setzen sich ein für die Nächstenliebe, sie riskieren Kopf und Kragen, wenn sie die Ungerechtigkeit ihrer Zeit benennen. Wie Jesus. In der kirchlichen Tradition aber wird ihr Wort meist klein gehalten: Sie dürfen ankündigen, was sich in Jesus Christus dann erfüllt. Das ist mir zu wenig.

Auch in anderen Kirchenräumen kann man es entdecken. Am Hauptportal der Basilika in meiner Stadt – ich komme dort oft vorbei –  ist ein Kreuz abgebildet, das Hände hat. Die rechte Hand segnet einen Priester, der gerade das Abendmahl feiert. Die linke Hand hält ein Schwert. Da steht am Kreuz eine königliche Dame. Sie hat verbundene Augen. In der einen Hand hält sie eine zerbrechende Fahnenstange, in der anderen einen Ziegenkopf – das Zeichen der Schande. Das Kreuz schlägt ihr mit dem Schwert die Krone vom Haupt. Die blinde Dame ist niemand anderes als die Synagoge, das Judentum. Die Kirche macht es deutlich: Jetzt regiert das Christentum. Jesus selbst beendet die Zeit der Synagoge mit dem Schwert.

Aber es geht noch schlimmer: In einer Klosterkirche, die ich gut kenne, hängt ein Kreuzweg. Geschnitzt in den Sechziger- oder Siebziger-Jahren des 20ten Jahrhunderts. Und in die alten Stationen des Leidens Christi schleicht sich immer wieder eine Figur, die da gar nicht hingehört: Sie trägt ein langes Gewand und eine Krone, die wie zwei Hörner geformt ist. Das Gesicht verzerrt, die Nase übergroß, das Kinn ist teuflisch nach vorne hin verlängert. An einer der Stationen – Jesus liegt gerade zusammengebrochen am Boden – nimmt die Figur Anlauf und tritt ihn kräftig mit ihrem Fuß. Doch wer ist der Mann mit der Hörner-Krone? Er ist der Hohepriester, der Repräsentant der Juden.

So lernen die Betenden ganz nebenbei, dass die Juden nichts taugen, dass sie Feinde Jesu Christi sind. Und das NACH dem Dritten Reich? Es gibt viele Figuren an vielen Kirchen, die stets dasselbe sagen: Die Synagoge hat ihre Zeit hinter sich, und sie ist selbst schuld an ihrem Unglück. Eine Hass-Predigt in Bildern, wiederholt seit Jahrhunderten, bis heute.

Wenn Sie jetzt noch zuhören, dann sind Sie tapfer. Wer will schon mitten im August etwas davon hören? Aber das Thema gehört hier her. Es ist Israel-Sonntag. Die Gemeinden bedenken heute die Treue Gottes zu seinem Volk und das Verhältnis der Kirche zum Judentum. Und Sie sehen schon, da geht ein Riss. Gottes Treue und das Tun der Kirche. Sie wollen nicht so recht zusammenpassen.

Ich will aber gar nicht länger an die dunkle Geschichte erinnern, auch wenn diese natürlich stets mitschwingt. Ich will heute erzählen, wie es gelingen kann, den überlieferten Hass und die trennende Fremdheit zu überwinden. Fremd ist das Judentum für die meisten, und fremd ist die Sprache der jüdischen Bibel. Wie die ersten Worten unserer Schrift – auf Hebräisch: Berseshit bara Elohim et hashamajim we et haarez.

Anfänge

Klingt fremd. Aber hören wir die Worte auf Deutsch:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 

Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe;

und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 

Und Gott sah, dass das Licht gut war.

Da schied Gott das Licht von der Finsternis

und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.

Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (1 Mose 1,1-5)

Ich habe die Sprache der Synagoge wohl zum ersten Mal in Regensburg gehört. Ich war ein Kind, wir haben in der Oberpfalz gelebt, und meine Eltern hatten Kontakt zur Regensburger jüdischen Gemeinde. An einem Samstagvormittag sitze ich – meine Füße reichen kaum bis zum Boden – im Gottesdienst. Auf dem Kopf ein kleines Scheitelkäppchen – eine Kippah – in der Hand ein Büchlein mit komischen Buchstaben rechts und lateinischer Schrift links. Der Gottesdienst ist bewegt, man steht auf, wendet sich zur Türe – die unsichtbare Königin Shabbat tritt ein. Man setzt sich wieder, steht erneut auf. Jemand geht nach vorne und öffnet einen Schrank. Samt und Silber glänzen im Morgenlicht. Mit gehobener Stimmung treten Männer an die Schriftrolle heran, die eben noch so prunkvoll verborgen war, berühren sie ehrfürchtig mit ihrem Gebetsmantel. Dann wird rezitiert: Hebräisch, wie schon im ganzen Gottesdienst. In einem zauberischen Singsang wird das Wort Gottes lebendig.

