Bei einer Podiumsdiskussion sagte jüngst eine Kollegin, die evangelische Kirche müsse endlich ihre Nabelschau beenden und den Blick über sich selbst hinaus weiten, um wirklich Kirche für andere zu sein und Neuaufbrüche zu eröffnen. Der Unterschied von Kirche und Nicht-Kirche müsse überwunden werden. Applaus.
Ich biss mir auf die Zunge, was mir bekanntlich schwer genug fällt, und dachte: "Diese Nonchalance, mit der aus der Not des erwartbaren Endes der empirischen evangelischen Volkskirche nördlich der Alpen die Tugend der Entgrenzung des Christentums hin zu einer säkularen humanistischen Menschheitsreligion gemacht wird, ist schon beachtlich."
In meinem Mund begann sich ein schaler Geschmack auszubreiten. "Wenn Gehaltsempfängerinnen der evangelischen Kirche das sagen, was die Kollegin neben mir gerade eben gesagt hat", dachte ich mir, "dann klingt das für mich zu sehr nach Grandhotel Abgrund und Nach-mir-die-Sintflut, um glaubwürdig sein zu können."
Dann dachte ich daran, was ich manchmal selbst denke. Ich dachte, dass ich gelegentlich versucht bin, für den Austritt aus der evangelischen Kirche zu plädieren, und dass ich in den tiefsten Tiefen meiner Frustration hin und wieder mit dem Gedanken spiele, tatsächlich aus der evangelischen Kirche auszutreten, weil ich in ihr nicht mehr die Kirche Jesu Christi, ja eigentlich überhaupt nicht mehr so etwas wie Kirche wiederzuerkennen vermag.
Würde ich mir nicht auf die Zunge beißen, sondern so etwas laut sagen oder gar in einer öffentlich lesbaren Kolumne schreiben, dann würde ich mit Sicherheit von vielen Christenmenschen Applaus bekommen. Allerdings könnten sich solche Sätze aus dem Mund eines evangelischen Pfarrers schnell als existenzgefährdende Sätze erweisen.
Selbstsäkularisierung wird Ende der Kirche beschleunigen
Die spannende Frage in diesem Zusammenhang ist nun natürlich, welche der beiden Äußerungen faktisch kirchengefährdender ist: meine oder die der Podiumsdiskussionskollegin. Die Pfarrerin, die sagt, Kirche sei mehr als Kirche, und die deshalb das Ende der traditionellen, dogmatisch provinziellen Kirche schulterzuckend um einer höheren und weitherzigeren Menschheitsmoral und um einer religionstranszendierenden Überreligion willen in Kauf nimmt, dürfte in einer Kirche, deren Selbstsäkularisierungsprozess weit fortgeschritten ist und oft als letzter Strohhalm ergriffen wird, als prophetisch und visionär gelten. Derjenige dagegen, der an der sichtbaren Kirche leidet, weil diese ihre geistlichen Wurzeln und ihre Verankerungen im Himmel zu kappen droht und den Ast absägt, auf dem sie sitzt, dürfte in einer Kirche, die jede notgeborene organisatorische Transformation, jede Entfernung vom Traditionsbestand und jede Erledigung von Transzendenz mit der Vollmundigkeit der Verzweiflung als Reformation inszeniert, eher einen ewiggestrigen, wenn nicht sogar nestbeschmutzenden Eindruck hinterlassen.
Vielleicht irre ich mich ja auch. Aber zuweilen scheint mir, als gäbe es ein unausgesprochenes Credo der säkularisierten kirchlichen, kirchenleitenden und theologischen Zeitgenossenschaft. Es lautet: "Der Christ und das Christentum der Zukunft werden säkular sein oder sie werden gar nicht sein."
Ich glaube allerdings, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird. Wenn die evangelische Kirche auf die Säkularisierung aller Lebensbereiche so reagiert, dass sie ihr Heil in der Flucht in die Selbstsäkularisierung und in die nichtreligiöse spirituelle oder sozialmoralische Entgrenzung sucht, wird sie ihr Ende eher beschleunigen als hinauszögern.
Viele Menschen werden, wenn sie überhaupt solche Kolumnen lesen, angesichts all dieser Gedanken freilich nur den Kopf schütteln oder mit den Schultern zucken. Und zwar deshalb, weil sie derlei theologische Überlegungen nicht im geringsten für relevant halten, sondern davon überzeugt sind, dass es schlicht und einfach vorbei ist mit dem großinstitutionell organisierten abendländischen Christentum und dass es keine Strategie gibt, seinen Untergang aufzuhalten.