Für mich ist das alles fremd und faszinierend, die Stimmung ist konzentriert aber fröhlich, und danach gibt es immer Kekse, süßen Wein für die Großen und Orangensaft für meinen Bruder und mich. Und dann sprechen auch alle Deutsch und die Männer die vorher im fremden Singsang gelesen haben sind so herzlich und freundlich. Ich habe damals nur nicht verstanden, warum manche von ihnen am linken Unterarm Nummern auf der Haut hatten. Das waren die Häftlingsnummern, die man ihnen im Dritten Reich eintätowiert hat Mir als Kind ist das herzlich egal gewesen, ich habe nur erlebt: Da feiert jemand Gottesdienst, und es ist fröhlich und einladend und wunderbar. Auch wenn ich nichts verstanden habe von all dem, mein Herz war erfüllt. Vor Gott saßen wir wie Brüder und Schwestern.

So, wie es im Psalm geschrieben steht (Ps 133,1):

Wie gut und angenehm ist es, wenn Brüder in Eintracht beisammen wohnen!

Hinneh mah tov umah naim, schävät Aḥim gam jaḥad.

In diesen Jahren habe ich auch Gerty Spies kennen gelernt. Sie war eine bereits alte Dame, lebte in ihrem kleinen Appartement in München, umgeben von einigen Erinnerungsstücken aus alter Zeit. Sie war schon ganz klein und faltig, dabei stets freundlich und liebevoll, besonders auch zu uns Kindern. Sie hatte drei Jahre im KZ Theresienstadt verbracht, weil sie Jüdin war. Auch sie ist nach dem Krieg geblieben, so, wie die Männer in Regensburg. Sie ist nicht ausgewandert nach USA oder nach Israel. Das war sicher nicht leicht für sie. Mit Gedichten hat sie sich buchstäblich am Leben gehalten. Und diese Gedichte liegen mir heute immer noch im Ohr, besonders das eine:

Des Unschuldigen Schuld

Was ist des Unschuldigen Schuld -

Wo beginnt sie?

Sie beginnt da,

Wo er gelassen, mit hängenden Armen

Schulterzuckend daneben steht,

Den Mantel zuknöpft, die Zigarette

Anzündet und spricht:

Da kann man nichts machen.

Seht, da beginnt des Unschuldigen Schuld.[1]

Auf ihren Grabstein ließ sie folgende Zeile meißeln:

"Ich liebte, lachte und litt"

Weitere Begegnungen

Diese frühen Begegnungen waren, wie ich jetzt weiß, ein großes Geschenk. Nur sehr selten sind Kinder in meinem Generation mit dem Judentum geradezu aufgewachsen. Wir waren ja nicht nur einmal in Regensburg im Gottesdienst oder bei Gerty Spies in München zu Besuch. Als ich Acht war, besuchten wir dann zum ersten Mal Israel. Vor allem die Pflanzen haben mich interessiert, die so anders waren, als die, die bei uns im Garten wuchsen. Ich habe Baumwolle bestaunt und bunt blühende Bougainvilleas. Aber wir waren auch bei Privatleuten zu Gast, haben eine sozialistische Siedlung besucht – einen Kibbuz – und haben die üblichen Orte gesehen - Betlehem, Jerusalem, das Tote Meer.

Der Höhepunkt für mich aber war ein Besuch bei einem Künstler: Arik Brauer. Er stammt aus Wien und lebt noch heute mal da, mal dort. Er malt Bilder, macht sehr besondere Skulpturen, etliche Häuser sind nach seinen Entwürfen errichtet. Als junger Mann war er ein erfolgreicher Musiker. Zusammen mit André Heller, Wolfgang Ambros, Georg Danzer und anderen hat er den Austro-Pop geprägt. In den Hügeln bei Haifa im Norden Israels hat Brauer ein lustiges Haus gebaut, fast ohne Ecken, oben auf dem Dach eine Art rundes Zelt aus Beton, ganz luftig, in dem man sitzen kann, der Wind weht von allen Seiten durch große runde Öffnungen und der Blick geht weit.

Auf dem Weg zum Haus habe ich meine Nase natürlich wieder am Boden. An den vertrockneten Disteln hängen Schnecken, die sich vor der glühenden Hitze nach oben in den Windhauch geflüchtet haben. Alles hängt voll von diesen Schnecken. Im Atelier dann betrachte ich ein Bild, das gerade auf der Staffelei entsteht: Der Vogeldoktor heißt es. Ein Mann steht inmitten der trockenen Pflanzen, die ich gerade auf dem Weg noch gesehen habe, er beugt sich zu einem Gockel herab, liebevoll zugewandt. Doch es fehlen die Schnecken! Natürlich habe ich Arik Brauer darauf aufmerksam gemacht, dass doch überall Schnecken hängen – wie Kinder das eben so machen. Er hat aber sofort nachgeschaut und ja, Schnecken überall... Als ich einige Jahre später das Bild in einer Ausstellung wiedersah, waren Schnecken an den Gräsern - ganz klein, aber gut sichtbar.

Von den Liedern, die Arik Brauer aufgenommen hat, möchte ich Ihnen eines vorspielen. Brauer singt von Jesus, von seinen Jüngern und der Kirche. Er beschreibt Jesus als einen hellen Kopf, der ein wirklich neues Leben führt und dafür mit dem Leben bezahlt – Viva la Morte. Aber schon seine Jünger kapieren es nicht so ganz, können es auch nicht so radikal leben. Dafür reden sie schön und haben schöne Lieder – Viva die Worte – und so geht es Stufe um Stufe weiter bergab: Viva die Horde, Viva die Torte. Brauer greift nicht Jesus an, aber seine Anhänger. Er schreibt zu seinem Lied: "Große Ideen machen eine Metamorphose durch wie das Wasser. Die Quelle liegt hoch oben und ist klar. Je tiefer der Fluss hinunterrinnt, um so breiter aber auch trüber wird er." Ich muss mir seine Kritik gefallen lassen. Ich muss mich selbst prüfen, ob er auch mich mit seiner Kritik trifft. Im Bezug auf das Judentum ist die kirchliche Tradition gewiss ein trüber Fluss.

Umkehr

Der Israelsonntag kann in der Kirche mit der Farbe Grün am Altar gefeiert werden, Grün symbolisiert die aufgehende Saat, die Hoffnung und das erneuerte Leben. Man kann den Israel-Sonntag aber auch in der Farbe Violett feiern. Violett deutet auf die Schuld und die Umkehr und die Neuausrichtung des Weges. Ich bin mir nicht sicher, welche Farbe diese Morgenfeier heute hat. Buße, also Umkehr und auch das Bekenntnis der Schuld sind sicher nötig. Ohne diese innere Klärung ist wahrscheinlich ein erneuertes Leben auch gar nicht möglich. Lange genug ist die falsche Saat aufgegangen. Das Unkraut des Judenhasses hat lange genug den Weg geprägt, den die Kirche gegangen ist. Neue Wege müssen her, neue Erfahrungen, neues Leben.

Deswegen erzähle ich diese Geschichten. Ich habe Menschen getroffen, ganz normale Menschen. Alte freundliche Männer, eine zerknitterte Dichterin, einen Maler und Sänger bissiger Lieder. Sie haben für mich Umkehr möglich gemacht. Sie haben in mir neue Wege gebahnt, noch bevor die alten in mir fruchtbar werden konnten. Später dann nach der Schule bin ich wieder nach Israel, um dort meinen Ersatzdienst abzuleisten. Kriegsdienst wollte und konnte ich nicht machen. Stattdessen bin ich nach Israel. Mit Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, um meinen Teil zum Neuanfang zu leisten.

Aktion Sühnezeichen – komplizierter Name. Auf Hebräisch klingt der Name ein wenig anschaulicher: Ot ha Kapparah, das heißt wörtlich: Zeichen der Bedeckung. Dahinter steht ein geistliches Bild: Unsere Schuld ist da. Doch bietet Gott an, dass er diese Schuld bedeckt. Wir Menschen müssen nur ein Zeichen geben, dass wir bereit zur Umkehr sind und dass wir um diese Bedeckung bitten. Schon wirft Gott sein gnädiges Tuch über die Vergangenheit und rechnet sie uns nicht mehr an. Nur so ist Versöhnung möglich. Ich kann die Vergangenheit nicht vergessen machen! Und um das Vergessen geht es ja auch gar nicht. Es geht darum, einen neuen Weg einzuschlagen. Wer aber den Alten Weg vergisst und verdrängt, der ist wohl verflucht, ihn aufs Neue zu beschreiten.

Lernen

In Jerusalem habe ich dann später auch ein Semester studiert. Ich habe mit vielen Menschen zusammengelebt, die allermeisten waren Juden – was sonst? Ich habe in einer jüdischen Küche die Speisegebote halten gelernt und habe die jüdischen Feiertage mitgefeiert und an der Universität gelernt, wie in der jüdischen Tradition Schrift gelesen und gedeutet wird. Ich glaube es gibt keinen bessern Weg der Versöhnung: Den Alltag miteinander leben.