Vielleicht ist dieses Schulterzucken ja sogar die verbreitetste Haltung selbst im Innersten von Kirche und Theologie. Nicht nur die Kirchenleitungen, auch die theologischen Fakultäten ergreifen ja schon lange die Flucht nach "vorn" und stellen von christlicher Theologie auf Kultur- und Religionswissenschaft um. In Zukunftspapieren der evangelischen Fakultäten findet sich denn auch gar nicht mehr das Wort Gott. Offenbar wird es eher für einen Nachteil im universitären Überlebenskampf gehalten. Der interreligiösen und interkulturellen Kompetenz und Kommunikation scheint eher die Zukunft zu gehören als der konturierten überzeugungsgeleiteten apologetischen oder offensiven Weitergabe des theologischen Erbes der Christenheit.
Um ihrer vorhersehbaren Beschäftigungslosigkeit zu entgehen, setzen manche Kolleginnen und Kollegen in einer letzten Volte des Überlebenwollens durch theologische Suizidierung auf das Metier interreligiöser und interkultureller Moderation, versuchen sich also beispielsweise als interreligiöse Trainerinnen und Trainer und bilden andere zu solchen Trainerinnen und Trainern aus. "Interreligiöser Trainer". Das klingt natürlich cooler als die altbackenen kirchlichen Berufsbezeichnungen. Außerdem erweckt es den Anschein größerer Geistesgegenwart, weil es passgenau auf die Herausforderungen der multireligiösen Gesellschaft reagiert und somit "state of the art" zu sein scheint.
Ich befürchte freilich, dass die künftige Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland keine multireligiöse, sondern eine monokulturell areligiöse Gesellschaft sein wird – präziser gesagt eine areligiöse Gesellschaft mit einer wachsenden muslimischen Mehrheit. Und das ist nicht Ideologie, sondern Empirie. Denn so ist die Lage.
Moderner Protestantismus in der Sackgasse
Was die Lage des modernen Protestantismus anbelangt, so würde ich übrigens sagen, dass sie in einer Sackgasse lokalisiert ist. Weder der christliche Sozialmoralismus noch das liberale Selbstbestimmungschristentum, ganz zu schweigen von der christlichen Vaselineverkündigung belangloser und durch ihre Belanglosigkeit anstoßlos anschlussfähiger Binsenweisheiten des Menschlich-Allzumenschlichen werden sich sichtbar fortpflanzen, also in Kirchenmitgliedschaften und deutlichen Identifikationen mit der christlichen Kirche und dem christlichen Glauben niederschlagen.
Ich sehe meine Kollegin aus der Podiumsdiskussion vor mir. Sie würde jetzt wahrscheinlich A14-tiefenentspannt und zugleich fassungslos empört angesichts ihres offenbar islamophoben Gesprächspartners sagen, dass es ein Zeichen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und überdies völlig kleinkariert, exklusivistisch, hinterwäldlerisch und zukunftsabgewandt sei, weiterhin auf ein sichtbar christliches Christentum statt auf ein religiös unsichtbares, dafür gesellschaftspolitisch und medial um so einflussreicheres demokratie-, menschenrechts- und schöpfungssensibles Christentum zu setzen.
Ich bin allerdings zutiefst davon überzeugt, dass das von der Kollegin favorisierte Christentum kein Christentum mehr wäre. Und ich muss – rückwärtsgewandt, wie ich bin – auch noch etwas anderes gestehen. Ich würde lieber in einer christlichen Zivilisation als in einer muslimischen oder atheistischen Zivilisation leben – auch wenn die Idee, dass es jemals wieder eine christliche Zivilisation im Land der Reformation geben könnte, ihrerseits naiv sein mag.
Die Vision einer muslimisch-atheistischen Mentalitätenmixtur bereitet mir nicht zuletzt deshalb Unbehagen, weil ich ernsthaft befürchte, dass die ganze interreligiöse und interkulturelle Romantik einer großen Fehleinschätzung aufsitzen könnte. Die Idee, dass an die Stelle der christlichen Religion in Europa eine aufgeklärte, interreligiös friedliebende und versöhnliche, undogmatische und unideologische Menschheitsreligion treten könnte, verkennt die Realität. Aber dass sie die Realität verkennt, heißt natürlich nicht, dass diese Idee nicht um so inniger gehegt, gepflegt und gehätschelt wird.