Wenn man zusammenlebt, kocht, lernt, isst und feiert, wie kann man da noch auf die Idee kommen, der andere sei so sehr anders? Wie kann man dann noch meinen, der andere sei in irgendeiner Weise weniger wert? Die israelische Sängerin Noa überschreitet auch diese Grenze, die wir Menschen setzen: Sie singt als Jüdin Melodien von Johann Sebastian Bach. Sie singt ein Lied über Grenzen und Mauern – und darüber, dass uns die nicht davon abhalten können, uns zu begegnen – fast wie in einem Spiegel: Mein Glaube hat in Israel seine Wurzel bekommen - und Weite.

Als Christen dürfen wir keinesfalls auf das Judentum herabblicken. Es ist die Wurzel, die uns trägt. Paulus sagt das auch in seinem Römerbrief: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Wenn wir diese Wurzel vernachlässigen, schneiden wir uns selbst ab. Halten wir aber Kontakt zur Wurzel, fließt auch unser Glaube lebendiger. Und wir reißen die Mauern ein, die so viel Schmerz verursacht haben.

Eine letzte Geschichte:

Ich lebe mit einem Kollegen zusammen in einem Haus am Rande Jerusalems. An einem Donnerstag klingelt es an der Türe. Ein ärmlich aussehender, alter Mann steht davor, ringt die Hände und versucht sein Bestes auf Englisch. Ich kann ihm helfen, da ich mittlerweile Hebräisch gelernt habe. Ein Gerät hat er gekauft, eine Zeitschaltuhr – deutsches Fabrikat, damit er am Sabbat nicht mehr die Lampen selber an- und ausmachen muss. Am Sabbat soll man das nicht. Es ist Arbeit. Seine Frau ist ein wenig frommer als er – ihm wäre es ja egal, aber die Frau... Wir nicken verständnisvoll. Nun, er hat die Zeitschaltuhr schon im Sicherungskasten eingebaut, aber jetzt muss sie eingestellt werden. Eine hebräische Gebrauchsanleitung liegt nicht bei, Englisch hilft ihm auch nicht, die Anleitung ist auf Deutsch. Ob wir vielleicht?

Ja, klar, kein Problem. Wir gehen sofort mit und stellen die Uhr ein, wie er es will. Und als alles so weit ist, sagt er noch: "Ihr kommt am Freitagabend zu uns!" Zum Sabbat-Essen. Was für eine Ehre! Natürlich sagen wir zu, kein Drandenken, nicht zu kommen. Am Freitagabend sitzen wir wie verabredet bei ihm und seiner Frau am Tisch. Kerzen brennen, viele Teller großzügig verteilt, sauer eigelegtes Gemüse, Reis, Fisch, Hühnchen, Obst, süßes Gebäck ... das Abendessen nimmt kein Ende. Wir speisen wie Könige.

Er sieht unsere verwunderten Blicke, deutet sie recht: Nein, nein, sagt er, wir essen nur am Shabbat so, am Shabbat feiern wir die Freiheit, am Shabbat sind wir Könige. Während der Woche müssen wir sparen, aber den Sabbat lassen wir uns von der Armut doch nicht kaputt machen. Die Würde in seinen Augen vergesse ich nie. Dieser Abend hat mich alles gelehrt, was ich je über das Sabbat-Gebot lernen konnte. Er ist der Tag der Würde und der Freiheit. Mir als Christen hilft es, den Sonntag besser zu verstehen.

An einem anderen Tag bin ich an der Universität in Jerusalem. Ich habe frei und suche die Ruhe und Kühle der Synagoge. Der Blick durch das große Fenster geht zur Altstadt. Golden schimmert der Felsendom mit seiner Kuppel. Verteilt im Raum stehen oder sitzen wenige betende Menschen. Sie haben feste Rituale, Satz um Satz, Wort um Wort fließt das Gebet leise von ihren Lippen. Und ich? "Man soll nicht viele Worte machen" klingt mir Luther im Ohr. Ich bin beschämt. Warum fällt mir nichts ein? Aber ja, doch! Das Vater Unser! Die Worte des Juden Jesus! Passt doch! Ich wage mich also hinein: Spreche es einmal – schon ist es vorbei. Spreche es wieder. Zu kurz. Erneut und erneut spreche ich die Worte dieses einen Gebets. Persönliche Bitten sind unnötig, Gott weiß, was ich brauche. Vater Unser. Immer wieder.

Damals in der Synagoge habe ich beten gelernt. Ich weiß jetzt, dass es nicht auf eigene Worte ankommt, ich weiß, dass es darum geht, mich zu öffnen. Nicht Gott braucht die Bitte, Ich brauche sie! Die Bitte um das Brot macht mich dankbar und offen für die Freude an jedem Bissen. Die Bitte um Vergebung öffnet mich für Umkehr und Neubeginn. Das "Unser" im Vater Unser aber verbindet mich: Mit Juden, Christen, Muslimen und darüber hinaus. Immer wieder dieses "Unser". Es duldet keine Mauern.

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