Das beste oder vielmehr bizarrste Beispiel für diese interreligiöse Romantik begegnete mir vor einigen Wochen, als ich – ausgerechnet in der Basilika Vierzehnheiligen!!! – im "Franziskaner" blätterte, dem Magazin für franziskanische Kultur und Lebensart. Das Heft war dem Thema "Credo. Ich glaube" gewidmet. Es ließ sich nicht anders aufschlagen als dort, wo die Klammerung war, also so, dass der Blick sofort auf die Doppelseite in der Heftmitte fiel. Sie stand unter der Überschrift "Die 99 Namen Allahs".
"Okay", dachte ich, nachdem ich meine Fassung wiedergewonnen und in der eisigen Basilika ein leises Vaterunser hervorgepresst hatte. Ein Franziskaner, das sich hätte zischen lassen, stand in diesem Moment nicht zur Verfügung. "Kann man machen. Müsste man nicht machen. Aber sie haben halt keinen Nachwuchs, und so versuchen sie mit allen Mitteln, Aufmerksamkeit von wem auch immer zu bekommen. Vielleicht wittern sie aber ja etwas, was andere auch wittern, aber nur nicht so laut oder so arglos sagen. Dass nämlich die Zeit, in der religiöse Gesinnungen, dogmatische Überzeugungen und metaphysische Hoffnungen für das Christentum identitätsrelevant waren, vorbei ist und das eigentlich Identitätsrelevante im säkularisierten Christentum nur noch das Humanistische ist, von dem man glaubt, dass es allen vernünftigen Religionen als Essenz zugrundeliegt. Und auf diesen guten alten Deismus und sein Weltethos setzen sie eben jetzt, indem sie den Stier des Niedergangs bei den Hörnern packen."
Sie könnten sich allerdings täuschen. Sie könnten sich täuschen, wenn sie die Idee des Bekenntnisses zu Christus leichtfertig durch das interreligiöse Bekenntnis zu friedlicher philanthroper Eintracht und versöhnter Verschiedenheit ersetzen. Die allzu schöne Idee, dass das eigentlich Religiöse und das eigentlich Christliche das Menschenrechtliche ist und dass in einem nachchristlichen Abendland genau dieses Menschenrechtliche im friedlichen Miteinander der Religionen und Kulturen überleben wird, könnte verkennen, dass es religiöse Mentalitäten gibt, die militanter und missionarischer, also tatsächlich kolonialistischer Natur sind und nicht Menschheitsmoralexportwettbewerbe und religiöse Selbstkritik, sondern politisch-religiöse Hegemonie im Sinn haben. Mit anderen Worten: Wer die moralische Grundierung der Welt für ein realistisches Gegenwarts- und Zukunftsszenario hält, seine religiöse Energie darin investiert und die Brutalität des religions- und geopolitischen Kulturkampfs unterschätzt, könnte in die Falle seiner säkularen Blauäugigkeit tappen und ein um so böseres Erwachen zu gewärtigen haben.
Wo wird der christliche Glaube überleben?
Mich treibt bei all meinem Nachdenken über Säkularisierung und Selbstsäkularisierung ja im Grunde meines Herzens und auf dem Grunde meiner Gedanken letztlich eine einzige Frage um. Und natürlich regte mich meine Kollegin bei der Podiumsdiskussion genau deshalb so auf, weil ich spürte, dass sie von derselben Frage umgetrieben wird, mir ihre Antwort aber nicht als Lösung, sondern als Verschärfung des Problems erscheint. Die Frage lautet: Wie und wo wird der cisalpine christliche Glaube den Epochenbruch dieses 21. Jahrhunderts überleben?
Die Zahl der Theologiestudierenden nimmt in allen christlichen Konfessionen drastisch ab. Die Staatskirchenverträge werden nur am Leben zu erhalten sein, wenn die unmögliche Möglichkeit absoluter christdemokratischer oder christsozialer Mehrheiten Wirklichkeit wird. Die Universitätstheologie wird in absehbarer Zeit nur noch Schwundstufentheologie sein.
Wo wird das Christentum inmitten der Verdünnisierung des Christlichen im vormals christlichen Abendland und inmitten des Sterbens der ethischen und politischen Narrative der Aufklärung überleben? In welchen Speichermedien einer verbleichenden Kultur wird das Vergehende gegenwärtig bleiben? In der bloßen historischen Erinnerung an Vergangenes? In freikirchlichen Ausbildungsstätten? Im sakramentalen Ritus? Im Welterbe der großen Kathedralen, Basiliken und Klöster? In jener geistlichen Musik und geistlichen Kunst, die aus der abendländischen Kultur noch immer nicht wegzudenken sind, also im Medium der Ästhetik, die ihre Kraft vor allem als Kunst der Unterscheidung von den Gängigkeiten des Zeitgeistes entfaltet? In der spirituellen Innerlichkeit, die allerheiligste Privatsache ist und niemanden etwas angeht? Inkognito, also als soziale Substanz unserer Gesellschaft, wie von manchen theologisch liberalen Säkularistinnen und Säkularisten erhofft? Oder am Ende doch in theologisch-politischen Narrativen wie denjenigen eines J. D. Vance oder Marco Rubio, die sich im nächsten US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf als Retter des christlichen Abendlands und als Aufhalter im Sinne von 2. Thessalonicher 2, 6f präsentieren und "America" und die freie westliche Zivilisation "great again" zu machen versprechen werden – mit dem ebenso erwartbar transatlantischen Flashback, dass alle, die innerhalb des europäischen oder transäquatorialen Christentums starke Überzeugungen rettender göttlicher Transzendenz vertreten, als "rechts" gebrandmarkt werden?
Am Rande der erwähnten Podiumsdiskussion fragte mich ein kluger Kollege, ob ich keine Angst hätte, dass sich hinter all zu starken konventionellen Gottes- und Transzendenzvorstellungen rechte Gesinnungen verstecken und salonfähig werden könnten. Ich ersparte dem Kollegen und mir an jenem Abend die Debatte, ob "linke" Gesinnungen per se positiv zu werten seien, ob "rechte" Gesinnungen per se problematisch seien, was genau er eigentlich unter "rechts" verstehe und ob es für ihn einen Unterschied zwischen einer legitimen "rechten" und einer illegitimen "rechtsradikalen" Position gebe und wo genau dieser Unterschied liege.
Ja, ich sehe die Gefahr, dass Theologie politisch funktionalisiert und missbraucht wird. Aber diese Gefahr droht von allen Seiten des politisch-theologischen Spektrums. Auch hinter einem gottesvergessenen christlichen Glauben und hinter der seit Dietrich Bonhoeffers Gefängnisbriefen vielzitierten und vielgeliebten Theologie des ohnmächtigen Gottes und der nichtreligiösen Interpretation biblischer Begriffe können sich Gesinnungen verstecken, die die Demokratie und den christlichen Glauben – eben von der anderen, linken Seite des politischen Spektrums aus – gefährden und ideologisch und totalitär zunichte machen.
Das Oben-Ohne-Christentum
Mir jedenfalls macht auch jenes von Theodor W. Adorno spöttisch so genannte "Oben-ohne-Christentum" Angst, das den Himmel auf die Erde zwingen will. Es macht mir Angst, weil der spirituelle Kahlschlag, zu dem dieses Oben-ohne-Christentum führt, unweigerlich eine Leere erzeugen wird, die mit sehr Ungutem gefüllt werden könnte – genauer gesagt mit einer Mischung aus Nihilismus und Absolutismus, die kein guter Nährboden für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.
"Wie sollen Menschen innerweltliche Spannungen aushalten, wenn sie von der Spannung zwischen Himmel und Erde nichts mehr wissen?" So fragte Bonhoeffer. Auch ich frage mich das. Und ich frage mich außerdem: "Wie sollen Menschen untereinander zusammenhalten, wenn sie vom Zusammenhalt zwischen Himmel und Erde, also vom Heiland nichts mehr wissen?"
Wo und auf welche Weise wird der christliche Glaube im ehedem christlichen Abendland überleben? Wird die Zeit der Heiligen wiederkehren? Werden diejenigen ihre beste Zeit noch vor sich haben, die die Zeichen des Lebens, des Leidens und der Leidenschaft Jesu Christi am eigenen Leib und an der eigenen Seele tragen und den Glauben befremdlich und faszinierend neu zum Strahlen bringen? Werden es doch einige einsame, aus der Zeit gefallene christliche Streiterinnen und Streiter sein, die in einer zunehmend nachchristlicheren Welt das Fähnlein Christi hochhalten und an die Anderswelt erinnern? Wo in der schweren See der großen Zeitenwende wird sie also zu finden sein und an welchen Gestaden wird sie landen, die christliche Flaschenpost?
In einer nichtchristlichen Landschaft Deutschlands fragte mich einer vor einiger Zeit nach meinem Beruf. Ich sagte, ich sei Pfarrer. Er fragte: "Fahrer sind Sie? Oje, das ist aber ein anstrengender, schlecht bezahlter Job. Tag und Nacht auf dem LKW unterwegs! Allen Respekt." Er hatte das Wort Pfarrer tatsächlich noch nie gehört.
Manchmal hege ich ja die aberwitzige Hoffnung, dass in der totalen, rückstandsfreien Säkularisierung und im gänzlichen Verlust des christlichen Wort-, Bild- und Assoziationskosmos auch eine missionarische Chance für die wenigen Letztverbliebenen der pastoralen Innung und der bekennenden Christenheit liegen könnte. Sie müssten dafür aber den geistlich-theologischen Mut haben, sich in dieser absoluten Diasporasituation aus der Komfortzone stressfreier Unkenntlichkeit in die Stresszone sperriger Kenntlichkeit zu begeben.
"Fahren Sie in Gottes Namen weiter"
Neulich fuhr ich, weil ich tatsächlich nicht nur Pfarrer, sondern oft auch Fahrer bin, auf einem für den öffentlichen Verkehr gesperrten Feldweg zu einer Anhöhe mit einer Kapelle. Ich könnte jetzt sagen, dass ich mir den Fuß verknöchelt hatte und daher nicht in der Lage war, zur Kapelle hinaufzusteigen. Aber ich bin ein ehrlicher Mensch und gebe zu, dass ich an diesem Tag einfach zu faul zum Laufen war, allerdings eben gerne dort oben in der Kapelle sitzen wollte.
Auf halben Weg sah ich, dass mir ein Bauer mit dem Traktor entgegenkam. "Auweia", dachte ich mir, "was wird jetzt werden?" Der Bauer bremste und rief mir von seinem Fahrersitz herab unter nagelnden Dieselmotorgeräuschen zu: "Hier dürfen Sie nicht fahren. Was wollen Sie denn hier?"
Die einzige Antwort, die mir in einem Akt heiklen Amts- oder vielmehr Religionsmissbrauchs einfiel, war: "Ich möchte beten. Dort oben in der Kapelle."
Beten. Keine andere Antwort hätte den armen Mann derart sprach- und fassungslos gemacht. Keine andere Antwort wäre im ja doch noch halbwegs christlich geerdeten und gehimmelten Oberfranken exotischer und koordinatensprengender dahergekommen. Der Bauer starrte mich an, als erscheine ihm gerade der Leibhaftige. Und ich merkte in diesem Augenblick, wie im Geist des Mannes auf seinem Traktor angesichts des verbotenen Autofahrers die Vertikale in die Horizontale seines Feldes hereinbrach und dem Verwirrten auf einmal innerlich das Unzeitgemäßeste von allem, nämlich ein Kreuz vor Augen stand.
Beten. Unglaublich. Hätten wir das Jahr 1445 geschrieben, wäre die Stelle, an der sich mein SUV und der Bulldog Auge in Auge gegenüberstanden, vermutlich der Ort gewesen, an dem aufgrund dieser Erscheinung des Bauers eine Wallfahrtskirche gebaut worden wäre.
Wo und wie wird es überleben, das sichtbare Christentum? Im absurden, quer zu allen Selbstverständlichkeiten, Säglichkeiten und Salonfähigkeiten stehenden Bekenntnis? In Ordensgemeinschaften, die Ernst damit machen, dass die säkulare Welt letztlich keine einzige erfüllende Antwort auf die Krisen unserer Zeit und auf das Rätsel und die Nöte unseres Lebens zu bieten hat?
Ich weiß es nicht.
"Also gut, fahren Sie in Gottes Namen weiter", sagte der Bauer.
Das tat ich. Und das werde ich weiterhin tun, auch wenn manche mich für einen Geisterfahrer halten, der Gespenster sieht.
Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk" ab 12. März 2026
Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Ab 12. März 2026 erhältlich.